Elektroautos in Concord, Kalifornien

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Ein Verlierer steht fest, noch bevor das Rennen begonnen hat. Wenn Kalifornien wie angekündigt den Umstieg auf die Elektromobilität erzwingt, verliert die Ölindustrie ein existentielles Geschäftsfeld.

Weit über 100 Millionen Liter Benzin zapfen die Autofahrer im bevölkerungsreichsten US-Bundesstaat bislang – täglich. Das vom Gouverneur für 2035 angekündigte Verkaufsverbot für Benziner sei “der Todeskuss für Benzin und Öl”, sagt Patrick DeHaan von der Preisvergleichsseite GasBuddy.com voraus. Denn Kalifornien setze nun einmal den Trend, was die Umweltstandards in Amerika angehe.Doch wer wird der Gewinner der Autowende sein? Bislang sind alle – teils halbherzigen – Versuche der traditionellen Konzerne, den Platzhirsch Tesla in seinem Heimatmarkt anzugreifen, ziemlich erfolglos geblieben.80 Prozent aller Neuanmeldungen in den USA zahlten auch im ersten Halbjahr 2020 bei dem Shootingstar aus Palo Alto ein. Weit abgeschlagen folgt Chevrolet mit etwa acht Prozent. Audi hat seinen Marktanteil gegenüber dem Vorjahr beinahe verdreifacht: von marginalen 1,1 auf marginale 3,11 Prozent.

Nun aber werden die Karten neu gemischt: Wenn Kalifornien seinen Benziner-Bann umsetze, dann könnte das auch für die bislang schlechter aufgestellten Anbieter der Startschuss zur Aufholjagd sein, glaubt Stephanie Brinley vom Informationsdienstleister IHS Markit. Denn wenn die Konzerne die Aussicht hätten, mehr E-Autos zu produzieren und dafür auch Käufer zu finden, dann würden sich womöglich auch höhere Investitionen für sie rechnen. Das könnte dann die bestehende Kräfteverteilung im kommenden Jahrzehnt umwerfen.”Wettrüsten” in der BrancheBislang betreibt die Branche allerdings auch im Sonnenstaat an der Ostküste immer noch ein Nischengeschäft. Die Stromfahrzeuge kommen auf einen Marktanteil von sechs Prozent – deutlich mehr als die rund eineinhalb Prozent im Durchschnitt von ganz Amerika, aber Lichtjahre von dem entfernt, was Klimaschützer erstreben.

Gouverneur Gavin Newsom will deshalb die neue Straßenordnung in der fünftgrößten Volkswirtschaft der Welt brachial erzwingen. Auf der Motorhaube eines roten Mustang Mach-E (Einstiegspreis 38.000 Euro) unterzeichnete er diese Woche ein Dokument, das an seiner klimapolitischen Führungsrolle in dem von Waldbränden heimgesuchten Staat keinen Zweifel erlaubt: Spätestens in 15 Jahren sollen die Kunden bei den Neuwagenhändlern zwischen Crescent City und San Diego nur noch zwischen “Null-Emissions”-Fahrzeugen wählen können.  Auf die Zustimmung des Landesparlaments will der Gouverneur dabei verzichten. Stattdessen wird die Luftschutz-Kommission der Regierung regulatorische Vorgaben erarbeiten, die die Klimaschädiger von den Straßen vertreibt.

Gouverneur Gavin Newsom unterzeichnete am Mittwoch ein Dekret, wonach die Behörden des Landes ab 2035 keine Autos mit Verbrennungsmotor mehr neu zulassen dürfen

