[00:00:02] Janine Ramcke Ich sag mal, die Honigbiene ist der Einstieg in den Naturschutz, weil die so viele Fragen aufwirft und so viele Verbindung einem klarmacht, dass man ganz schnell den nächsten Schritt geht und dann bei den Arten ist, die dann auch wirklich bedroht sind.[00:00:18] Lenne Kaffka Ideen für ein besseres Leben haben wir alle. Aber wie setzen wir sie im Alltag um? In diesem Podcast treffen wir jede Woche Menschen, die uns verraten, wie es klappen kann. Willkommen zu Smarter leben. Ich bin Lenne Kaffka und heute besucht mich Janine Ramcke.[00:00:36] Janine Ramcke Hallo, ich bin Janine Ramcke. Ich bin Imkerin in der Stadt Hamburg, gebe Imkerkurse und mach Quatsch rund um die Biene.[00:00:43] Lenne Kaffka Imker kannte ich als Kind nur aus Comics: Die hatten Netze über dem Kopf, saßen in der Natur vor ihren Körben, und neben ihnen tropfte irgendwo der Honig auf den Boden. Ein sehr romantisches Bild von der Bienenhaltung, denn natürlich wird unser Supermarkt-Honig oft anders hergestellt. Und Bienenvölker gibt es heutzutage auch immer häufiger in der Stadt. Urban Beekeeping, also Stadtimkerei, hat sich zu einem Hype entwickelt. Janine ist vor acht Jahren zum Imkern gekommen, und aus ihrem Hobby ist längst ein Nebenjob geworden. Sie hat einen Verein gegründet, gibt Kurse für Erwachsene, betreut Bienen-AGs an Schulen und natürlich produziert Janine ihren eigenen Honig – auch das nicht irgendwo auf dem Land, sondern mitten in Hamburg.[00:01:23] Lenne Kaffka Janine, es ist Oktober, draußen auf den Wiesen ist nicht gerade Bienen-Hochsaison. Was machen die Bienen jetzt gerade?[00:01:30] Janine Ramcke Die Honigbienen kuscheln sich gerade zusammen in ihrem Bienenstock und stellen so ein bisschen die Arbeit ein. Bei den Bienen ist jetzt schon Winter. Wenn noch Temperaturen über 10 Grad sind, fliegen sie auch noch aus, denn auch wenn wir jetzt nicht mehr so viel in der Natur sehen – es gibt immer noch Pollen, der draußen zu finden ist. Der Efeu blüht zum Beispiel immer noch in den letzten Zügen. Da findet man auch die Efeu-Seidenbiene gerade dran, ein paar Wespen findet man dran, auch noch Honigbienen, die sammeln dann noch ein bisschen was für den Winter. Aber eigentlich kuscheln sie jetzt nur noch und versuchen, ihr ganzes Leben auf ein Minimum zu reduzieren.[00:02:02] Lenne Kaffka Kuscheln die allein oder siehst du die noch häufiger gerade?[00:02:05] Janine Ramcke Ich sehe sie häufiger. Ich habe tatsächlich eine Video-Überwachung an einer meiner Bienenbeuten und schaue mir immer an, ob sie gerade rein und rausfliegen – einfach, damit die Sehnsucht nicht so groß ist. Denn sie stehen bei mir nicht mitten auf dem Balkon, sondern schon ein kleines bisschen von meiner Wohnung entfernt. Ich gehe jetzt noch zweimal ran, und dann wars das für dieses Jahr.[00:02:23] Lenne Kaffka Du hast gerade Bienenbeute gesagt – so nennt man die Behausung?[00:02:24] Janine Ramcke Genau, also die Kiste, in der die Bienen wohnen, nennt sich Beute.[00:02:28] Lenne Kaffka Eigentlich bist du gelernte Köchin. Du arbeitest beim Deutschen Roten Kreuz, wohnst hier in Hamburg, mitten in der Stadt. Wie bist du zum Imkern gekommen?