Berlin Die Grünen haben ihren Ruf als Schrecken der Wirtschaft endgültig abgelegt. Ginge es nach Deutschlands Gründern, dürften sie künftig den Kanzler stellen. Nach einer breit angelegten Umfrage des Bundesverbands Deutsche Startups und der Beratungsfirma PwC hätten Grüne und Union ein Jahr vor der Bundestagswahl zusammen eine klare Mehrheit in der Gründerszene: 65 Prozent würden ihnen derzeit ihre Stimme geben. Der „Startup Monitor“ mit fast 2000 Teilnehmern wird am Dienstag veröffentlicht und lag dem Handelsblatt vorab vor.Die Grünen sind mit 37 Prozent die bevorzugte Partei der Technologieunternehmer, auch wenn sie nach rasantem Zuwachs 2019 an Zustimmung eingebüßt haben. Die Union gewinnt durch ihr Corona-Krisenmanagement stark hinzu und kommt auf 28,1 Prozent. Die FDP, jahrelang klare Gründer-Favoritin, verliert mit 20 Prozent hingegen weiterhin an Zustimmung – der niedrigste Wert seit dem Erhebungsbeginn im Jahr 2013. Die meisten Gründer wollen sich öffentlich nicht eindeutig zu einer Partei bekennen, das könnte ihnen künftig die politische Kommunikation erschweren. Aber die Tendenzen hören sich bei vielen Start-ups ähnlich an: „Das Zusammenspiel der bürgerlich-liberalen und sozial-ökologischen Kräfte ist nötig, um den Weg in Richtung einer nachhaltigen und digitalen Zukunft für unser Land zu gestalten“, sagt Flixbus-Gründer André Schwämmlein. „Darauf legen wir auch im Unternehmen wert, indem wir soziale mit nachhaltiger Mobilität verbinden.“Dass die Grünen die Liberalen als Gründerpartei abgelöst haben, kommt nicht von ungefähr: „Die Grünen gehen inzwischen sehr rational an Themen heran“, sagt Arndt Kwiatkowski, Gründer und Geschäftsführer des Lernsystemanbieters Bettermarks. Anders als früher stehe die Partei neuen Technologien aufgeschlossen gegenüber und habe sich dabei Glaubwürdigkeit erarbeitet. Streitthema: Datenschutz. Gründer lehnen strenge Regeln abMit Wirtschaftspolitikern wie Dieter Janecek und Danyal Bayaz sowie der Sprecherin für Innovations- und Technologiepolitik, Anna Christmann, seien sie bei den Themen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI) inzwischen sehr gut aufgestellt, sagt Kwiatkowski, der parteipolitisch neutral ist, sich aber im Wirtschaftsbeirat der Grünen und im Wirtschaftsrat der CDU engagiert. Ohne neue Technologien keine Bewältigung der Klimakrise, so die neue Leitlinie bei vielen Grünen. Dass die Partei technologiefeindlich sei, „ist ein altes, längst überholtes Klischee“, sagte Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt kürzlich dem Handelsblatt.

„Wir sind technik- und digitalaffin, ohne technikgläubig zu sein.“ Zwar warnen einstige Spontis vor Risiken der Digitaltechnologien. „Der Schutz vor Missbrauch von Künstlicher Intelligenz ist ein zentraler Punkt“, sagt Göring-Eckardt. Als Ostdeutsche, die in einer Diktatur geboren worden sei, teile sie Ängste vor Überwachung. Die Positionierung für strenge Datenschutzstandards und eine starke staatliche Aufsicht kommt bei Start-ups weniger gut an. Schließlich setzen viele der Unternehmen auf datengetriebene Geschäftsmodelle, für die strikte Regeln für die Auswertung oft hinderlich sind. So nutzen bereits 43 Prozent der jungen Unternehmen KI-Systeme, die mit großen Datenmengen trainiert werden müssen. Aber: Bei diesem wie bei anderen Themen setzen die Gründer auf das Korrektiv der CDU. Dadurch erscheint die FDP ersetzbar, die traditionell mit ihrer liberalen Arbeitsmarktpolitik der Favorit von Gründern wie denen des Zeitarbeits-Start-ups Zenjob hätte sein müssen. „Mein Favorit bei der letzten Bundestagswahl war Jamaika“, gibt Mitgründer Fahning zu. Sein Unternehmen vermittelt Studenten plattformbasiert an Firmen, die kurzfristig Kassierer, Küchenhilfen oder Brezelverkäufer für Bundesligaspiele suchen. Das Start-up hilft, schnell Vertragliches zu klären, organisiert Sicherheitsschuhe und Gesundheitszeugnisse. Die parteipolitischen Haltungen dazu: „Aus FDP-Sicht ist das eine super Lösung auf einem liberalen Arbeitsmarkt, für manche Grüne ist Zeitarbeit traditionell tabu“, sagt Fahning.Und doch ist er im Hinblick auf eine mögliche schwarz-grüne Koalition nach der nächsten Bundestagswahl optimistisch: „Zumindest die Realos bei den Grünen könnten das Potenzial erkennen, dass Zenjob Arbeitnehmer nicht ausbeutet, sondern ihnen mehr Kontrolle gibt, wenn sie in einer bestimmten Lebensphase Arbeitspensum und Einkommen flexibler gestalten wollen.