Nasrin Sotoudeh (Archivbild von 2014)

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Als Nelson Mandela im 26. Jahr seiner Haftstrafe im Pollsmoor-Gefängnis in Kapstadt an Tuberkulose erkrankte, war das weltweite Entsetzen gewaltig. Die zahlreichen Solidaritätsgruppen für Mandela machten Druck, damit er endlich freigelassen werden kann. Anderthalb Jahre später kam er endlich frei, der Rest ist Geschichte. Das Ende des Apartheid-Regimes, die Wahl Mandelas zum Präsidenten, sein Weg der nationalen Versöhnung, die Wahrheitskommissionen: Trotz aller Rückschläge wirkt Mandelas Vermächtnis als Bewahrer der Freiheit in Südafrika fort.

Von dieser Freiheit sind die Menschen im Iran derzeit so weit entfernt wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Im Wochentakt gibt es Todesurteile, etwa die grausame Hinrichtung des Ringers Navid Afkari hat international für Entsetzen gesorgt. Zudem grassiert die Pandemie, am härtesten sind die Häftlinge davon betroffen, denen seit Monaten die notwendigen Schutzmaßnahmen im Gefängnis schlicht verweigert werden.

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Omid Nouripour, Jahrgang 1975, wuchs in Iran auf und lebt heute in Frankfurt am Main und Berlin. Seit September 2006 sitzt er für Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag. Nouripour, Mitglied des Realo-Flügels bei den Grünen, ist außenpolitischer Sprecher der Fraktion.

Im Herbst 2008 traf ich in der Wohnung eines Freundes in Teheran einige Menschenrechtsaktivisten. Unter ihnen war eine zerbrechlich anmutende Anwältin, die sich gegen die Hinrichtung Minderjähriger engagierte. Das Thema war bleischwer und kaum zu verdauen. Am Ende eines langen, lehrreichen und auslaugenden Gespräches fragte ich sie, ob sie denn selbst aufgrund ihrer Arbeit Repressionen ausgesetzt oder gar schon einmal verhaftet worden sei. Sie schaute mich aufgeschreckt an und sagte etwas, das ich nicht erwartet hatte: “Ich tue doch nichts Unrechtes. Ich handle ausschließlich im Rahmen des Rechts, auch wenn es in diesem Land oft nicht reicht. Außerdem habe ich zwei kleine Kinder. Denen bin ich verpflichtet.”

Ein Jahr später gingen Millionen Iranerinnen und Iraner auf die Straßen, um gegen die vielleicht plumpeste Wahlfälschung der Geschichte ihres Landes zu protestieren. Viele von ihnen verschwanden in Geheimgefängnissen, andere wurden niedergeschlagen, verhaftet, gefoltert, vergewaltigt, getötet, vertrieben. Die erwähnte Kinderrechtlerin vertrat eine Vielzahl von Demonstrierenden der Proteste von 2009 vor Gericht. Am 4. September 2010 wurde sie selbst, wurde Nasrin Sotoudeh verhaftet. Aufgrund abstruser Vorwürfe kam sie drei Jahre in Haft. Während dieser Zeit trat sie regelmäßig in Hungerstreit – zusammengenommen 5 Monate lang -, um gegen die Haftbedingungen aller politischen Gefangenen zu protestieren.

Nasrin Sotoudeh kam verwandelt aus dem Gefängnis zurück, sie hatte ihre Angst in der Zelle zurückgelassen. Ihre Verwandlung beschrieb sie selbst in einem Brief an ihren kleinen Sohn Nima wie folgt:”Mein lieber Nima,wie hätte ich denn Zeugin der Hinrichtung der Jugend unseres Landes sein und dazu schweigen können? Wie könnte ich dich ruhiger Seele abends ins Bett bringen, während ich weiß, wie andere Kinder gefoltert werden? Mein Sohn, ich konnte das nicht.”Zwei Tage nach ihrer Entlassung aus dem Evin-Gefängnis, der berüchtigtsten Folterstätte des Irans, stand sie mit einem Protestplakat gegen die Situation der politischen Gefangenen bereits wieder vor dem so genannten Justizpalast. Sie hat wieder Mandate angenommen, viele Angeklagte in aussichtsloser Situation verteidigt, im vollen Bewusstsein, dass das Recht, das sie auf ihrer Seite wusste, vor Gericht oft gar nichts zählt. Ihr Glaube an das Recht aber blieb und bleibt bis heute ungebrochen.