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Doch da fangen die Schwierigkeiten der Umsetzung an: Kalifornien liegt im Clinch mit der Trump-Regierung, die dem Bundesstaat das Recht nehmen will, eigene Emissions-Grenzwerte festzusetzen. Ob Newsom seinen Plan verwirklichen kann, hängt deshalb von den Gerichten ab – und auch davon, ob  Donald Trump oder dessen Herausforderer Joe Biden im November ins Weiße Haus gewählt wird.Die Rechtslage sei nur eine von vielen ungeklärten Fragen, sagt Autoanalystin Brinley. Klar sei bislang vor allem eines:  “Das Ziel ist sehr aggressiv und geht über das hinaus, was die meisten Autohersteller sich für 2035 vorgenommen haben.” Solange offen sei, wie die Mechanik der Regulierung im Detail aussehen werde, sei es “auch für die Unternehmen selbst schwierig, zu wissen, wie sie darauf reagieren werden.”Kaliforniens Regierung aber vertraut darauf, dass schon die Ankündigung den gewünschten Effekt auslöst. Kein Autobauer könne es sich leisten, ohne den 40-Millionen-Einwohner-Staat zu planen. Es sei bereits ein “Wettrüsten” der Branche in Gang, lobte Mary Nichols, die mächtige Chefin der  Regulierungskommission. Das Ziel des Rennens: Ein “Null-Emissions-Fahrzeug, das sich jeder leisten kann.”Und tatsächlich ist in jüngster Zeit Bewegung in den Markt gekommen:Tesla, das an der Börse mit einer Marktkapitalisierung von 380 Milliarden Dollar mehr wert ist als GM, Ford, Fiat Chrysler und Volkswagen zusammen, hat gewohnt ehrgeizige Pläne: Die Produktionskosten für Batterien sollen halbiert werden, so dass Elon Musk in drei Jahren ein Modell zum Preis von 25.000 Dollar anbieten kann. Das hochfliegende Endziel ist der Verkauf von 20 Millionen Fahrzeugen im Jahr – fast doppelt so viel wie VW 2019 absetzte.Volkswagen seinerseits will mit seinem neuen “Welt-Auto”, dem Kompakt-SUV ID.4, den amerikanischen Elektromarkt aufrollen. Ab 2022 soll das Modell auch in der Fabrik in Tennessee gebaut werden.General Motors will sich gleich ganz neu erfinden und setzt mit Chefin Mary Barra voll auf Elektromobilität. Der Geländewagen Hummer soll als E-Version mit 1000 PS zurückkehren. Konkurrent Ford will sein beliebtes Pickup-Ungetüm F-150 elektrifizieren.Beide Detroiter Traditionsunternehmen wollen ihre vergangenen E-Versäumnisse durch Kooperationen mit den jungen Start-up-Stars der Branche wettmachen. GM ist bei der Elektrotruckfirma Nikola eingestiegen, Ford hat beim Tesla-Rivalen Rivian investiert.

Die Investmentbank Goldman Sachs geht in einer neuen Studie davon aus, dass die Elektrifizierung im US-Automarkt schneller abläuft als bislang erwartet. Sie prognostiziert im Basisszenario einen Marktanteil von 25 Prozent in 2030, womit die USA aber immer noch hinter Europa hinterherhinken würden.Ein Privileg der WohlhabendenDoch es gibt auch Skeptiker. Kalifornien habe schon seine bisherigen Pläne für die Autowende nicht geschafft, warnt Brian Maas, der Chef des Verbands der Neuwagen-Händler. Er bemängelt, dass es an einer ausreichenden Lade-Infrastruktur in dem Flächenstaat fehlt. Und Kalifornien kämpft schon jetzt mit einem überlasteten Stromnetz.

Und schließlich wäre da noch der Kunde: Vielen Amerikanern ist das E-Auto schlicht zu teuer. Das “Null-Emissions-Auto” sei ein Privileg der Wohlhabenden, gibt Maas zu bedenken. Ohne großzügige staatliche Unterstützung lassen sich die meisten Käufer nicht von den Vorteilen der E-Mobilität überzeugen. Der Umsatz von Tesla in den USA schrumpfte nach einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey 2019 um sieben Prozent, nachdem die Steuersubventionen der US-Regierung ausgelaufen waren. Die von der Trump-Administration geplante Lockerung der Umweltauflagen und der gesunkene Ölpreis könnten den Markt für Elektrofahrzeuge ebenfalls verlangsamen.Auch Autoexpertin Brinley ist nicht sicher, wie erfolgreich Kaliforniens neue Hauruck-Strategie sein wird. “Sie können die Autobauer regulieren, so dass sie nur E-Autos verkaufen können. Aber es gibt keinen Mechanismus, um die Konsumenten zu zwingen, die zu kaufen.”
Icon: Der Spiegel

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