Düsseldorf Das Gespräch zwischen Dermanostic-Gründern und B.Braun-Managerin führt direkt in den Intimbereich: „Wir sehen in unserer App eine extrem hohe Quote an Geschlechtserkrankungen“, sagt Alice Martin. Seit die Hautärztin mit drei weiteren Medizinern den digitalen Hautarzt gegründet hat, schicken Patienten ihr häufig Fotos von Rötungen am Penis. Die Hemmschwelle ist niedriger als in der Praxis. „Wenn ich ins Behandlungszimmer komme, sagen viele Männer erst mal: Ach so …, eigentlich habe ich nur trockene Haut.“ „Wahnsinn“, sagt Katrin Sternberg, Entwicklungsvorständin bei der Medizinproduktsparte Aesculap im B.Braun-Konzern. Sie ist schnell davon überzeugt, dass sie den Gründern helfen will. Als eines der zehn Siegerteams beim Start-up-Wettbewerb Weconomy hat sich Dermanostic am Freitag mit hochrangigen Führungskräften aus Mittelstand und Konzernen ausgetauscht. Die Veranstalter der Wirtschaftsinitiative Wissensfabrik und des Gründerzentrums UnternehmerTUM der TU München wollen „aus guten Ideen erfolgreiche Unternehmen machen“. Deshalb kam für Veranstalterin Steffi Blumentritt auch nicht infrage, die Veranstaltung aufgrund des erhöhten Infektionsrisikos am planmäßigen Veranstaltungsort Stuttgart abzusagen: „Start-ups benötigen gerade jetzt den Austausch mit Topmanagern, um von deren Know-how und Erfahrung zu profitieren“, sagte sie. Deshalb wurde das Event kurzfristig per Video durchgeführt. Jedes Start-up bekommt in vier Gesprächsrunden die Chance zum Austausch mit einer oder mehreren Führungskräften. Hier geht es nicht darum, wer schon die besten Voraussetzungen für ein raketenhaft an die Börse schießendes Geschäftsmodell entwickelt hat. Wer ein echtes Problem mit einer guten Idee unternehmerisch lösen will, dem wird hier bei allen Herausforderungen geholfen. Deshalb nehmen zwar einige Gründer mit dem Ziel teil, den Managern ihre Lösungen zu verkaufen. Andere nutzen die Chance aber viel mehr, um offen über Schwierigkeiten bei der Entwicklung eines Geschäftsmodells und bei der Kapitalsuche zu sprechen.Aus Kontakten werden KooperationenErstmals hat sich Weconomy in diesem Jahr dabei zur Aufgabe gemacht, gezielt Unternehmerinnen zu fördern. Denn über viele Jahre hatten sich kaum Frauen für das Format beworben, bei dem Unternehmen wie Bosch, SAP, BASF, Trumpf, Daimler und Drägerwerk Hilfe mit Rat und Kontakten anbieten – und immer wieder auch zu langfristigen Geschäftspartnern für die Gründer werden. Manche der unterstützenden Unternehmen gehören zu den aktivsten in Deutschland, wenn es um die Zusammenarbeit mit Start-ups geht.

Die Veranstalter wollen dazu beitragen, dass davon nicht nur männliche Gründer profitieren und Start-ups keine Männerdomäne bleiben. Deshalb haben sie 2020 erstmals nur Gründerteams mit weiblicher Beteiligung zugelassen.

