Hugo von Hofmannsthal, Der Brief des Lord Chandos

“Mein Geist zwang mich, alle Dinge, die in einem solchen Gespräch vorkamen, in einer unheimlichen Nähe zu sehen: so wie ich einmal in einem Vergrößerungsglas ein Stück von der Haut meines kleinen Fingers gesehen hatte, das einem Blachfeld mit Furchen und Höhlen glich, so ging es mir nun mit den Menschen und ihren Handlungen. Es gelang mir nicht mehr, sie mit dem vereinfachenden Blick der Gewohnheit zu erfassen. Es zerfiel mir alles in Teile, die Teile wieder in Teile, und nichts mehr ließ sich mit einem Begriff umspannen.”

1958 drehte Alfred Hitchcock, einer der größten Psychologen des Kinos, einen Film über einen Mann, der Traum und Wirklichkeit nicht unterscheiden kann. Auf dem Plakat von “Vertigo” ist eine Schraubenlinie zu sehen: ein Wirbel, der den Betrachter wie ein Sog in den Abgrund zieht.
Vertigo heißt, wörtlich übersetzt, Schwindel; etwas erkennen zu können ist immer auch eine Frage des Standpunkts, der Perspektive. Heute gilt “Vertigo” als einer der besten Filme aller Zeiten. Gut möglich, dass der Sog in den Abgrund die Grunderfahrung der Moderne ist.Im Jahr 1902, Hitchcock war gerade mal drei Jahre alt, veröffentlichte der Wiener Dichter Hugo von Hofmannsthal einen Text über die Wahrnehmung – über den Schwindel, der ihn erfasst hatte und mit ihm das ganze Zeitalter. “Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen”, ließ er einen fiktiven Lord Chandos schreiben, hinter dem sich unverkennbar Hofmannsthal selber verbarg. Er empfinde Unbehagen, Begriffe wie “Geist” oder “Seele” auszusprechen. Die Wörter passten nicht mehr zu den Dingen, alles erscheine ihm “so unbeweisbar, so lügenhaft, so löcherig”. Die Sprache schien nicht länger geeignet, die Welt zu ordnen. 

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