Paris Hilton in “This Is Paris”: Die Knappheit der Ressource Vertrauen hat gute Gründe

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Im Schlafzimmer von Paris Hilton wachen Stofftiere über ihren Schlaf, so sie denn welchen findet. In einer verstörenden Szene dieses Dokumentarfilms werden die Tiere zu Zeugen, denn Hilton versteckt winzige Spionagekameras in den kleinen Plüschgegenständen und sie lässt sich dabei filmen. Als sie nach dem Grund gefragt wird, erzählt sie von einem neuen Freund, der sie besuchen kommt. Da sie aber früher weg muss als er und sie ihn noch nicht so gut kennt, möchte sie beobachten können, was er in ihrer Wohnung macht, wenn sie nicht da ist.

Paris Hilton lebt in einer bizarren Welt, in der Vertrauen selten und deren Sonne das Geld ist. Warum das so ist, das ergründet die Dokumentation “This is Paris” von Alexandra Deen. Eigentlich für Festivalprogramme vorgesehen, wurde der Film wegen Corona nun auf YouTube eingestellt.

Paris Hilton ist in vielem eine Vorläuferin. Auf sie wurde der Spruch gemünzt, sie sei berühmt dafür, berühmt zu sein. Beispiel für all die Influencer, It-Girls und Markenbotschafterinnen, die heute ihre Karriere zwischen Marketing, Werbung und sozialen Medien vorantreiben. Paris war die erste, die permanent Selfies machte und sich selbst zu einer Marke für eine eigentlich beliebige Anzahl von Produkten. Sie sagt dazu im Film: “Ich habe geholfen, ein Monster zu erschaffen.”

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Es ist ein Film, der darüber aufklärt, wozu Paris Hilton solch ein Monster in ihrem Leben brauchte, wovor es sie schützen sollte, und er lohnt sich, auch wenn die erste halbe Stunde eine Art Retrospektive ihres Gesamtwerks darstellt. Die muss man einfach aussitzen.Sie erinnert uns an diesen spezifischen Geschmack des späten, vordigitalen Zeitalters, als bestimmte Figuren Kult waren und manchmal amüsierten, oft nervten und immerzu etwas verkaufen wollten. Wir sehen Paris in einer frühen Reality-Soap namens “The Simple Life”, in der sie die verwöhnte Luxusgöre spielt, die nicht weiß, was Wal-Mart ist oder wie man putzt. Die Wahrheit ist eine andere.

Gekidnappt im Auftrag der ElternAcht Kinder hatten die Gründer des Hilton-Hotel-Imperiums, erklärt die Mutter von Paris Hilton, von denen haben fünf viele Millionen Dollar bekommen, die jüngsten drei hingegen nichts. Die Eltern von Paris mussten also arbeiten, die Tochter sollte aber darunter nicht leiden müssen, vielmehr das exakte Gegenteil ausstrahlen: goldene Mühelosigkeit. “Wir wurden dazu erzogen, stets zu vermitteln, dass alles perfekt ist”.Das war es nicht, denn wo ist es das schon auf Erden? Die Eltern sind religiös, konservativ und sehr streng. “Meine Mutter wollte, dass ich eine Hilton werde, aber ich wollte immer nur Paris sein” – so wird im Film in einer nahezu klassischen Formel für familiäre Konflikte zwischen Eltern und Tochter der Beginn schwerer Zerwürfnisse angekündigt.

Die Eltern antworten mit dem Rekurs auf eine verblüffend sadistische Institution. Als Halbwüchsige kommt Paris Hilton in die Provo Canyon School, eine Art Gefängnisinternat. Man fährt dort nicht hin, sondern wird abgeholt und zwar mitten in der Nacht, gewaltsam aus dem eigenen Bett. Das Kind denkt, entführt zu werden, doch die Auftraggeber des Kidnappings sind ihre eigenen Eltern, die weinend zusehen, wie ihre Tochter nächtens nach Utah verfrachtet wird. Im Film wird ihre Schwester Nicky erklären, dass darüber nicht gesprochen wurde, obwohl die Hilferufe das ganze Haus geweckt haben. Es hieß nur, Paris sei in eine boarding school gekommen.Nicky Hilton, die ein relativ ruhiges Leben zu führen scheint, fungiert in der Doku als Übersetzerin: Sie spricht über die Gier ihrer Schwester nach Geld, ihrer Unfähigkeit, einen Scheck abzulehnen und verknüpft diesen Zug mit dem Trauma in Teenager-Jahren. Denn nicht allein die Verschleppung dorthin, auch die Monate in der Schule sind nachhaltig belastend. Paris Hilton klagt über Albträume, Schlafstörungen und weitere Symptome. In dieser Schule wurde gebrüllt, wurden Medikamente verabreicht, einmal kam sie auch in eine Art Einzelzelle.Die Mutter der beiden zeigt sich über die Details der Misshandlung zwar geschockt, will davon nichts gewusst haben – verteidigt ihre strenge Erziehung aber mit Hinblick auf den finanziellen Erfolg der Tochter.

Der Film mutiert zu einer aufklärerischen Arbeit über diese Schule, die nicht die einzige ihrer Art sein dürfte. Hilton nimmt Kontakt zu ehemaligen Mitschülerinnen auf, die ebenfalls bis heute unter einer komplexen Symptomatik leiden. Sie berichten auch, dass sie “The Simple Life” immer mit Staunen geschaut haben, denn sie wussten ja, dass ihre einstige Mitschülerin durchaus wusste, wie man putzt und wischt, denn in der Provo School gehörten schwere, eklige und möglichst demütigende Arbeiten zum Programm. Die Kunstfigur Paris Hilton aber hatte mit solchen Erfahrungen nichts zu tun, sie verdrängte.Brisante BotschaftBei ihr äußerte sich die erlittene Gewalt, der Verrat der Eltern auch in einem Hang zu übergriffigen und gewalttätigen Partnern. Sie erzählt davon, wie sie mehrfach Opfer körperlicher Gewalt durch Männer wurde. Auch die berühmte Sextape-Episode ist in diesem Zusammenhang zu verstehen: Ein wenig vertrauenswürdiger Mensch hat in den privaten Aufnahmen eine Möglichkeit erkannt, etwas Geld zu machen. Die Knappheit der Ressource Vertrauen hat gute Gründe.Paris Hilton instinktive Antwort war, sich mit einem eigenen Vermögen abzusichern. Erst waren Hundert Millionen Dollar das Ziel, aber aktuell ist es die Milliarde. Dass ihr die Kohle nicht gegen Albträume helfen kann, ist die Wahrheit, die der Film herausarbeitet, und sie wirkt weit über die einzelne Geschichte hinaus. Gegen Ende spaziert Paris Hilton durch einen ihrer immensen begehbaren Kleiderschränke, gelassener als zu Beginn der Dreharbeiten, in gemütlichen Klamotten und erklärt, das ganze Zeug hier habe sie eh nie beachtet, kaum getragen, es sei nicht wichtig.Das ist keine banale, sondern eine brisante politische Botschaft, denn der Kapitalismus lebt von dem Versprechen, mit Geld auch äußere Sicherheit und inneren Frieden kaufen zu können. Man könnte viele Ressourcen schonen, wenn diese Güter auf anderem Wege, durch eine humanere Gesellschaft und umfassendere Bildung hervorgebracht werden könnten. Insofern ist der Film nicht voyeuristisch und auch kein Jammern auf hohem Niveau, sondern wirft Fragen auf, die auch jene beschäftigen sollten, die sich für Paris Hilton nicht interessieren.
Icon: Der Spiegel

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