„Es gibt exzellente Gründerinnen in Deutschland“, sagt der Juryvorsitzende Burkhard Schwenker, der bei der Unternehmensberatung Roland Berger Beiratsvorsitzender ist – man müsse sie nur länger suchen. „Wir glauben, dass es hilft, Vorbilder zu zeigen und dass wir einen ganz neuen Schwung in die Start-up-Szene bringen können“, begründet er den Schritt. Auch in der Jury und unter den beratenden Topmanagern wurde der Frauenanteil auf 50 Prozent erhöht. Überraschend für die Veranstalter: Nach großen Werbeanstrengungen wurde schließlich mit 190 Einsendungen – trotz der neuen Regel – ein Bewerberrekord erreicht.Laut Schwenker hat sich die Quotenregelung wieder mal bewährt, auch wenn ihm solche Aussagen „Shitstorm“ eingebracht hätten. Mit Blick auf die Auswahlrunde resümiert er: „Wir haben exzellente, reflektive und nicht so Ich-bezogene Bewerber gesehen, wie das häufig der Fall ist.“ Die Bandbreite der Siegerprojekte zeigt auch, dass Frauen in allen Bereichen gründen: Die dreifache Mutter Jana Krotsch etwa hat die Nachhilfe-App ubiLearning gegründet. Die Luft- und Raumfahrttechnikerin Maria Birlem stellt wiederverwendbare Minilabore für die Forschung im Weltraum bereit.Das Handelsblatt durfte als Partner der Veranstaltung Weconomy an mehreren Beratungsgesprächen teilgenommen. Drei Beispiele zeigen, was Start-up-Gründer von Topmanagern lernen können – und wie Führungskräfte von Gründern profitieren. Forscher aus Start-up und Konzern finden zusammenDas Start-up Cognibit aus München entwickelt Simulationsmodelle für das menschliche Verhalten von Autofahrern, Fußgängern und Radfahrern. Die Anbieter von autonomen Fahrzeugen und Fahrerassistenzsystemen sollen damit testen können, ob Autos mit der neuen Technologie verkehrssicher sind.

Cognibit
Drei Neurowissenschaftler wollen Anbietern autonomer Fahrzeuge helfen, die neue Technologie verkehrssicher zu machen: Ihr Entwicklertool simuliert das menschliche Verhalten im Verkehr.

Dahinter stehen drei Neurowissenschaftler, die erforscht haben, wann Autofahrer müde und Fußgänger an der roten Ampel ungeduldig werden. „Wir entwickeln ein Tool, das genau dieses realistische Verhalten in den schon jetzt bestehenden Simulationsplattformen bei den Herstellern generiert“, sagt Mitgründerin Isabelle Garzorz. Seit September steht der Prototyp für das Open-Source-System Carla.„Von der Technik her ist das hochspannend“, stellt Bosch-Geschäftsführer Michael Bolle schnell fest, der mit dem Autozulieferer ebenfalls in diesem Bereich arbeitet. „Gerade Fußgängerschutz ist ein sehr schwieriges Thema – aber was ist denn euer Geschäftsmodell?“ Die drei Wissenschaftler reden nicht lange drum herum: „Wir wollen das Entwicklerwerkzeug als Softwarelizenz mit jährlichen Gebühren anbieten“, sagt Garzorz – aber konkrete Kommerzialisierungspläne fehlten noch. Das weckt Ehrgeiz bei Bolle und dem zweiten Experten in der Runde, Vector-Informatik-Gründer Helmut Schelling.Auf dem Weg zum autonomen Fahren würde es noch lange um Systeme gehen, die darauf ausgelegt sind, dass der Fahrer im Notfall eingreifen kann, sagt Bolle. Da werde das Erkennen der Aufmerksamkeit des Fahrers ein wichtiges Thema.

