Von Thomas SteinfeldIn diesem Jahr werden die Zeremonien zur Vergabe der Nobelpreise ausfallen: Kein Preisträger wird im Stockholmer Konzerthaus die Hand des Königs schütteln, keine stolzen Familien werden im Foyer des Grand Hotels ihre Nomadenlager aufschlagen, mit den Ausgezeichneten in der Mitte, und die Parade der Gekrönten und Bepreisten über die große Treppe des Rathauses fällt auch aus. Stattdessen werden die Urkunden und Medaillen den Empfängern in ihren Heimatländern übergeben werden, in einer schwedischen Botschaft oder in ihrer jeweiligen Universität. Das Fernsehen wird zwar dabei sein, doch der beinahe surreale Glanz, den die Feierlichkeiten im winterlichen Stockholm zu besitzen pflegen, wird diesmal ausbleiben.Der Nobel-Stiftung, die den Preis finanziert und die Zeremonien ausrichtet, scheint die Entscheidung, auf das Fest zu verzichten, allerdings nicht allzu schwer gefallen zu sein: In diesem Jahr werde man sich auf die Angelegenheiten konzentrieren, auf die es bei dieser Auszeichnung eigentlich ankomme, sagt Lars Heikensten, der Geschäftsführer der Stiftung: auf die Wissenschaft, auf die Literatur und auf den Frieden.Zumindest in zwei der betroffenen Disziplinen, in der Medizin und in der Literatur, wird man vermutlich mit den Einschränkungen einverstanden sein. Die Pause schafft eine Voraussetzung, sich nicht wieder mit den Skandalen der vergangenen Jahre herumschlagen zu müssen. In der Literatur gab es davon mehr als genug: Zuerst brach die Schwedische Akademie, die den Nobelpreis für Literatur zwar nicht bezahlt, aber vergibt, beinahe auseinander. Als eine Reihe von sexuellen Übergriffen im Umfeld der Akademie aufgedeckt wurde, erschien zumindest ein großer Teil der Akademie als ein Freundesbund zu gegenseitigem Vorteil. In der Folge besaß das Gremium nicht mehr genügend Mitglieder, um über den Laureaten in der Kategorie Literatur zu entscheiden. Im Jahr 2018 wurde die Auszeichnung deswegen nicht vergeben. Und als zwölf Monate darauf der Nobelpreis zweimal verliehen wurde, an Olga Tokarczuk für das ausgelassene Jahr und an Peter Handke für 2019, war das Geschrei in der Öffentlichkeit so groß, der Sympathien des österreichischen Preisträgers für Serbien und die Serben wegen, dass von Literatur nicht mehr die Rede sein konnte. Heute erklären ehemalige Mitarbeiter der Akademie, die Entscheidung für Peter Handke sei innerhalb des Gremiums als Entscheidung für eine Literatur im engeren Sinn verhandelt worden. Wäre tatsächlich so gedacht worden, hätte man sich gründlich geirrt.War es im Fall Peter Handkes auch die Preisentscheidung selbst, die den Anlass zu einem Skandal lieferte, galt die Aufregung in der Medizin nur der Jury. Sie setzt sich aus fünfzig Professoren des Karolinischen Instituts in Stockholm zusammen, einer medizinischen Universität von Weltrang. Einige dieser Wissenschaftler hatten im Jahr 2010 den italienischen Chirurgen und Stammzellenforscher Paolo Macchiarini als Gastprofessor an das Institut berufen, in der Hoffnung, damit eines der spektakulärsten Forschungsprojekte in der regenerativen Medizin an sich zu binden. Doch von den acht Patienten, denen eine künstliche Luftröhre eingesetzt wurde, starben erwiesenermaßen sieben. Das Schicksal des achten Patienten ist unbekannt. Die wissenschaftlichen Aufsätze, denen Paolo Macchiarini seinen Ruhm in Fachkreisen verdankte, mussten zurückgezogen werden, nachdem sie einer Überprüfung nicht standhielten. Der Mann selbst entpuppte sich als Hochstapler, Heiratsschwindler und Urkundenfälscher. Im Herbst 2016 musste er das Institut verlassen. Vor einem Monat, Ende September 2020, erhob die schwedische Generalanwaltschaft Anklage wegen schwerer Körperverletzung, nachdem Macchiarini zuvor schon in Italien wegen Amtsmissbrauchs verurteilt worden war. Infolge des Skandals um den Chirurgen wurde die gesamte Leitung des Karolinischen Instituts ausgetauscht. Mehrere Professoren zogen sich aus dem Gremium zurück, weil durch ihr jahrelanges Engagement für Paolo Macchiarini die fachliche Kompetenz in Zweifel geraten war.Dem Nobelpreis wird, zumindest auf längere Sicht, ein solcher Ansehensverlust trotzdem kaum schaden können. Für diese Beständigkeit gibt es einen Grund, der nur bedingt im Respekt vor der fachlichen Kompetenz der Jurymitglieder besteht: Gewiss, man braucht eine Autorität. Doch zugleich ist das