Volker Weidermann, DER SPIEGELHerzlich willkommen bei “Spitzentitel”, der Büchershow auf SPIEGEL.de. Mein Name ist Volker Weidermann, und ihr Name ist Margaret Atwood. Ganz herzlich willkommen. Hallo!Margaret AtwoodGuten Tag!Volker Weidermann, DER SPIEGELGuten Tag, Frau Atwood. Ich freue mich sehr, dass Sie da sind. In einem ihrer Gedichte las ich den Satz: “Die Kunst ist nutzlos.” Ist das etwas, woran Sie glauben? Oder welchen Nutzen hat die Kunst für Sie?Margaret AtwoodIch glaube, es war Oscar Wilde, der sagte: “Alle Kunst ist gänzlich nutzlos.” Ich glaube, es gibt einen unvorhersehbaren Nutzen der Kunst. Aber wenn Sie von Kunst sprechen, die für einen bestimmten Zweck gemacht wurde, dann reden wir vielleicht eher von Propaganda. Und es gibt auf jeden Fall einen Nutzen für Propaganda.Volker Weidermann, DER SPIEGELGlücklicherweise oder besser gesagt: unglücklicherweise konnten Sie miterleben, wie Teile ihres Werkes von “The Handmaid’s Tale – Der Report der Magd” von der Fiktion zur Wahrheit gelangten. Bei der Amtseinführung von Donald Trump hielten Menschen Schilder hoch, auf denen zu lesen war: “Make Atwood fiction again” (Macht Atwood wieder ungeschehen). Hätten Sie jemals gedacht, dass Ihre Ideen oder Teile von ihnen so schnell wahr werden könnten?Margaret AtwoodIn den Achtzigern, ja. In den Neunzigern, nein. In den Zehnerjahren des 21. Jahrhunderts, ja. Es ist eine Kurve. Volker Weidermann, DER SPIEGELWarum stellen die Neunziger hier eine Ausnahme dar?Margaret AtwoodEs gab 1989 ein sehr wichtiges Ereignis: den Fall der Berliner Mauer. Ich war damals dort zum Start des Films “The Handmaid’s Tale”, und wir zeigten ihn in West-Berlin. Und alle sprachen über die Ausstattung, die schauspielerische Leistung und all die künstlerischen Aspekte. Und dann zeigten wir den Film in Ost-Berlin, und die Reaktion des Publikums war eine ganz andere. Sie sagten: “So war unser Leben.” Damit meinten sie, dass man niemandem trauen konnte, da man nicht wusste, von wem man denunziert werden würde. Dieser Aspekt war sehr wichtig für die Menschen. Und dann in den Neunzigern sagten alle: Die Geschichte hat sich überholt. Der Kapitalismus hat gewonnen. Lasst uns shoppen gehen. Also gingen wir zehn Jahre lang einkaufen. Dann kam der 11. September, und der Lauf der Geschichte änderte sich wieder. Dann kam die Finanzkrise 2008. Und wenn Leute verängstigt sind und sich verunsichert fühlen, dann ist das ist der Nährboden für eine Diktatur.Volker Weidermann, DER SPIEGELWirkt sich der Lauf der Welt und der Politik auf Ihre Art zu schreiben aus?Margaret AtwoodNicht so sehr auf das, wie ich schreibe, sondern auf das, was ich schreibe. Weil das, was man schreibt, sich immer in Bezug zur Realität verändert. Aufgrund dieses Richtungswechsels überarbeitete ich “The Handmaid’s Tale” und schrieb “The Testaments” (Die Zeuginnen). Denn wir bewegten uns nicht mehr länger weg von den Szenarien in “The Handmaid’s Tale”, sondern eher darauf zu.Volker Weidermann, DER SPIEGELDas ist eine sehr schwierige Frage: Aber wo oder wie finden Sie die Bilder für die Zukunftsvisionen, die Sie beschreiben? Kommt das aus Ihrem Inneren, oder stammt es vielleicht sogar aus der Vergangenheit?Margaret AtwoodWie ich die Dinge finde, die