Ali Demir war sechs Jahre alt, als Recep Tayyip Erdoğan 2003 in der Türkei an die Macht kam. Er hat nie einen anderen Regierungschef erlebt. Er wollte lange Zeit auch keinen anderen erleben. “Erdoğan war ein Anführer für mich. Stark. Religiös. Mächtig. Ein Mann, der die Interessen des Landes über seine eigenen stellt”, sagt er.
Demir, der aus Angst vor Repressionen in diesem Artikel nicht mit echtem Namen auftauchen will, wuchs in Konya auf, einer Hochburg der muslimisch-konservativen Erdoğan-Partei AKP in Zentralanatolien. Seine Eltern sind streng religiös. Sie schickten ihren Sohn auf eine Koranschule. Später zog die Familie nach Istanbul. An ihrer Weltanschauung änderte sich wenig. Die Demirs waren treue Erdoğan-Anhänger, Oppositionelle waren für sie Ungläubige oder Terroristen.Nur Ali Demir selbst begann, langsam an dem damaligen Premier und späteren Präsidenten zu zweifeln. Es habe damit begonnen, erzählt er, dass Erdoğan 2011 gegen den Präsidenten des Fußballklubs Fenerbahce vorging, einen Rivalen. Der Wendepunkt sei erreicht gewesen, als Erdoğan 2013 die regierungskritischen Proteste im Istanbuler Gezi-Park niederschlagen ließ. Erdoğan habe die türkische Gesellschaft polarisiert. “Er will, dass wir alle das Gleiche denken.”

Behalten Sie den Überblick: Jeden Werktag gegen 17 Uhr beantworten SPIEGEL-Autoren die Fragen des Tages. “Die Lage am Abend” – hintergründig, kompakt, kostenlos. Hier bestellen Sie Ihr News-Briefing als Mail.Demir hat das Politikstudium mit Bestnoten abgeschlossen. In der Wirtschaftskrise in der Türkei fand er trotzdem keinen Job. Er arbeitet nun in einem Hotel an der Rezeption. Demir ist nach wie vor religiös. Bei der Kommunalwahl in Istanbul 2019 stimmte er aber für den Sozialdemokraten und Erdoğan-Kontrahenten Ekrem Imamoğlu. Mit der AKP hat er abgeschlossen. “Ich frage mich, ob diese Leute zu dem gleichen Gott beten wie ich.”
Wie Demir denken offenbar immer mehr junge Menschen in der Türkei. Das Land ist seit Jahren gespalten in Anhänger und Gegner des Präsidenten. Eine Umfrage der US-Denkfabrik Center for American Progress und des türkischen Instituts Metropoll deutet nun jedoch darauf hin, dass Erdoğan selbst unter konservativen Türkinnen und Türken dramatisch an Zustimmung verliert. Innerhalb eines halben Jahres ist die Zahl der AKP-Unterstützer, die sich als “loyal” gegenüber Erdoğan bezeichnen, demnach um zehn Prozent auf 66 Prozent gesunken. Mehr als ein Drittel der Befragten gab an, sich einen anderen Parteichef als Erdoğan vorstellen zu können.
Die Zustimmungswerte für den Präsidenten sind vor allem in der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen gesunken. Für die AKP ist das eine schlechte Nachricht. Denn genau diese Gruppe wird bei den Präsidentschaftswahlen 2023 den größten Block stellen.Religiosität hat in der Türkei unter Erdoğan ab- und nicht zugenommenZwar ist Erdoğan der mächtigste türkische Regierungschef seit Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk. Er hat Partei, Justiz, Medien, Sicherheitsbehörden beinahe vollständig unter seine Kontrolle gebracht. Trotzdem bezieht er die Legitimation für seine Politik nach wie vor aus Wahlen. Erdoğan konnte umstrittene Entscheidungen stets damit rechtfertigen, dass er das Mandat der Bürgerinnen und Bürger habe. Doch das fällt ihm zunehmend schwer. Im vergangenen Jahr verlor seine Partei die Kommunalwahlen in den drei größten Städten des Landes, Istanbul, Ankara und Izmir. Und laut Umfragen besitzt er im Moment auch landesweit nicht die Mehrheit von über 50 Prozent, die er braucht, um 2023 erneut zum Präsidenten gewählt zu werden. 

Erdoğans Erfolg basierte darauf, dass es ihm gelang, die Rechte in der Türkei, bestehend aus Islamisten, Nationalisten, Konservativen und Wirtschaftsliberalen, hinter sich zu vereinen. Doch diese Allianz bröckelt. Seine früheren Verbündeten, Ex-Premier Ahmet Davutoğlu und Ex-Außenminister Ali Babacan, haben eigene konservative Parteien gegründet. Nationalisten begeistern sich zunehmend für Innenminister Suleyman Soylu, dem nachgesagt wird, den Präsidenten beerben zu wollen. Und auch die Bürgermeister von Ankara und Istanbul, Mansur Yavas und Ekrem Imamoğlu, ziehen ehemalige AKP-Wähler an.Einst versprach Erdoğan, eine “fromme Generation” zu formen. Doch in seiner Amtszeit hat die Religiosität in der Türkei ab- und nicht zugenommen, wie eine Studie des Meinungsforschungsinstituts Konda bereits 2019 zeigte. Danach ist die Zahl der Bürgerinnen und Bürger, die sich als “religiös” bezeichnen, in den Jahren von 2008 bis 2018 von 54 auf 51 Prozent zurückgegangen, nur noch jeder zehnte Türke betrachtet sich als “tief religiös”, 2008 waren es noch 77 Prozent.Anders als ihre Eltern erinnern sich junge Türkinnen und Türken nicht an die Zeit vor Erdoğan. Für die Generation von Ali Demir spielen frühere AKP-Reformen wie die Aufhebung des Kopftuchverbots an Universitäten oder der Ausbau des Gesundheitswesens eine untergeordnete Rolle. Sie bewerten die Regierung nach ihrer aktuellen Leistung – und die ist in den Augen vieler unzureichend.Die türkische Wirtschaft steckt seit Jahren in einer Krise, die sich durch die Corona-Pandemie noch einmal verschärft hat. Die Lira befindet sich mit 9:1 im Vergleich zum Euro auf einem historischen Tiefstand. Jeder vierte Türke unter 25 Jahren ist ohne Arbeit. Erdoğan hat durch seine aggressive Außenpolitik die Türkei international weitgehend isoliert. Sein Versprechen, er würde die Türkei in eine globale Macht verwandeln, klingt für viele Türkinnen und Türken nur noch hohl.Selbst Erdoğans eigene Leute scheinen besorgt, dass der Präsident Kontakt zur Lebenswirklichkeit vieler Menschen im Land verliert. Ein YouTube-Gespräch zwischen Erdoğan und jungen Wählerinnen und Wählern im Juni endete in einem Desaster: Regierungskritiker torpedierten die Veranstaltung, indem sie unter dem Hashtag “OyMoyYok” (“Meine Stimme bekommst Du nicht”), Erdoğan attackierten.
Icon: Der Spiegel

Read More