„Sie müssen Ihre Erkenntnisse nicht nur in das Modell überführen, sondern in eine App, die in jedem Auto installiert wird“, überlegt Schelling, der mit seinem Unternehmen selbst Softwarewerkzeuge entwickelt. „Dann hätten Sie ganz andere Skalierungsmöglichkeiten!“ Am Ende des Gesprächs stellt Michael Bolle sicher, dass sich die drei Gründer mit der Forschungsabteilung von Bosch in Verbindung setzen.Start-up könnte Studien bei Pharmaunternehmen unterstützenDas Problem, das Alice Martin und ihre Mitgründer lösen, kennt fast jeder: Ein Leberfleck sieht plötzlich sehr dunkel aus, ein Hautausschlag juckt teuflisch, aber beim Hautarzt ist wochenlang kein Termin frei. Hautärztin Martin hat von Freunden deshalb oft per WhatsApp Fotos zugeschickt bekommen. „Ist das etwas Ernstes?“ Ihre Erfahrung: Die meisten Diagnosen lassen sich postwendend anhand von Handyfotos stellen – und bei manchen Krankheiten stehen die Heilungschancen dann noch viel besser als Wochen später.Daraus hat sie mit drei weiteren Medizinern eine Geschäftsidee entwickelt, den Hautarzt per App. Für 25 Euro bietet ihre im April gestartete Firma Dermanostic eine Diagnose binnen 24 Stunden an, inklusive Arztbrief mit Therapie und Rezept. Dazu müssen Patienten drei Fotos hochladen und einen Fragebogen ausfüllen. Die Gründer sind sich sicher, dass Künstliche Intelligenz, die mit ihren Diagnosen trainiert werden kann, dabei langfristig eine große Rolle spielen wird.„Wir müssen da mit Ihnen in Kontakt kommen, wir brauchen für ganz, ganz andere Bereiche solche Tools“, sagt Katrin Sternberg, Entwicklungsvorständin bei der Aesculap-AG im Pharma- und Medizintechnikkonzern B.Braun. Im Bereich der Chirurgiepatienten, wo Aesculap aktiv ist, sieht sie Einsatzmöglichkeiten bei der Beobachtung der Wundheilung, für den Pharmabereich von B.Braun bei der Begleitung von Studien, in denen Cremes auf Nebenwirkungen getestet werden.Ein Problem von Dermanostic: Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Behandlung bisher nicht. „Deshalb wollen wir zunächst Unternehmen als Kunden gewinnen, die die Behandlung für ihre Mitarbeiter als Arbeitgeberleistung übernehmen“, sagt Mitgründer Patrick Lang. Schließlich reduziere das auch Arbeitsausfälle. Diese Woche steht ein Gespräch darüber mit B.Braun an – Katrin Sternberg hat versprochen, im Zweifel noch ein gutes Wort einzulegen.Gemeinsames Brainstorming für bessere BotsDie Bots von Porsche, S.Oliver und Innogy werden mit ihrer Hilfe bereits besser: „Wir helfen Fachabteilungen ohne Programmierkenntnisse super einfach Chatbots zu entwickeln und weiter zu trainieren“, sagt Mitgründerin Michelle Skodowski. Dazu hat das Unternehmen Botfriends eine eigene Plattform entwickelt, die auf bestehenden Angeboten von Google, Microsoft, IBM und anderen Clouddienstleistern aufbaut – diese seien zum jetzigen Zeitpunkt nicht ohne Weiteres für Unternehmen einsetzbar.

Botfriends
Das Start-up hilft Unternehmen, Bots im Kundenservice besser zu machen – deren Mitarbeiter brauchen mit der Botfriends-Software kaum Entwicklerkenntnisse.

„Die Kunden da draußen nutzen sowieso schon die Technologien, die von den Großen angeboten werden, und das sehen wir als unsere Chance, um mit unserer Plattform dort reinzukommen“, sagt Mitgründer Kevin Dees. Von den Managern will das Team wissen, ob es zusätzlich über ein „On-Premises-Angebot“ nachdenken sollte, bei dem Firmen nicht in die Cloud gehen müssen, sondern serverbasierte Computerprogramme nutzen. Die Antworten fallen differenziert aus. Ulrich Dietz, Verwaltungsratschef des Softwaredienstleisters GFT weist darauf hin, dass Firmen, die cloudbasiert arbeiten, von Investoren um ein Vielfaches höher bewertet werden als andere. „Die Schlüsse daraus können Sie als smarte Unternehmer selber ziehen“, sagt er. Bosch-Geschäftsführer Michael Bolle spiegelt den Botfriends-Gründern die Perspektive der Kunden, die bei einer solchen Abwägung wohl nicht bedient werden würden: Große Industriefirmen gingen jetzt zwar in Richtung Cloud. Trotzdem „besteht bei einigen durchaus noch das Bestreben, sensitive Daten „On-Prem“ zu halten.“ Wie den Botfriends-Gründern dürfte es am Ende des Tages allen Siegern des Weconomy-Wettbewerbs ergehen. Sie haben eine ganze Menge kluger Ratschläge eingesammelt. Wie sie damit aus ihren guten Ideen erfolgreiche Unternehmen machen, hängt immer noch von ihnen selbst ab.Mehr: Einhörner aus der Glaskugel: Wie KI Milliarden-Start-ups erkennen soll.
Read More