Jonathan Franzen: “Deshalb bin ich ungeduldiger als je zuvor mit den Klimaaktivisten”

Foto: Slaven Vlasic/ AFP

Nördlich von Santa Cruz verbrannten im August 40.000 Hektar Wald. Mein Haus wurde verschont, aber mehr als 1000 andere wurden zerstört.

Jonathan Franzen, Jahrgang 1959, gilt als wichtigster US-amerikanischer Schriftsteller der Gegenwart. Einem breiten Publikum wurde er 2001 mit seinem Roman “Die Korrekturen” bekannt, seitdem hat er zahlreiche Bestseller verfasst, 2010 etwa “Freiheit”. Umweltverschmutzung und Klimawandel beschäftigen ihn immer wieder in Essays und Büchern.

Als ich die Küste entlanglief und sah, wo das Feuer beinahe an den Rand des Ozeans gekommen war, war ich nicht so niedergeschlagen wie erwartet. Ich war traurig um die schöne Landschaft, traurig wegen der Tiere, die in ihr lebten, und traurig wegen der Leute, deren Häuser und Bauernhöfe gebrannt hatten. Aber die Szenerie erschien mir nicht unnatürlich.

Feuer ist Teil des Naturzyklus, besonders hier in Kalifornien. Obwohl die neuen, schweren Feuer teilweise auf den Klimawandel zurückgehen, sind sie auch das Ergebnis anderer fehlerhafter menschlicher Maßnahmen. Ergebnis von einem Jahrhundert unterdrückender Maßnahmen, die den Brennstoff für extrem heiße Feuer schufen. Und, in jüngerer Zeit, Ergebnis des Trends, Wohngebiete in Gegenden zu fördern, die von Natur aus anfällig für Brände sind.

Die Feuer in diesem Jahr könnten allerdings auch zwei gute Auswirkungen haben. Da wäre zunächst ein enormes öffentliches Investment in besseren Brandschutz: in kontrolliertes Verbrennen (…), das Durchgänge schafft, um die Lauffeuer einzugrenzen. Die zweite gute Folge könnte sein, dass der Häuserbau in gefährlichen Gegenden runtergefahren wird: Indem die Häuser in diesen Gegenden nicht mehr versichert werden – und indem man Milliarden in den urbanen Wohnungsbau steckt. Menschen sollten in den Städten leben – und die Natur sollte ihren Lauf nehmen dürfen.

Anders gesagt gibt es praktische und wichtige Schritte, die wir gehen können, um uns der globalen Erwärmung anzupassen. Deshalb bin ich ungeduldiger als je zuvor mit den Klimaaktivisten.Ihre Antwort auf die Feuer ist, die Kohlenstoffemissionen noch einmal um das Doppelte zu reduzieren. Statt das unmittelbare Problem anzugehen, fordern sie, dass wir uns auf komplexe Energie-Infrastruktur-Programme konzentrieren, die erst in vielen Jahren fertiggestellt sein werden (während in jeder Fire Season mehr und mehr Landfläche zerstört wird) – und die die globale Erwärmung irgendwann in der Zukunft bestenfalls leicht mäßigen.

Nur Kohlenstoffemmissionen vor Augen zu haben, ergab vor 20 Jahren Sinn. Jetzt wird es zunehmend irrelevant für die Aufgabe, die ansteht.
Icon: Der Spiegel

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