ich schreibe?Volker Weidermann, DER SPIEGELJa, also die Bilder und Visionen. Bei Ihnen geht es meist um Dystopien. Und das sind ja Vorhersagen der Zukunft. Aber vielleicht entstammen diese ja auch teilweise der Vergangenheit.Margaret AtwoodDas ist immer der Fall. Sie können nicht wirklich über die Zukunft schreiben. Es gibt mehrere mögliche Versionen der Zukunft. Und welche sich ereignen wird, hängt davon ab, was wir heute tun. Ich habe in “The Handmaid’s Tale” nichts verwendet, was nicht schon einmal irgendwann, irgendwo auf der Welt auch geschehen ist.Volker Weidermann, DER SPIEGELSie begannen 1984 damit, “The Handmaid’s Tale” zu schreiben. War das vielleicht auch Ihrer Erfahrung geschuldet, die Sie gemacht haben, als Sie Ostdeutschland, also die andere Seite der Mauer besuchten?Margaret AtwoodAbsolut. Deutschland, die Tschechoslowakei und Polen. Diese Länder waren sehr unterschiedlich. Polen war bereits im Zerfall. Ostdeutschland wurde mit harter Hand regiert, und die Tschechoslowakei war irgendwo in der Mitte. Und ja, ich hatte sehr interessante Gespräche mit den Menschen vor Ort. Meistens irgendwo im Freien. Niemals in einer Wohnung oder einem Auto. Also ja, das hat mich beeinflusst. Ich habe damals übrigens auf einer deutschen Schreibmaschine geschrieben.Volker Weidermann, DER SPIEGELWar das ihr einziger Besuch? Waren Sie jemals wieder in Osteuropa nach den Neunzigern?Margaret AtwoodJa, auf jeden Fall, öfters. Ich war 1989 noch einmal in Polen und seitdem öfter in Europa, vor allem in Deutschland. Es gibt ja heutzutage eine Menge Festivals.Volker Weidermann, DER SPIEGELZum ersten Mal – überraschenderweise – lernen wir Sie als Dichterin kennen, als jemanden, der Gedichte schreibt: “Wir müssen die einzigen Übriggebliebenen sein, in dem Dunst, der überall aufzog, so auch in diesen Wäldern.” Die deutsche Ausgabe beginnt also irgendwie mit dem Ende der Welt. Fängt die englische Ausgabe ebenfalls so an?Margaret AtwoodNein. Dieses Gedicht ist aus dem ersten Buch, welches ich Mitte der Sechzigerjahre fertiggestellt habe. Und deswegen ist es nicht das erste Gedicht im Buch, aber es ist darin enthalten.Volker Weidermann, DER SPIEGELWas reizt Sie so sehr an der Apokalypse – und das ja offensichtlich seit Beginn Ihres Schaffens?Margaret AtwoodWissen Sie, als Teenager liest man eben viel Science-Fiction. Es gab “Brave New World” (“Schöne Neue Welt”) und “1984”.  Da waren Ray Bradbury (“Fahrenheit 451”) und andere Werke zu dieser Zeit, und es gab ziemlich viele Weltuntergänge. Ich habe gerade eine Einführung zu einer russischen Dystopie von 1923 geschrieben. Das Werk heißt “Wir” von Evgenij Samjatin. Vielleicht war er der Vorreiter dieser Art von Büchern. Er hat Stalin vorausgesagt, bevor Stalin an die Macht kam.Volker Weidermann, DER SPIEGELWenn wir über den Einfluss reden, den die durch Sie gezeichneten Szenarien und Ihre Bücher haben, und darüber, dass Leute Schilder hochhalten, auf denen steht “Make Atwood fiction again” (Macht Atwood wieder ungeschehen) stellt sich mir die Frage, ob Sie jemals darüber nachgedacht haben, die Welt mit Ihrem Schaffen zu verändern oder zu versuchen, sie in eine andere Richtung zu bewegen.Margaret AtwoodNicht während des Schreibens. Aber als ich “The