SPIEGEL: Frau Cohrs, Sie beraten seit 14 Jahren Menschen, die überschuldet sind. Was ist die erste Frage, die Sie diesen Menschen stellen?Cohrs: Am Anfang frage ich immer: Haben Sie eine Vorstellung davon, um wieviel Geld es bei Ihnen geht?

SPIEGEL: Und, wissen die meisten Schuldner ungefähr Bescheid?Cohrs: Nein. 99 Prozent haben komplett den Überblick verloren, wenn sie erst einmal bei mir sitzen. Ich habe einen Klienten, der kam vor einem Jahr, ein junger Mann, gerade 30 geworden, verheiratet, zwei Kinder. Bei ihm fing es mit dem neuesten iPhone an, das er auf Raten gekauft hat. 17 Euro hier, dann 80 Euro Rate für den Fernseher, neue Felgen für das Auto. Aber kein Haus, kein Ferrari oder so, eher Kleinkram, würde man denken. Aber innerhalb von einem Jahr hat er 160.000 Euro Schulden angehäuft.SPIEGEL: Das klingt extrem – 160.000 Euro nur mit Smartphones und Felgen.
Cohrs: Ja, in diesem Fall kann man schon von Kaufsucht sprechen. Aber Überschuldung geht quer durch die Gesellschaft, gerade Corona hat da nochmal was verschoben. Vorhin saß zum Beispiel ein Ehepaar hier, beide haben eigentlich ein gutes Einkommen. Haben ein Haus gekauft, ein Auto, schöne Urlaube gemacht und dafür Kredite aufgenommen. Und jetzt lassen sie sich scheiden. Und müssen plötzlich alles doppelt finanzieren: zwei Wohnungen, zwei Autos. Und die Raten von früher können sie jetzt nicht mehr bedienen. So kommen auch Menschen aus der Mittelschicht schnell in die Situation, wo selbst ein gutes Einkommen nicht mehr reicht. Hier sitzen alle, vom Hartz-IV-Empfänger bis zum Gutverdiener aus der Chemiebranche.
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