Dieser Mut zum Recht war für das Unrechtsregime unerträglich. Sie wurde überwacht, schikaniert, von ihrer Arbeit abgehalten. Die Zeit vor ihrer zweiten Verhaftung bezeichnete sie selbst als einen “Wechsel in ein größeres Gefängnis”. Als nichts davon sie entmutigen konnte, wurde sie im Juni 2018 erneut verhaftet. Die Vorwürfe waren diesmal noch bizarrer, reichten von der üblichen “Spionage” bis hin zum “Schüren von Prostitution”. Sie wurde zu 33 Jahren Haft und 148 Peitschenhieben verurteilt.Doch schon zuvor war sie für eine Gesellschaft, der immer mehr die Luft zum Atmen genommen wird, eine Art iranischer Nelson Mandela – die Symbolfigur für den Kampf für Freiheit. Denn sie ist nicht nur Trägerin zahlreicher internationaler Ehrungen wie des Sakharov-Preises des Europaparlaments oder des Menschenrechtspreises des Deutschen Richterbunds. Sie verteidigt eben auch nicht nur Kinder- und (für jeden Menschen im Iran mit Gerechtigkeitssinn selbstverständlich) Frauenrechte, sondern die Rechte aller, denen Rechte systematisch verweigert werden, aufgrund von Herkunft, Glauben, sexueller Orientierung oder schlicht unangepasster Gedanken.Für ihre tiefe Überzeugung vom Recht hat sie stets einen hohen Preis zahlen müssen. Erst kürzlich beendete sie einen lebensgefährlichen Hungerstreik, um die Aufmerksamkeit der Welt zu gewinnen für die katastrophalen Zustände nicht nur, aber vor allem der politischen Gefangenen im Iran, gerade in Zeiten der Pandemie.Im legendären Film “Taxi Tehran” hat der Berlinale-Gewinner und Regisseur Jafar Panahi, selbst im Iran mit einem Arbeitsverbot belegt, Nasrin Sotoudeh ein Denkmal gesetzt. Sie steigt in sein Taxi, auf dem Weg zu einer jungen Mandantin, die verhaftet wurde, weil sie versucht hatte, ein Volleyball-Spiel der Männer-Nationalmannschaft zu besuchen. Die junge Frau sei in Hungerstreik, sie als ihre Anwältin wolle schauen, was sie für sie tun könne. “Der Hungerstreik ist das letzte Mittel” sagt sie.

Als Folge ihres Hungerstreiks wurde Nasrin Sotoudeh wegen Herz- und Atembeschwerden vergangenes Wochenende ins Krankenhaus überwiesen. Mehrere Wochen litt sie dabei unter instabilem Blutdruck, Gedächtnisverlust, Migräne, Erbrechen und Dehydrierung. Nach vier Tagen unzureichender Behandlung und ohne ein Besuchsrecht für ihre verzweifelte Familie wurde sie direkt aus der Intensivstation wieder ins Evin-Gefängnis zurückgebracht, wo sie den Hungerstreik nach 46 Tagen abbrach. Das war gewiss nicht ihr letzter Hungerstreik. Es ist offensichtlich, dass es dem Unrechtsregime mit aller Macht darum geht, ihren Willen zu brechen, statt ihr zuzuhören. Ob sie überlebt, spielt beim Regime, in Panik vor ihrem Mut, keine besondere Rolle.Sich den Forderungen Sotoudehs anzuschließen, bedeutet gegen die Hinrichtung des jungen Ringers Navid Afkari aufzuschreien, die medizinische Behandlung der inhaftierten Journalistin Nargess Mohammadi zu verlangen, und allen voran die Freilassung aller politischen Gefangenen zu fordern. Darunter auch die des Tierschützers Samy Radjadbi oder von Nazanin Zaghari-Ratcliffe, die aufgrund ihrer doppelten Staatsbürgerschaft als politische Geisel für den Konflikt mit dem Westen herhalten muss. Wäre Nasrin Sotoudeh frei, würde sie genau solche Mandanten vertreten.Der “Taxi-Fahrer” Panahi fragt sie in ihrem Filmauftritt, wohin sie denn gefahren werden möchte. “Ins Paradies” antwortet sie lachend, meint aber das Gefängnis ihrer Mandantin. Viele in der säkularen Jugend der islamischen Republik glauben nicht mehr, auch nicht an das Paradies. An deren Seite ist Nasrin Sotoudehs Platz, nicht im Paradies. “Wir müssen Deiche des Mutes bauen, um die Fluten der Angst zurückzuhalten”, sagte einmal Martin Luther King. Nasrin Sotoudeh ist Irans höchster Deich. Möge sie noch lange leben. In Freiheit.
Icon: Der Spiegel

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