“Social Distance”: Netflix taucht mit einer komplett im Lockdown produzierten Serie in das Leben mit der Pandemie ein. Was macht das Gebot des Abstandhaltens – Social Distancing – mit uns, lautet die leitende Frage der experimentellen Serie. Wir sehen Menschen, die in ihre Laptop-Kameras, Handy-Kameras oder Hausüberwachungskameras sprechen. Zwischen geteilten Bildschirmen und eingehenden FaceTime-Calls, über Dating-Apps und WhatsApp, Online-Games und andere virtuelle Ersatzräume entstehen Dramen, die sich aus dem Abstand ergeben, den wir zueinander halten müssen. Es ist beeindruckend, wie schnell Netflix ein Format für den krassen Wandel findet, dem wir im Angesicht der Pandemie ausgesetzt sind. Mutig allerdings, oder sogar naiv, ist Netflix’ Annahme, dass Zuschauer auch nach einem Tag voller Online-Konferenzen aus dem Home Office noch eine Serie ertragen, die wie ein Zoom-Call daherkommt. Das eigentliche Problem der Serie ist allerdings ein anderes. (Lesen Sie auch: Top Ten: Die zehn besten Serien der letzten zehn Jahre.) “Social Distance”: Netflix liefert die Serie zum Lockdown. Lagerkoller in acht Episoden © NetflixAls wäre der Lockdown ein gemütliches Zusammenrücken Eine Familie trauert um den gerade verstorbenen Patriarchen – in einem gemeinsamen Zoom-Call. Die Urne mit der Asche des Verstorbenen wird so drapiert, dass sie von der Webcam erfasst wird, die Kinder proben ein trauriges Flötenkonzert, aber Onkel Tony, der die Trauerrede halten soll, ist technisch nicht affin genug, um dafür sein Mikrofon einzuschalten. Dann schaltet sich ein dem Anlass nicht ganz angemessener Sex Dance Act in die Online-Trauergemeinde und der für Familienfeste obligatorische Streit bricht sich seinen Weg in die Zoom-Beerdigung. (Lesen Sie auch: “The Goldfinger Files”: So wie auf diesen Bildern haben Sie James Bond noch nie gesehen.)In einer anderen Episode, die inhaltlich alle voneinander gelöst sind, beobachten wir ein schwules Paar um die 40 beim Lagerkoller. Der eine füttert den anderen mit durch die Lockdown-bedingte Arbeitslosigkeit, was dieser mit einem Bierchen am Mittag feiert. Es kommt zu einem krachenden Streit, auch über das zum Erliegen gekommene Sexleben. All das hört eine Arbeitskollegin über das noch laufende letzte Zoom-Meeting mit. Das Paar beschließt, dem beengten Alltag mit einem über eine Dating-App verabredeten Dreier zu entkommen. Als der Auserwählte zum verabredeten Date erscheint, scheitert der Sex jedoch an unterschiedlichen Vorstellungen von Hygienekonzepten. “Social Distance”: Nähe nur im Digitalen © NetflixKeine Corona-Krisen-Collage, sondern versöhnlicher Glaube an das Gute im MenschenEingeflochten in alle Episoden sind die Seitenhiebe gegen das schlechte Krisenmanagement der Trump-Regierung, etwa die mit seinem Namen bedruckten “stimulus checks” oder sein Vorschlag, als Maßnahme gegen eine Infektion Desinfektionsmittel zu injizieren. Seitenhiebe ja, die aber schnell weggeschmunzelt werden, wie auch fast alle der acht Episoden eine sehr versöhnliche Wendung nehmen. Die Serie anzuschauen, ist wie das Blättern in einem alten Fotoalbum, um die gute, alte Zeit im Lockdown zu erinnern – als drohe uns nicht in vielen Teilen der Erde ein weiterer Lockdown oder was auch immer für unabsehbare Auswirkungen der Corona-Krise. Etwas berührender ist die Serie in einer Episode, in der eine Krankenpflegerin, toll gespielt von Danielle Brooks, bei einer stummen, alten Dame ausharren muss, während sie von dort übers Smartphone ihre kleine Tochter zu Hause betreut. Aber auch diese Episode nimmt die Not der Pflegerin nicht mehr ernst, sobald die karriere-fixierte Tochter der Patientin sich in das Geschehen schaltet und veralbert wird. (Lesen Sie auch: Netflix: Das sind die Filme und Serien, die man rund um “Black Lives Matter” gesehen haben muss.)Für menschliche Nähe gibt es keinen digitalen Ersatz “Social Distance” widmet sich einer der größten Fragen dieses Jahres: Wie geht es Menschen mit dem Abstand, den wir zueinander halten müssen? Die Serie kreiert glänzende Momente, inszeniert die Beklemmung des ewigen Zuhauseseins mit tollen Figuren – führt aber fast jede der acht Episoden ins Seichte, anstatt in den kleinen Dramen der digitalen Ersatznähe nach der eigentlichen Tragödie zu suchen, in die viele Menschen dieses Jahr geschleudert wurden. Allzu versöhnlich geraten die Auflösungen, wenn die Grabesrede über Zoom dann doch noch voller Andacht ist, wenn das übers Smartphone ferngesteuerte Kleinkind fröhlich in die Webcam lächelt und das schwule Pärchen wieder Frieden schließt. Alles nicht so schlimm, diese ganze Corona-Sache. Und durch Venedigs Kanäle schwimmen Delfine! Der einzig herausragende Moment von “Social Distance” gelingt der letzten Episode. Der schwarze Teenager Corey, auffallend stark gespielt von Asante Blackk, bekannt aus der Serie “When They See Us”, hilft in der Firma seines Mentors John, ebenfalls ein Afroamerikaner, beim Herrichten einer Feier für eine Elite-Schule. Es ist die einzige Episode, die bei Tageslicht unter freiem Himmel spielt. Eine Befreiung. Corey bittet seinen Chef und väterlichen Freund, ob er an diesem Tag früher gehen dürfe, um an einer friedlichen Demo in Erinnerung an den von Polizisten getöteten George Floyd teilnehmen zu können. Als John den 14-Jährigen nicht gehen lassen will, bricht zwischen den beiden ein Generationenstreit darüber aus, wo Schwarze in der amerikanischen Gesellschaft stehen. Es ist die einzige Episode ohne Happy End. “Social Distance” läuft ab dem 15. Oktober auf Netflix. 
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