[00:02:36] Janine Ramcke Zum Imkern bin ich gekommen mit meinem Mann zusammen. Wir hatten die Idee, damit nicht jeder nur sein eigenes Leben lebt und man sitzt abends beim Abendbrot zusammen und sagt: Und, wie war dein Tag?”, dass wir auch was gemeinsam machen wollten, und hatten dann überlegt, was kann das sein? Dadurch, dass ich auf der Arbeit, wo ich vorher war, das war in einem Restaurant, da standen die Bienen oben auf dem Dach drauf, direkt neben meinem Bürofenster. Und dann konnte ich immer mal schon sehen, wie sie da rein- und rausgeflogen sind, fand das schon spannend. Aber es hat mich noch nicht so richtig gecatcht, muss ich sagen. Und dann hat mein Mann gesagt: “Mit dem Bienensterben, da habe ich was gehört. Lass uns mal einfach so eine Imker-Ausbildung machen und mal gucken, was passiert.” Das haben wir dann gemacht, und dann packte es uns sehr schnell, sehr intensiv. Und die Bienen haben unser Herz komplett erobert.[00:03:18] Lenne Kaffka Lustig, du hast auch das Bienensterben angesprochen. Ich habe in der Vorbereitung auf das Gespräch, habe ich einige Videos angeguckt und das nennen ganz viele als Grund dafür. Betrifft das Bienensterben überhaupt auch die Honigbiene? Es trifft doch die Wildbienen? Wie sinnvoll ist so ein Öko-Impuls?[00:03:31] Janine Ramcke Sehr sinnvoll! Also, die Honigbiene ist nicht vom Aussterben bedroht. Die Honigbiene ist ein bisschen wie die Milchkuh, die ist auch nicht vom Aussterben bedroht und auch ganz ehrlich kein Wildtier mehr. Das ist bei der Honigbiene auch der Fall, die wird seit Jahrhunderten gezüchtet. Der Mensch und die Honigbiene haben also ein sehr inniges Verhältnis, schon seit Jahrtausenden tatsächlich. Wem es schlecht geht, das sind die Wildbienen. Aber: Die Leute kümmern sich immer nur um Themen, wenn sie auch persönlich davon betroffen sind. Und Honig ist so ein Inbegriff, wenn man mal jemanden fragt, was verbindest du mit Honig, dann hat man immer gleich Sonnenschein und dieses Goldige und dieses zähflüssige, süße etwas, auf einem Butterbrot am besten. Man hat vor seinem geistigen Auge Wiesen und eine heile Welt. Das sind Emotionen, und mit Emotionen kann ich dir sagen, dann tue ich auch etwas dafür, dass meine Liebe zu diesem Bild, was ich vor Augen habe, auch erhalten bleibt. Und dann engagiere ich mich auch. Ich sag immer, die Honigbiene ist der Einstieg in den Naturschutz, weil die so viele Fragen aufwirft und so viele Verbindungen klarmacht, dass man ganz schnell den nächsten Schritt geht und dann bei den Arten ist, die dann auch wirklich bedroht sind.[00:04:37] Lenne Kaffka Welchen Anteil nimmt denn das Imkern jetzt in deinem Leben ein? Du sitzt hier vor mir, um deinen Hals hängt ein Mundschutz mit Bienen drauf, du hast ein Biene-Maja-T-Shirt an, auf deinem Arm sind Waben tätowiert – das ist doch viel mehr als ein Hobby für dich, oder?[00:04:49] Janine Ramcke Das ist recht schnell viel mehr als ein Hobby geworden. Es fing ganz leise und leicht an, und im Laufe von den 7, 8 Jahren, die wir jetzt machen, ist das inzwischen ein Großteil meiner Freizeit geworden, die ich da investiere. Also, wir haben einen eigenen Verein gegründet, und da engagieren wir uns an Schulen und machen halt eben Quatsch rund um die Biene, versuchen die Menschen über das Thema Honigbiene dahin zu bekommen, zu schauen, wie geht’s denn den Wildbienen überhaupt? Wie wichtig sind die fürs Ökosystem? Was bedeutet das? Und warum habe ich, wenn ich keine Bienen mehr habe, auch kein Obst mehr?