Weder öko noch abbaubar Warum Bioplastik nichts taugt

Unternehmen sehen in kompostierbaren Kunststoffen oder Plastik aus nachwachsenden Rohstoffen die Lösung für ihre Probleme. Doch Studien zeigen: Bioplastik ist genauso gesundheitsschädlich wie normaler Kunststoff und zersetzt sich auch nach Jahren nicht.

Was wäre, wenn die Plastikverpackungen auf der Welt durch ein anderes Material ersetzen? Ein Material, dass aus nachwachsenden Rohstoffen besteht, sich auf natürlichen Wegen zersetzt, weniger schädlich für Mensch und Umwelt ist, und dabei trotzdem so leistungsfähig ist wie die Kunststoffe, die wir heute kennen?

Klingt wie ein Märchen? Das ist es auch.

Seitdem Bilder von Plastikinseln im Meer um die Welt gehen, seitdem Tiere mit Plastik im Magen verhungern, seitdem Regierungen Kunststoffstrohhalme und Einwegplastiktüten verbieten, ist klar: Der Umgang der Menschen mit Plastik ist ein Problem für die Umwelt – und es braucht eine Alternative.

Schuhe aus Algen, Trikots aus Spinnweben – die weltweite Suche nach nachhaltigen Materialien läuft. James Carnes, bei Adidas für Strategie und Nachhaltigkeit verantwortlich, über die Fahndung nach Rohstoffen von morgen.

In dieser Stimmungslage haben die sogenannten Biokunststoffe in den vergangenen Jahren eine wahre Blitzkarriere hingelegt. 2018 kamen rund 2,1 Millionen Tonnen Bioplastik auf den Markt. Das ist zwar nur etwa ein Prozent der gesamten Kunststoffproduktion. Aber viele Unternehmen bauen ihre Zukunftsstrategien auf Bioplastik auf. So will etwa Adidas an Kunststoffen aus Algen forschen, und Lego will seine Klötzchen aus Zucker herstellen und Ikea verkauft Becher oder Frischhaltetüten aus Zuckerrohr-Resten. Die Branche selbst prognostiziert sich deshalb weiteres Wachstum, bis 2024 könnte die Produktion um 15 Prozent steigen.Eine Reihe von wissenschaftlichen Studien stellen nun den Nutzen von Bioplastik in Frage. Sie untersuchen, welche Wirkungen – und Nebenwirkungen – die Biokunststoffe tatsächlich haben. Die Ergebnisse: Viele Bioplastikprodukte verpacken vor allem Werbeversprechen. Für die Umwelt oder die Gesundheit aber sind sie keine echte Alternative.

Tatsächlich beginnen die Probleme schon bei dem Begriff „Bioplastik“. Der ist nicht genau definiert, Unternehmen können ihn also frei verwenden, um ihre Produkte anzupreisen. Generell fasst man darunter verschiedene Arten von Kunststoffen zusammen: Erstens biobasierte Kunststoffe, die aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden, zum Beispiel aus Maisstärke oder Zellulose. Und zweitens sogenannte kompostierbare Kunststoffe. Ob sich ein Kunststoff in der Natur – zumindest theoretisch – zersetzen kann, hängt nicht vom Ausgangsstoff ab, sondern von seiner chemischen Struktur.

Die Modeindustrie ist abhängig von billigen Fasern aus Plastik. Doch die schaden zunehmend dem Ruf der Unternehmen. Deshalb propagieren Konzerne wie Adidas Recycling als Alternative – und sitzen damit einer Illusion auf.

von
Jacqueline Goebel,
Peter Steinkirchner

Wer verstehen will, welche Auswirkungen Mais-Plastik und Co. auf unsere Gesundheit oder die Umwelt haben, der muss sich die Kunststoffe deshalb auf chemischer Ebene angucken. Genau das hat eine Forschungsgruppe von der Goethe-Universität Frankfurt und dem Institut für sozial-ökologische Forschung nun getan. Die Wissenschaftler untersuchten insgesamt 43 Produkte aus Biokunststoffen, die heute bereits im Laden als Produkt oder Verpackung erhältlich sind, darunter Trinkbecher, Kaffeekapseln, Einwegflaschen, Schalen für Obst oder Gemüse, Müllsäcke, Schokoladenverpackung oder Weinkorken. Sie führten Tests mit Bakterien durch und untersuchten die Produkte unter einem Massenspektrometer, um giftige Inhaltsstoffe nachzuweisen.

Das Ergebnis: Etwa zwei Drittel (67 Prozent) der Proben wiesen Stoffe auf, die giftig auf Zellen wirken. 42 Prozent der Proben können oxidativen Zellstress verursachen, und 23 Prozent wiesen Testosteronblocker auf, die den Hormonhaushalt des menschlichen Körpers beeinflussen können. Bei einer vorherigen Studie mit herkömmlichen Kunststoffen aus fossilen Brennstoffen kamen die Forscher auf ähnliche Werte. „Diese Ergebnisse zeigen, dass die biobasierten und bioabbaubaren Materialien keinesfalls weniger bedenklich sind“, erläutert Studienautorin Lisa Zimmermann.

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