Wegen Mordes verurteilt: Sylvia D. bei der Urteilsverkündung im Congress Park Hanau (CPH)

Foto: Boris Roessler / dpa

Drei Tage lang musste Claudia H. im vergangenen Herbst vor der 1. großen Strafkammer des Landgerichts Hanau Rede und Antwort stehen. Sie tat es mit erkennbarem Unmut. Es ging um den Tod ihres Sohnes Jan. Der Junge starb am 17. August 1988 im Haus einer engen Freundin, er war vier Jahre alt. Er erstickte, im Schlaf, an erbrochenem Haferschleim.

Auf der Anklagebank saß nach 32 Jahren jene Freundin: Sylvia D., 73 Jahre alt, elegant gekleidet und eigenen Angaben zufolge mit überirdischen Fähigkeiten gesegnet. Eine Frau, die sich als Sprachrohr Gottes sieht und angeblich in direktem Kontakt zu ihm steht. Sie war angeklagt wegen Mordes.Am Donnerstag verurteilte die 1. große Strafkammer Sylvia D. wegen Mordes und ließ sie noch im Saal von zwei Zivilbeamten verhaften und in eine Justizvollzugsanstalt bringen.Nun wurde auch Claudia H. festgenommen. Die Staatsanwaltschaft Hanau hatte direkt nach der Urteilsverkündung einen Antrag auf Erlass eines Haftbefehls gestellt – wegen des dringenden Tatverdachts der Beihilfe zum Mord. Die 59-Jährige, promovierte Biologin, hielt sich bei ihrer Festnahme am Freitagabend in Leipzig auf.

Für die, die im Congress Park Hanau die Urteilsbegründung mitverfolgt hatten, dürfte es nicht wirklich eine Überraschung sein: Der Vorsitzende Richter Peter Graßmück hatte Jans Eltern in die Verantwortung genommen. Es habe die Kammer betroffen gemacht, sagte Graßmück, dass sie ihr Kind Sylvia D. überlassen hätten, obwohl erkennbar gewesen sei, dass der Junge vernachlässigt wurde und Gewalt erfuhr. Die Eltern hätten damit zu Jans Tod beigetragen.”Er war immer so provokativ gemein”Graßmück zitierte aus Tagebucheinträgen, die Claudia H. wenige Stunden nach Jans Tod notiert hatte. Darin schrieb sie: “Er war immer so provokativ gemein.” Und: Sylvia D. habe sie vor “seiner nicht zu stoppenden herzlosen Art” gewarnt. Diese Aufzeichnungen seien eine “niederträchtige Abrechnung eines Erwachsenen mit einem wehrlosen Kind”, so Graßmück.

Jan war nach Überzeugung der Kammer der Willkür Sylvia D.s ausgesetzt: Er wurde getreten, geschlagen, an den Haaren gezogen, mit dem Kochlöffel verdroschen, er wurde kalt abgeduscht, sein Mund mit Seife ausgewaschen. Er musste auf einer Matratze zwischen Klo und Waschbecken schlafen und hungern oder ihm wurde das Essen reingestopft, bis es zur Nase herauskam.Für Sylvia D. war Jan – wie ihren Aufzeichnungen zu entnehmen ist – die “Reinkarnation Hitlers”, ein “fieser Kerl, der dreckig grinst”, ein “Schauaffe”, ein “Sadist, zum Quälen da”.Ähnlich sahen es auch Jans Eltern, die im Prozess gegen Sylvia D. nicht als Nebenkläger auftraten. Schlimmer noch: Sie gerierten sich als Zeugen der Verteidigung. Und sie verstrickten sich teilweise in Widersprüche. Einmal sagte Claudia H., sie fühle sich von den Fragen des Gerichts in die Enge getrieben. 

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“Sie hat ihr Leben lang nach Gott gesucht und dadurch viel Weisheit bekommen und vielen Menschen helfen können”, schwärmte Claudia H. über die mutmaßliche Mörderin ihres Sohnes. Sylvia D. treffe keine Schuld am Tod ihres Sohnes. “Ich weiß, dass Frau D. alle Kinder liebgehabt hat.” Sie habe Sylvia D. bewundert dafür, wie sie mit ihren beiden leiblichen Söhnen und weiteren sieben Kindern, die sie zur Pflege oder adoptiert hatte, umgegangen sei.Sie beschrieb ihr eigenes Kind als schwierige, uneinsichtige Person, die sich bewusst für “die dunkle Seite” entschieden habe. Sylvia D. soll Jan als “vom Bösen besessen” bezeichnet haben.Als die Ermittlungen vor wenigen Jahren wieder aufgenommen wurden, wurde der Leichnam Jans exhumiert. In dem inzwischen wieder neu belegten Grab des Kindes fand der Gerichtsmediziner allerdings nur sechs Knochenfragmente, die von Jans Wirbelsäule stammten. Wo die üblicherweise gut erhaltenen Knochen wie Schädel-, Oberschenkel- und Oberarmknochen sind, ist bis heute ungeklärt. Die Auflösung des Kindergrabes hatte im Jahr 2012 nicht die Friedhofsverwaltung unternommen; es waren Jans Eltern selbst.
Icon: Der Spiegel

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