“ Wozu braucht ein Start-up wie Zenjob dann noch die Lindner-Partei? „Man hat als Gründer eine gewisse Nähe zur FDP, aber diese Selbstverständlichkeit ebbt ab“, so Fahning. Die Grünen profitieren zudem vom starken Nachhaltigkeitstrend im Start-up-Sektor. Im Zentrum der Geschäftsideen steht Umweltschutz und NachhaltigkeitImmer mehr Geschäftsideen stehen in engem Zusammenhang mit Umwelt-, Klima- und Ressourcenschutz sowie gesellschaftlicher Teilhabe, zeigt der „Startup Monitor“. Laut der Umfrage ordnen sich bereits mehr als 43 Prozent der Befragten der „Green Economy“ zu, vor einem Jahr waren es noch knapp 37 Prozent. Mehr als die Hälfte gibt an, über das Unternehmen eine positive gesellschaftliche oder ökologische Wirkung erzielen zu wollen. Vielen Gründern sei es wichtig, dass Zukunftsthemen wie Nachhaltigkeit in der nächsten Legislaturperiode entschlossen angepackt werden, sagt Franziska Teubert, Geschäftsführerin beim Start-up-Bundesverband. „Es scheint, dass sie dieses Thema am stärksten von den Grünen abgedeckt sehen.“ Zenjob-Mitgründer Cihan Aksakal bestätigt das. Er habe grün gewählt und wolle das wieder tun: „Für mich spielen Themen wie Nachhaltigkeit und Digitalisierung eine große Rolle, und die Grünen bewegen mehr als die FDP.” Ähnlich sei es bei seinen Mitarbeitern. Die Grünen seien die Partei, „die sicherlich uns sowie viele unserer Mitarbeiter mit Themen wie Energiewende, Klimawandel und nachhaltiges Wirtschaften ansprechen”, sagt Zenjob-CEO Fritz Trott. In der Belegschaft gäbe es viele Tierliebhaber, Veganer, digitale Nomaden.

Die Freien Demokraten stünden für die Ansätze Milton Friedmans, den Shareholder-Value als einzig wichtiges Kriterium zu verfolgen und davon auszugehen, dass der freie Markt alles regle, kritisiert auch Waldemar Zeiler, Gründer und CEO des Berliner Kondom-Start-ups Einhorn. „Nach 50 Jahren erkennen viele, dass das der falsche Weg war.“ Unternehmertum stelle „auf einem viel zu heißen Planeten mit andauernden Naturkatastrophen keine verheißungsvolle Aussicht“ dar, sagt Zeiler. Corona hat das Wirtschafts-Image der CDU verbessertFür die FDP ist die sinkende Zustimmung in ihrer Kernklientel bitter, zumal erfolgreiche Gründer eine größere Strahlkraft in die Wählerschaft haben. Für die Partei sei „ein gutes Gründerklima in Deutschland ein sehr wichtiges Anliegen“, sagt der digitalpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Manuel Höferlin. Der Union wiederum sprechen viele Firmengründer wirtschaftliche Kompetenz zu – gerade in der Pandemie, die auch die Gründerszene hart trifft: Drei Viertel der Start-ups sind von Umsatzeinbrüchen, Liquiditätsrückgängen oder Engpässen bei der Finanzierung betroffen, mehr als die Hälfte hat staatliche Hilfen in Anspruch genommen. Dennoch bleiben sie optimistisch: „90 Prozent planen sogar Neueinstellungen, während viele etablierte Unternehmen gegenwärtig Stellen abbauen“, sagt Teubert. Mit dem Krisenmanagement der Großen Koalition sind die Unternehmer größtenteils zufrieden. Allerdings fordern sie eine weitere Verbesserung der Rahmenbedingungen. Start-ups hätten weiterhin Schwierigkeiten, in Deutschland oder Europa größere Finanzierungen von 50 oder 100 Millionen Euro zu bekommen. Die Bundesregierung will einen neuen Zukunftsfonds auflegen, der laut Wirtschaftsminister Peter Altmaier im ersten Quartal 2021 vorgestellt werden soll. Mit dem angekündigten Dachfonds-Modell könnten mehr private Investitionen ausgelöst werden, so Teubert. Wichtig sei, die Digitalisierung der Verwaltung voranzutreiben. „Öffentliche Einrichtungen sollten dafür das Know-how junger Unternehmen nutzen und sie bei den Ausschreibungen berücksichtigen.“ Von etablierten Mittelständlern würden Start-ups noch zu wenig als gleichberechtigte Partner wahrgenommen. „Hier würde ich mir mehr Austausch auf Augenhöhe wünschen.“ Mehr: Wie das Coronavirus Startups bedroht.
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