[00:05:20] Lenne Kaffka Also das, was du als Quatsch bezeichnet, ist Aufklärungsarbeit.[00:05:23] Janine Ramcke Ja.[00:05:24] Lenne Kaffka Bei dir klingt es so, als ob du vorher jetzt eigentlich auch nicht so den größeren Bezug dazu hattest. Du bist auch ohne Vorahnung gestartet, oder?[00:05:30] Janine Ramcke Ja, ich habe ganz klassisch einen Imkerkurs gemacht. Also das war so dieses: Wie macht man das eigentlich? Und dann findet man schnell, das sind zwei Wege: Entweder ich mache eine richtige Ausbildung, die geht über drei Jahre, kann dann auch mein Meister machen, nach sieben weiteren Jahren und ähnliches – das geht alles. Oder ich besuche einfach einen Imkerkurs von irgendeinem Imkerverein, und das habe ich getan. Und dann macht man so zehn Theorie-Termine, ein paar Praxis-Termine, und dann wird man losgelassen auf diese Tiere.[00:05:55] Lenne Kaffka Rein theoretisch klingt das dann so, als ob das eigentlich jeder lernen kann. Aber für wen ist das eine gute Freizeitbeschäftigung?[00:06:01] Janine Ramcke Lernen kann das jeder. Aber es ist halt immer so, wenn man die Verantwortung für ein Lebewesen übernimmt, sollte man sich damit auch auseinandersetzen. Und gerade Insekten können nicht schreien, wenn es ihnen schlecht geht. Die können sich nicht artikulieren, sodass wir es verstehen. Das heißt, wenn wir feststellen, den Bienen geht es schlecht, dann erkennen wir das daran, dass sie tot im Bienenstock liegen. Das ist einfach zu spät. Und daher muss man sich vorher damit beschäftigen – und das macht man mit so einem Kurs. Aber man lernt halt nicht aus, sondern mit so einem Kurs hat man erst mal die Basis dafür, um halt mit den Tieren erst mal zu arbeiten.[00:06:32] Lenne Kaffka Gibt es denn irgendwelche Fragen, die ich mir vorab stellen könnte, wenn ich jetzt mal überlege, ob ich es ausprobieren will?[00:06:38] Janine Ramcke Wieviel Zeit hast du? Das ist die Hauptfrage. Denn wenn man sagt, die Imkerei ist pro Bienenvolk 20 Stunden im Jahr, die man an Zeit investieren muss, das klingt jetzt nicht viel. Aber diese 20 Stunden sind gerechnet von dem Zeitpunkt, wo ich oben den Deckel aufmache, bis zu dem Zeitpunkt, wo ich den Deckel wieder zumachen. Da hab ich noch nicht meine Schutzkleidung angezogen, da hab ich noch nicht den Raucher angemacht oder ähnliches, da bin ich noch nicht hingefahren. Und diese 20 Stunden verteilen sich auch komplett auf die Zeit Mai, Juni, Juli. Und ansonsten bin ich den Rest des Jahres relativ wenig unterwegs. Da merkt man schon an den Monaten, das sind die, wo man auch gern in Urlaub fährt und Ähnliches. Das muss ich schon arg planen im Vorfeld. Ich kann nicht einfach sagen, jetzt sind Sommerferien, ab dafür. Da muss ich erst sagen: Habe ich die Honigernte schon gemacht? Sind die Bienen wieder aufgefüttert? Sind sie behandelt? Ist alles in Ordnung? Oder ist Schwarmzeit? Schwarmzeit bedeutet immer, dass sich das Bienenvolk teilt, dass also die Hälfte der Bienen auszieht. Und wenn die einfach so irgendwo im Baum hängen, ist es auch eher schwierig, denn die finden von alleine keine passende Behausung mehr, weil wir leben hier nicht in einer natürlichen Umwelt. Und das heißt, ich muss mich ja auch um die Nachkommen meiner Tiere kümmern. Das heißt auch um so einen Bienenschwarm. Das muss ich alles immer ein bisschen beachten. Ich bin also sehr viel mit dem Terminplaner unterwegs, gerade so in den warmen Monaten.