Handmaid’s Tale” schrieb, dachte ich, die Leute würden das vielleicht verrückt finden, und jetzt sind wir hier im Jahr 2020. Und jetzt haben sich die Dinge verändert.Volker Weidermann, DER SPIEGELSie sind weltweit bekannt und eine Person des öffentlichen Lebens. In einem Ihrer Gedichte, welches da heißt: “Their attitudes differ” (“Unterschiedliche Haltungen”), schreiben Sie: “Nach und nach werden Sie bekannt, und in einem Jahr wird nichts mehr von dir übrig sein, außer ein Megafon.” Stört es Sie manchmal, so berühmt zu sein und eben zu einem Megafon zu werden, zumindest im öffentlichen Teil ihres Lebens?Margaret AtwoodEs ist schlimmer. Sie machen eine Briefmarke aus dir. Als junge Schriftsteller saßen wir zusammen und dachten darüber nach, was aus uns werden würde: Vielleicht eine Statue, oder man würde eine Bar nach uns benennen oder vielleicht einen Teeladen. Mir gefiel der Teeladen am besten. Aber offensichtlich ist das nicht der Fall.Volker Weidermann, DER SPIEGELSuper. Und da sind Sie ja auch auf gutem Wege?Margaret AtwoodJa, das bin ich. Und hey, ich bin immer noch am Leben. Wenn Sie noch am Leben sind, dann sind Sie auf einem guten Weg.Volker Weidermann, DER SPIEGELWie gut sprechen Sie eigentlich Deutsch? Sie waren oft in Deutschland und haben es ein bisschen gelernt. Lesen Sie manchmal deutsche Texte? Hatten Sie Kontakt mit Muttersprachlern, Ihr Buch wurde ja durch mehrere zeitgenössische deutsche Dichter veröffentlicht? Oder wurden Ihnen Fragen gestellt während der Übersetzungsphase?   Margaret AtwoodIch bin mir nicht sicher, aber ja, ich bekomme oft Fragen zu Übersetzungen. Ich kann Deutsch besser lesen. Lesen ist einfach. Sprechen ist schwer. Ich kann einfache Sätze verstehen, aber wenn es zu philosophisch wird, dann brauche ich ein Wörterbuch.Volker Weidermann, DER SPIEGELHaben Sie jemals versucht, Gedichte auf Deutsch zu lesen?Margaret AtwoodJa, aber meist in einer zweisprachigen Version. Sodass ich schummeln kann.Volker Weidermann, DER SPIEGELAber ich hörte, ihre Tochter spricht sehr gut Deutsch, da sie Kunstgeschichte studiert hat?Margaret AtwoodJa, ihr Deutsch ist sehr gut. Für Kunstgeschichte braucht man Deutsch. Kunstgeschichte wurde in Deutschland erfunden, und dafür muss man Deutsch lesen können. Sie hat dort, glaube ich, insgesamt drei oder vier Jahre gelebt. Sie lebte in Ost-Berlin nach dem Mauerfall,als es noch günstig war. Sie hat einen besseren Akzent als ich. Sie spricht nicht perfekt, aber gut verständlich, sagen ihre Freunde.Volker Weidermann, DER SPIEGELMan hat für Sie und Ihren Stil das Wort “atwoodian” erfunden. Was bedeutet das genau, und was würden Sie sich wünschen, wenn Sie sich eine Bedeutung aussuchen könnten?Margaret AtwoodIch weiß nicht, was es beutet. Aber vor langer Zeit fragten mich die Leute in Deutschland: “Ist es lustig oder nicht lustig?” Und ich würde sagen, dass es beides ist. Das ist eben das,was die Franzosen angelsächsischen Humor nennen. Oder vielleicht ist es eher schottischer Humor. Da kommt so was oft vor. Es könnte also so eine Mischung sein. Lustig, nicht lustig, oder es könnte auch “skurril” bedeuten. Das ist nicht ganz klar.Volker Weidermann, DER SPIEGELSie sind oft auf Twitter und mögen dieses Medium offensichtlich. Wie