Essen Detlef Wetzel hat in seiner Laufbahn viele Arbeitskämpfe erlebt. Von 2013 bis 2015 war er Vorsitzender der IG Metall, seit einigen Jahren vertritt er die Arbeitnehmer im Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp Steel Europe. Doch dieses Mal richtet sich sein Appell nicht an den Arbeitgeber, sondern an die Politik. „Wir schauen in einen Abgrund“, sagte Wetzel am Dienstag bei einer Pressekonferenz des Thyssen-Krupp-Betriebsrats in Essen – und forderte die Regierungen in Berlin und Düsseldorf auf, den Stahlkonzern finanziell zu unterstützen.Nicht nur Förderungen für die grüne Transformation der Industrie, sondern gleich ein Staatseinstieg schwebt der Gewerkschaft vor. Nach dem Vorbild von Unternehmen wie Lufthansa oder Tui, die die Bundesregierung in der Coronakrise mit vielen Milliarden Euro vor der Insolvenz bewahrt hatte, soll nun auch Thyssen-Krupp von Staatshilfen profitieren. Andernfalls drohe der Stahlsparte, für die Thyssen-Krupp derzeit nach einem Fusionspartner sucht, „Zerschlagung, Filetierung, Verramschung“, warnte Wetzel. Und die Politik trage dafür die Verantwortung.Es sind harte Worte in harten Zeiten, nachdem Thyssen-Krupp mitten im größten Umbau der 200-jährigen Konzerngeschichte heftig von der Coronakrise getroffen worden ist. Zwar konnte das Unternehmen vor wenigen Monaten seine profitable Aufzugsparte für 17,2 Milliarden Euro an ein Konsortium von Finanzinvestoren verkaufen und so langjährige Schulden decken. Doch der Erlös schmilzt in der Krise schnell ab. Damit fehlt das Geld, um dringend benötigte Investitionen vor allem im Stahlbereich zu tätigen.Um den Kapitalabfluss abzufedern, sucht der Konzernvorstand um Martina Merz derzeit nach einem Partner für die Sparte. Als Kandidaten gelten dabei der schwedische Rivale SSAB und Tata Steel Europe, beiden wird ein Interesse an einer Mehrheitsübernahme des Geschäfts nachgesagt. Aus Sicht der IG Metall handelt es sich dabei allerdings allenfalls um „Ideen“, nicht um „Konzepte“, so Wetzel. „Der Optionsraum, den Frau Merz gerne zitiert, ist im Moment nichts anderes als ein tiefer, schwarzer Abgrund.“Politik zeigt sich zurückhaltendDabei besteht die größte Sorge der Gewerkschaft darin, dass Thyssen-Krupp seine Stahlsparte an einen Konkurrenten verkaufen könnte, der zwar den Preis zahlt, aber darüber hinaus kein Interesse an Investitionen in die deutschen Standorte hat. Entsprechend deutlich äußerte sich der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende von Thyssen-Krupp, IG-Metall-Hauptkassierer Jürgen Kerner, der wegen der Bundestagswahl nur ein kleines Zeitfenster für einen Staatseinstieg sieht.„Wenn ein Interessent ein solide finanziertes Angebot macht, wird es für den Aufsichtsrat schwer, das abzulehnen, wenn es keine Alternativen gibt“, sagte der Gewerkschafter. Die Folge sei im schlimmsten Fall der Verlust von 150.000 Arbeitsplätzen, die direkt von der Stahlproduktion in Duisburg abhingen. „Die Politik muss sich überlegen, ob sie Arbeit oder Arbeitslosigkeit finanzieren will“, ergänzte der nordrhein-westfälische Bezirksleiter der IG Metall, Knut Giesler.Doch bislang halten sich sowohl die NRW-Landesregierung als auch das Bundeswirtschaftsministerium zurück. Noch bevor die Pressekonferenz der Gewerkschaft begann, erklärte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) bei einer Veranstaltung in Berlin, eine Landesbeteiligung an Thyssen-Krupp stehe für ihn derzeit nicht auf der Tagesordnung. Aktuell gehe es darum, das Unternehmen beim Übergang von Kohle zu klimaneutralem Wasserstoff zu unterstützen.Ähnlich äußerte sich Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) am Dienstag. „Ich glaube nicht, dass Verstaatlichung im Augenblick die richtige Antwort ist“, sagte der Politiker. Die Probleme der Branche könnten so nicht gelöst werden. Stattdessen brauche man Wettbewerbsmodelle für die Zukunft. Alle Unternehmen seien bereit, den Weg hin zu klimafreundlicher Stahlproduktion zu gehen. „Wir sind auch bereit, diesen Weg finanziell zu unterstützen“, sagte Altmaier.

Für die Gewerkschaft ist das letzte Wort noch nicht gesprochen: Für die kommende Woche hat die IG Metall zu einer Protestkundgebung vor der Düsseldorfer Staatskanzlei geladen. Tausende Stahlkocher werden erwartet.Mehr: Der Staat sollte sich aus Unternehmen raushalten, kommentiert Dieter Fockenbrock.
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