[00:07:53] Lenne Kaffka Wenn du dann wirklich in Urlaub fahren willst, dann können die auch einfach alleine bleiben. Oder betreut die dann jemand in der Zwischenzeit?[00:07:59] Janine Ramcke Die bleiben dann schon allein. Also Honigbienen kommen sehr, sehr gut ohne den Menschen aus. Das geht schon.[00:08:05] Lenne Kaffka Aber diese 20 Stunden sind quasi netto Bienen-Zeit. Das ist viel mehr Brutto-Hobbyzeit.[00:08:11] Janine Ramcke Ja, viel mehr Brutto-Hobbyzeit, was da mit drauf kommt. Es ist ja nicht damit getan, dass ich oben einmal reingucken.[00:08:16] Lenne Kaffka Hast du es denn schon erlebt, dass Leute mit ganz falschen Erwartungen zu Imkerkursen gekommen sind?[00:08:20] Janine Ramcke Ich gebe ja selbst Imkerkurse und die meiste Verbreitung ist, die Honigbiene ist ein Wildtier, und ich lass die einfach ganz autark leben und gibt dir einfach nur eine Behausung und überlasse ansonsten sich selbst. Das klappt nicht. Ich kann nicht einfach ein Baum aushöhlen, da ein Bienenvolk reinpacken und das in Ruhe lassen – das wird sterben. Weil wir eben nicht mehr in einer natürlichen Umgebung leben. Das heißt, der ganze Fluss an Nektar und Pollen ist überhaupt nicht mehr so gegeben. Und dann ist es so, dass ein Parasit geschafft hat, diesen Wirtsprung zu machen von den asiatischen Honigbienen auf die europäischen Honigbienen und der Mensch es natürlich geschafft hat, das Ding weltweit zu verbreiten. Das ist diese Varroamilbe, von der hat jeder schon mal gehört. Und wenn wir die Varroamilbe nicht im Griff haben, dann sterben die Honigbienen, denn sie haben noch keine natürlichen Resistenzen. Und die Bienendichte ist in Europa so extrem hoch, dass wir sie auch nicht einfach sich selbst überlassen können. Das geht nicht.[00:09:11] Lenne Kaffka Was kann man denn gegen diese Milbe tun?[00:09:13] Janine Ramcke Man muss sie ein bisschen in Schach halten. Das kann man entweder mit biologischen Säuren machen, weil diese Milbe verträgt Säuren nicht so richtig gut. Und die Honigbiene hat also das große Glück, dass die sehr viel resistenter ist dagegen. Und dann kann man einmal die Milbe damit besprühen, und dann fällt die einfach ab und ist dann raus aus dem Bienenvolk.[00:09:33] Lenne Kaffka Wir reden ja heute übers Stadtimkern – bei Honigbienen denke ich ja eigentlich an Blumenwiesen, an Rapsfelder, nicht irgendwie an Häuser, Straßen, Autos. Gibt es denn in der Stadt überhaupt genügend Nahrung außerhalb von Parks und großen Grünflächen?[00:09:48] Janine Ramcke Ja, denn die Stadt ist dreidimensional, das ist was total Tolles. Wir sind also nicht nur Länge, mal Breite, sondern es geht auch in die Höhe. Und so ziemlich jeder halbwegs gute Städter hat jetzt spätestens in der Corona-Zeit entdeckt, dass so ein bisschen Grün vor den Fenstern und auf den Balkonen auch etwas Wundervolles ist. Und wir haben eine viel höhere Bienen- und Blumendichte natürlich auch innerhalb der Stadt als auf dem Land. Auf dem Land haben wir häufiger das Problem, dass außerhalb der Dörfer halt hauptsächlich die Bauern herrschen. Das klingt ganz gemein. Ich finde Bauern ganz super, und eigentlich haben sie es auch nicht vor, den Bienen etwas