oder wofür benutzen Sie Twitter?Margaret AtwoodIch sehe das wie eine kleine Radioshow. Ich kann Gäste einladen. Ich kann über Bücher sprechen, die ich gelesen habe, und Events ankündigen. Manchmal verfallen die Leute in “screaming wars” auf Twitter. Aber Twitter ist kein guter Ort, um sich zu beschimpfen, da es sehr wenig Nuancen gibt und auch keine langen Erklärungen. Gerade für deutsche Nutzer kann Twitter frustrierend sein, da deutsche Sätze recht lang sein können und das Verb immer am Ende auftaucht. Um seinen Standpunkt auf Twitter zu vertreten, ist es besser, eher kein Deutsch zu benutzen. Oder eher eine verdichtete Version des Deutschen.Volker Weidermann, DER SPIEGELHaben Sie jemals einen Tweet von Donald Trump retweetet?Margaret AtwoodNein, noch nie.Volker Weidermann, DER SPIEGELWie groß sind Ihre Hoffnungen für die US-Wahl im November?Margaret AtwoodHoffnungen? Ich spreche nicht von Hoffnungen, sondern eher von Möglichkeiten. Vor allem wegen der Dinge, die er (Donald Trump – Anm. d. Red) gerade von sich gibt bezüglich der Briefwahl, und wenn er davon spricht, das Ergebnis der Wahlen nicht zu akzeptieren. Trump ist ein Showtyp, der von Aufregung jeglicher Art zu profitieren versucht. Stellen Sie sich mal vor, was dann los sein wird, wenn er das Wahlergebnis einfach nicht akzeptiert. Wo kommen wir da hin?Volker Weidermann, DER SPIEGELSchrecklich. Sind Sie manchmal davon genervt zu hören, wofür Sie alles angeblich verantwortlich seien? Auf Twitter habe ich gerade gelesen, dass man Sie für die Vorgänge am Supreme Court (Oberster Gerichtshof der Vereinigten Staaten – Anm. d. Red) verantwortlich macht? Das ist schon einiges, wofür man Sie hier in der Verantwortung sieht, finden Sie nicht?Margaret AtwoodNein, ich bin nicht verantwortlich für all das. Nur weil ich diese Dinge angesprochen habe, heißt das nicht, dass ich auch dafür verantwortlich bin. Ich habe nichts von alldem initiiert. Ich kommentiere nur. So wie Sie auch.Volker Weidermann, DER SPIEGELDas ist wahr. Ich hörte, dass Sie sieben Jahre alt waren, als Sie mit dem Schreiben anfingen. Und Sie schrieben über eine kleine Ameise, fanden es aber langweilig…Margaret AtwoodWissen Sie, es gibt drei Phasen im Leben einer Ameise: Zuerst das Ei, dann wird sie zur Larve und dann zur Puppe. Es passiert nichts, nichts, bevor sie ihre Beine bekommt.Volker Weidermann, DER SPIEGELSie haben aber den Ameisenroman nicht zu Ende gebracht?Margaret AtwoodOh doch! Ich habe die erste Ameisengeschichte zu Ende gebracht, habe allerdings einen zweiten Ameisenroman begonnen, und diesen habe ich nicht zu Ende gebracht. Ich wurde dann erst einmal Malerin.Volker Weidermann, DER SPIEGELMargaret Atwood, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, und vielen Dank für Ihre Bücher. Ich freue mich darauf, Sie 2021 in Frankfurt zu sehen.Margaret AtwoodDarauf freue ich mich ebenfalls.Volker Weidermann, DER SPIEGELSchön. Danke und alles Gute.Margaret AtwoodBis nächstens.Volker Weidermann, DER SPIEGELBis nächstes Jahr.Auf Wiedersehen.Das war Margaret Atwood in “Spitzentitel” auf SPIEGEL.de. Wir sehen uns schon bald wieder, vielleicht morgen. Bis dahin, machen Sie es gut und Kopf hoch.

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