TV-Kolumne „Hart aber fair“: Aus Schlagabtausch bei Plasberg wird plötzlich ein alle gegen einen

Frank Plasberg diskutiert mit zwei Wessis und drei Ossis über die deutsche Einheit. Zunächst entwickelt sich ein Schlagabtausch West gegen Ost. Doch schließlich dreht sich die Sendung zu einem alle gegen einen – gegen den Mitdiskutant von der AfD.

30 Jahre nach der deutschen Einheit, sind die Unterschiede noch immer gewaltig. In Führungspositionen sind Ostdeutsche eher selten zu finden. Keiner leitet ein deutsche Universität, bei den 100 umsatzstärksten Unternehmen kommen gerate einmal zwei Vorstandsvorsitzende aus den nicht mehr ganz so neuen Bundeländern, An den Bundesgerichten stammt kein einziger der 62 Vorsitzenden Richter aus Ostdeutschland. Das Bundesverfassungsgericht hat erst seit Juli diesen Jahres  mit Ines Härtel ein Mitglied aus Ostdeutschland. In der vorangegangenen Doku formulierte dies eine Protagonistin so: „Wenn du einen Westdeutsche triffst und es ist nicht dein Verwandter, dann ist es entweder dein Vorgesetzter, dein Vermieter oder du stehst vor Gericht.“Ist Bodo Ramelow ein Wessi oder ein Ossi?Frank Plasberg diskutiert mit seinen Gästen die deutsche Einheit und betont die Unterschiede: „Wir Ostdeutschen, wir Westdeutschen. Wie groß ist die Kluft wirklich?“ Nikolaus Blome, Wessi und inzwischen Politikchef bei RTL, hält eine solche Denke für gestrig. „Mit dieser Strichliste können jüngere Leute nichts mehr anfange“, behauptet er. Und fragt: „Ist Bodo Ramelow noch ein Wessi, denn da kommt er ja her. Oder ist er nach 30 Jahren in Ostdeutschland ein Ossi?“

Solidarische Grüße von Katja KippingKatja Kipping, Ossi und noch Parteivorsitzende der Linke, sieht das naturgemäß anders. Sie berichtet von einem Streik bei Bautzner Senf vergangene Woche. Dort forderten die Angestellten den gleichen Lohn wie ihn die Angestellten des Unternehmens im Westen bekommen. „Ich finde es selbstverständlich, dass man zu diesen Streiks solidarische Grüße sendet“, so Kipping.Was vermissen die Ossis?Die Sendung droht zu einem Schlagabtausch zwischen Blome und Kipping zu werden. Er sagt: „Mich überrascht mancher Unmut und Frust. Was genau vermisst jemand, der 1989 in Bitterfeld gelebt hat?“ Sie wirft ihm vor: „Dieser Gestus, ich erklär den Ostdeutschen jetzt mal, wie gut es ihnen eigentlich geht, der bringt uns nicht weiter bei der deutschen Einheit.“

Der Riss im LandDie Zahlen zeigen die Unterschiede. Das mittlere Bruttoeinkommen liegt im Osten um 699 Euro unter dem Westniveau – jeden Monat. Ein Ostdeutscher hat ein durchschnittliches Vermögen von 63.000 Euro, ein Westdeutscher 142.000 Euro. Für Bundesarbeitsminister Hubertus Heil, geboren in Hildesheim, ist dies willkommener Anlass das sozialdemokratische Programm herunterzubeten:Tarifbindung, Grundrente, Mindestlöhne. Die Unterrepräsentanz der Ostdeutschen in Führungspositionen nennt er „nicht zu rechtfertigen“. Und dann ist da noch ein weiterer Riss: Die Wahlergebnisse für die AfD. Östlich der ehemaligen innerdeutschen Grenze erzielte diese Partei bei Landtagswahlen flächendeckend mehr als 20 Prozent.

Alle auf den AfD-MannMit in der Runde sitzt René Springer, AfD-Bundestagsabgeordneter aus Brandenburg. In der vorausgegangenen Doku hatte er sich als Suchender präsentiert. Als Zeitsoldat hatte er sich freiwillig zu einem Einsatz in Afghanistan gemeldet, zu Hause engagierte sich zunächst in der SPD und trat dann in die AfD ein. Bei „Hart aber fair“ führt er Sachpolitik an: niedrige Löhne, Grundrente nach 45 Jahren Arbeit – die ganze soziale Ungerechtigkeit.„Wird die AfD wirklich wegen ihrer Sozialpolitik gewählt“, fragt Blome, „Oder als Partei die sagt, wenn’s irgend geht, schieben wir die Ausländer raus.“ Der Elefant im Raum ist benannt. Soeben hat die AfD ihren langjährigen Pressesprecher Christian Lüth fristlos entlassen. Er hatte bei heimlichen Filmaufnahmen gesagt, je schlechter es Deutschland gehe, desto besser für die AfD und über das Erschießen und Vergasen von Migranten fabuliert. Springer nennt Lüth einen „Irrläufer“, der „nichts in der Partei zu suchen“ habe.

Die Runde, Ost wie West, will ihn so nicht rauslassen. Heil zählt auf: Gauland, Kalbitz, Höcke. „Das können Sie nicht verniedlichen mit Einzelfällen. Steckt hinter einem solchen Satz wie dem von Lüth nicht ein tiefer Hass auf Deutschland? Wie können Sie es mit Ihrem Gewissen vereinbaren mit solchen Leuten in einer Fraktion zu sitzen.“ Beinahe scheint sich Plasberg für die Wendung der Sendung entschuldigen zu wollen. „Wir hätten eine ganz normale Sendung gemacht, wo Sie sich als ganz normaler Politiker hätten präsentieren können. Aber es war die AfD, es kam von Ihnen.“Keine Stimmen der Zuschauer diesmalWas die Zuschauer zu 30 Jahre deutscher Einheit zu sagen haben, erfährt der Zuschauer an diesem Montagabend nicht. Das Tablet von Brigitte Büscher meldet sich vorzeitig ab. „Und es war nicht Andi Scheuer“, scherzt Heil.
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