Schlechtes zu tun. Aber aufgrund der Art und Weise, wie wir Menschen leben und uns das Leben gerne einfach machen, sind die Flächen auf dem Land nicht mehr unberührt, sondern es sind hauptsächlich Industrieflächen geworden. Es gibt große, große Rapsfelder, aber wenn der Raps verblüht, ist es da gar nichts mehr, dann blüht nichts mehr. Und so eine Bienensaison startet im März und endet im September, Oktober. Wenn ich aber nur im Mai für drei Wochen eine Blüte habe, was esse ich denn dann das ganze Jahr über?[00:10:47] Lenne Kaffka Also es sind diese Monokulturen?[00:10:48] Janine Ramcke Diese Monokulturen sind hauptsächlich ein Problem. Die fehlenden Rückzugsorte sind ein Problem. Einfach, dass auch alles umgepflügt wird immer wieder ein Problem. Das sind alles solche Sachen, die wirklich ein großes, großes Problem sind, ohne dass wir da überhaupt über Pestizide reden. Die sind noch mal so das i-Tüpfelchen obendrauf.[00:11:04] Lenne Kaffka Aber von den neuen Corona-Phasen-Hobby-Balkongärtnern, da hauen doch bestimmt auch viele einfach ein bisschen Dünger auf die Blumen, oder so – ist das nicht auch ein Problem?[00:11:12] Janine Ramcke Ja, man darf halt nicht nur auf die Landwirtschaft schauen und sagen, ihr seid so böse. Sondern immer, wenn ich einfach faul in den Baumarkt gehe, weil ich Läuse-Mittel hole oder weil ich den grünen Belag auf meinen Steinen blöd finde. Da muss ich sagen, ich kann nicht demonstrieren gegen Glyphosat und dann genau das Zeug nehmen, das Roundup, und dann bei mir auf meinen Gartenfliesen machen, damit der Grünbelag weggeht. Also, das ist schon so. Man soll sehr hinterfragen, was man denn da eigentlich in seinen eigenen Garten auch ausbringt. Es gibt da unterschiedliche Studien, wie groß der Anteil der Privatleute sind, was da Pestizideinbringung in die Natur ist – relativ hoch. Man muss aber auch dazu sagen, wer ein bisschen googelt, findet relativ schnell ganz natürliche Mittel.[00:11:52] Lenne Kaffka Und was ist mit so Autoabgasen und so?[00:11:54] Janine Ramcke Das kann man komplett vernachlässigen. Das ist in dem Bereich, ausnahmsweise, mal nicht relevant. Im Großen und Ganzen dann natürlich auch wieder, ich kann es dann darauf herunterbrechen, aber die Blüten haben zum Beispiel einen ganz tollen Mechanismus: Die schützen den Nektar und auch den Pollen vor den Abgasen einfach durch die Art und Weise, wie die Blüten gebaut sind. Die meisten haben solche Außenblätter, die innen drin das Kostbare ein bisschen beschützen, weil die ja auch den Nektar produzieren, damit sie bestäubt werden. Das heißt, der soll auch nicht so einfach erreichbar sein, damit die Insekten möglichst lange daran rumfummeln müssen und möglichst viel Pollen dabei mitnehmen bei dem Versuch, an den Nektar zu kommen.[00:12:33] Lenne Kaffka Könnte es denn zum Problem werden, wenn jetzt immer mehr Menschen anfangen zu imkern? Ist dann auch noch genug da?