öffentliche Bedürfnis, es möge eine höchste Auszeichnung für Wissenschaftler, Literaten und gute Menschen geben, so groß und so allgemein, dass die Verhältnisse im Jahr nach einem Skandal beinahe schon wieder so beschaffen sind, wie sie in vielen Jahren zuvor gewesen waren. Die in dieser Woche anstehende Bekanntgabe der neuen Nobelpreisträger wird in allen Redaktionen mit Nervosität erwartet, die Entscheidungen werden zu Weltnachrichten, und die öffentlichen Kommentare sind nicht zu zählen.Die mediale Aufmerksamkeit ist in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter gewachsenTatsächlich ist die mediale Aufmerksamkeit, die den Nobelpreisen gilt, in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter gewachsen. Das liegt nicht nur daran, dass die technischen Voraussetzungen für eine Weltöffentlichkeit permanent verbessert und ausgeweitet wurden. Es liegt vor allem daran, dass immer größere Teile nicht nur der Wissenschaft, sondern auch der Künste – wie des Lebens überhaupt – einer Konkurrenz unterworfen sind, die sichtbare Produktivität mit hoher öffentlicher Wirkung prämiert, womöglich weit über das Maß des Vernünftigen hinaus. Oder anders gesagt: Eine hohe Auszeichnung verwandelt unter Umständen sehr komplizierte Verhältnisse, in denen es etwa um finanzielle oder publizistische Möglichkeiten, um Arbeitsbedingungen und um persönliche Abhängigkeiten geht, in soziale Tatsachen von schlichter Art: Bei den Preisträgern in der Wissenschaft wird dann kaum mehr gefragt, welches Labor mit welchen Mitteln und mit welchen Mitarbeitern die geehrte Arbeit überhaupt erst möglich werden ließ. Der Ruhm konzentriert sich ganz auf die Person des Ausgezeichneten, was dazu führt, dass die bekanntesten Universitäten der Welt die Nobelpreise wie Trophäen sammeln. Und auch der Literatur sind die Statushierarchien, die durch einen solchen Preis weniger dokumentiert als vielmehr geschaffen werden, nicht fremd: Die Auszeichnung hebt jeden ihrer Träger aus dem Kreis der Kollegen weit hinaus.Skandale kommentierte Schwedens König nur in Formeln der allgemeinen ZuversichtEs gibt deshalb nicht viele Länder, die einen solchen Weltpreis überhaupt vergeben können: Die mächtigen Staaten stünden im Verdacht, mit der Auszeichnung Politik machen zu wollen, den schwachen Staaten fehlte die Weltgeltung. Schweden ist ein kleines, aber starkes und wohlhabendes Land. Es hat seit mehr als zweihundert Jahren keinen Krieg mehr geführt, es ist neutral, und der Bildungsstandard ist hoch. Vor allem aber ist das Land eine parlamentarische Monarchie. Wenn der König die Preise verleiht, wenn er mit seiner Familie beim Bankett im Zentrum sitzt und danach jedem der Ausgezeichneten eine kurze Audienz gewährt, dann entführt er die Preisträger gleichsam aus dem bürgerlichen Leben und verwandelt sie, für kurze Zeit zumindest, in Menschen eines höheren Standes. Vermutlich liegt in der feudalen Umgebung die einzige Möglichkeit, einen so hoch dotierten Weltpreis zu vergeben: Er muss über seine Empfänger kommen wie eine Gnade, letztlich unerklärlich und den üblichen Vergleichen von Fähigkeit, Leistung und Wirkung nicht zugänglich. Als die beiden Skandale Stiftung und Akademie erschütterten, kommentierte der König die Ereignisse folglich nur in Formeln der allgemeinen Zuversicht.Über die beiden Skandale – die Berufung eines Hochstaplers und die Korruption in der Akademie – ließe sich indessen sagen, dass zwischen ihnen und dem Bedeutungsgewinn des Preises ein Zusammenhang besteht: Es gibt ihn in der Medizin, weil das Karolinische Institut bei der Bestallung Paolo Macchiarinis offensichtlich nach sichtbarer Produktivität und hoher öffentliche Wirkung suchte, ohne es mit der Prüfung der Qualifikationen allzu genau zu nehmen. Und es gibt ihn in der Akademie, weil ihr Skandal aus einer Atmosphäre der Selbstherrlichkeit und Unbelangbarkeit erwuchs, wie sie dieser Institution noch vor einer Generation fremd gewesen wäre. Die jüngst berufenen Mitglieder der Akademie, allen voran Mats Malm, ihr neuer Ständiger Sekretär, lassen keinen Zweifel daran aufkommen, nur ein Amt übernommen zu haben, keinen Glorienschein auf Lebenszeit. In diesem Sinne ist schließlich auch Lars Heikenstens Erklärung zu verstehen, man möge die Pause zur Besinnung auf das Wichtige verstehen. Auf die Nobelpreise verzichten, das will in Schweden keiner.
Read More