Franziska Uhl und Ann Cathrin Schönrock (rechts) freuen sich über ihre Chiengora-Ausbeute
Ein Pulli aus Hundehaar? Mindestens so weich und um einiges nachhaltiger als etwa ein Oberteil aus Kaschmir, findet die Gründerin Ann Cathrin Schönrock. Mit ihrem Startup Modus Intarsia will sie Chiengora – eine Zusammensetzung aus dem französischen Wort für Hund „Chien“ und der Textilfaser Angora – als nachhaltige Alternative in der Modeindustrie etablieren.
Dafür hat sich das Startup ein Netzwerk aus Hundebesitzern aufgebaut, die sie mit der Wolle ihrer Tiere versorgen. Als Haar-Lieferanten kommen alle Hunderassen in Frage, die eine sogenannte Unterwolle haben, also ein Winterfell. Besonders eigneten sich Rassen mit langem Fell, so wie etwa Bernhardiner oder Berner Sennenhunde, erzählt die Gründerin.
Keine Tierquälerei – eher im Gegenteil
Das Thema polarisiert, das weiß auch Ann Cathrin Schönrock. „Manche Leute denken, dass den Tieren dafür etwas angetan wird.“ Oft heiße es, dass die die Hunde dafür geschoren oder sogar getötet werden müssten. Dabei verlieren die Hunde ihre Unterwolle von allein. Zur regelmäßigen Pflege der Tiere gehöre es, ihnen diese auskämmen, sagt die Gründerin. Die Besitzer wüssten dann oft nicht, wohin damit. Zu schade zum Wegschmeißen. „Es ist eigentlich absurd“, sagt Schönrock. „Bei manchen Tieren finde man es okay, die Wolle zu konsumieren, und bei anderen wiederum nicht. „Dabei können wir es uns eigentlich nicht leisten, vorhandene Ressourcen nicht zu nutzen“, sagt die 30-Jährige.
Insgesamt eine Tonne Unterwolle wollen die beiden Frauen in diesem Jahr sourcen.
Oft werde sie auch gefragt, ob der Stoff nach nassem Hund rieche, wenn er feucht werde. „Das ist natürlich Quatsch“, sagt sie. „Kaschmir riecht ja auch nicht nach Ziege!“ Vor der Weiterverarbeitung werden die Fasern gereinigt. So könnten sogar Leute, die eigentlich allergisch auf Tierhaare sind, die Wolle tragen, sagt die Gründerin. Denn Allergiker reagierten häufig nicht auf die Fasern selbst, sondern auf die Verunreinigungen darauf, wie etwa Speichel oder Schuppen.
Beide Gründerinnen betrieben Fair-Fashion-Blogs
Ihre Mitgründerin Franziska Uhl hat Schönrock kennengelernt, weil beide Modeblogs zum Thema Nachhaltigkeit betrieben. Bei Events zu dem Thema liefen sie sich immer wieder über den Weg. Irgendwann erzählte Schönrock Uhl, einer angehenden Textilingenieurin, von ihrer Idee zur Chiengora-Produktion. „Ich wollte von ihr wissen, ob ich eigentlich spinne, mit dem was ich vorhabe“, erzählt die Gründerin. Uhl fand das nicht und stieg vor etwa einem Jahr mit in das Startup ein. Seit kurzem werden die Frauen durch ein Exist-Gründerstipendium gefördert.

9,4 Millionen Hunde gibt es Schätzungen zufolge hierzulande. Und für kaum etwas geben Deutsche so gerne Geld aus wie vor ihre vierbeinigen Freunde: Allein in der Bundesrepublik setzten Firmen im vergangenen Jahr 5,2 Milliarden Euro mit Futter, Spielzeug und Halsbändern um, errechnete der Industrieverband Heimtierbedarf.

Bisher haben mehrere hundert Personen die Haare ihrer Hunde eingeschickt, 2019 hat das Startup nach eigenen Angaben insgesamt 250 Kilo eingesammelt. „Für uns ist das viel, aber für industrielle Maßstäbe eher wenig“, so Schönrock. Zum Vergleich: In der Kaschmirproduktion werden weltweit etwa 15.000-20.000 Tonnen pro Jahr verarbeitet. Eigentlich wollten Schönrock und ihre Mitgründerin in diesem Jahr die erste Tonne zusammen bekommen. Doch Corona hat ihnen dieses Ziel erschwert: Wegen der Pandemie können die Gründerinnen aktuell nicht mehr auf Haustiermessen gehen – für sie bisher der beste Weg, um mit Hundebesitzern in Kontakt zu kommen. Online sei es schwieriger, die Leute von ihrer Idee zu überzeugen, dort fehle einfach das Vertrauen und der persönliche Kontakt, so Schönrock.

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Den Hundebesitzern in ihrem Netzwerk zahlen die Gründerinnen für ein Kilo Wolle zwischen 20 und 40 Euro. Ein kleiner Nebenverdienst, mehr nicht. „Wir zahlen ganz bewusst nie so viel, dass es sich lohnen würde, sich extra dafür einen Hund anzuschaffen“, betont Ann Cathrin Schönrock.
Ein eigenes Label für den Proof of Concept 
Aktuell produzieren und verkaufen die beiden Gründerinnen schon kleine Mengen Handstrickgarn aus Chiengora im Fachhandel. Auch einzelne Designer beliefern sie, so wie etwa die Label Bless Berlin oder Natascha von Hirschhausen. Doch viele Modelabels seien noch skeptisch, sagt Schönrock. Auch wenn die Firmen selbst die Idee gut fänden, wären sie sich unsicher, ob die Endkonsumenten die Klamotten aus Hundehaar überhaupt annehmen würden. Um das zu beweisen, bauen Schönrock und Uhl nun ein eigenes kleines Label auf. Im Spätherbst planen sie eine Crowdfunding-Kampagne dazu. „Eigentlich verrückt“, sagt Schönrock und muss lachen. „Ein ganzes Label nur für einen Proof of Concept!“ Aber sie ist sich sicher – die Nachfrage ist da.
Bild: Modus Intarsia

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