[00:12:38] Janine Ramcke Das ist genau das, was gerade diskutiert wird. Die Bienendichte ist in den Städten deutlich höher, als es jemals in der Natur vorkommen würde. Thomas D. Seeley ist ein sehr renommierter Bienenforscher, der hat sehr viele Bücher geschrieben und genau das untersuch, wie groß ist die Bienendichte denn in der Natur und wie groß ist die in der Stadt? Und in der Natur sind es 0,7 Bienenvölker pro Quadratkilometer, also ganz grob gerechnet, alle 700 Meter ein Bienenvolk. In der Stadt ist es genau andersherum: Wir haben sieben Bienenvölker pro Quadratkilometer. Das heißt, wir müssen durchaus darüber diskutieren, wie viel Bienen kann eine Stadt vertragen – auch in Hinblick darauf, dass die Wildbienen nicht so konkurrenzfähig sind wie die Honigbienen. Generell geht es immer, wenn wir über Insektensterben reden oder Bienensterben darum, dass ja die Spezialisten aussterben und die Generalisten, was die Honigbiene ist, die haben immer einen Vorteil. Und das ist genau das Problem, was wir in der Stadt haben.[00:13:35] Lenne Kaffka Also schaffst du dir selbst ein Dilemma: Du sorgst dafür, dass der Biene, die du eigentlich ja irgendwie schützen willst oder um die du dich kümmern willst, dass die eben Probleme bekommt.[00:13:44] Janine Ramcke Ja, es gibt halt keine einfachen Antworten im Leben. Ich nutze natürlich die Biene auch, um ein Gesprächsthema zu haben, um reinzukommen und spätestens über den Honig kriege ich alle. Und wenn wir dann darüber reden, wie ist denn das überhaupt mit dem Insektensterben, mit dem Bienensterben – dann komme ich über den Honig da relativ schnell hin. Nun ist die Honigbiene die einzige, die wirklich Honigvorräte anlegt – daher brauche ich sie durchaus, damit ich einfach auch was habe, worüber ich reden kann und auch den Unterschied zeigen kann zwischen Honig, wie ich ihn gewinne, und Honig, wie er industriell hergestellt wird oder gewonnen wird. Das ist auch noch mal ein wichtiger Unterschied. Und ich kann so aufzeigen: Wie geht es denn den Schwestern, also den wilden Schwestern der Honigbiene? Und darum geht es eigentlich. Aber ich sag mal, wenn jemand etwas tun möchte für den Umweltschutz oder für die Bienen, dann sollte er einfach Pflanzen pflanzen. Das ist die einfachste Art und Weise, wie man helfen kann. Nicht jeder braucht ein eigenes Bienenvolk oder ein eigenes Wildbienen-Hotel.[00:14:36] Lenne Kaffka Du hast eben gesagt, du kriegst die Leute mit dem Thema Honig. Schmeckt Stadthonig genauso gut wie Honig aus Wälder, vom Land?[00:14:43] Janine Ramcke Jeder Honig schmeckt anders. Ich habe an meinem Bienenstand, an dem einen, sechs verschiedene Völker und da versuche ich auch einzeln den Honig zu schleudern und separat zu behalten. Und selbst Bienenvölker, die direkt nebeneinander stehen, haben ganz unterschiedlichen Honig.[00:14:57] Lenne Kaffka Wie viel Honig bekommst du raus im Jahr, wie viele Gläser?[00:15:01] Janine Ramcke Man sagt bei Berufsimkern, dass man pro Bienenvolk irgendwas zwischen 20 und 50 Kilo Honig ernten kann. Aber das sind Berufsimker. Wenn man das so ein bisschen extensiv hält – ich versuche zum Beispiel, sehr viel Honig in den Völkern zu lassen, weil das ist ja auch Ihre Nahrung, die sie für den Winter benötigen. Ich ernte also nicht so viel, wie ich könnte, weil ich versuche, möglichst wenig Zuckerwasser dafür als Ersatz zu geben. Daher sage ich immer so um die zehn bis 20 Kilo. Das kommt immer ein bisschen drauf an. Das schaffe ich pro Bienenvolk. [00:15:32] Lenne Kaffka Wir haben schon darüber gesprochen, dass man das Knowhow fürs Honigmachen, fürs Imkern, das man das in so einem Anfängerkurs bekommen kann. Das Wichtigste dabei sind ja aber eigentlich die Bienen. Wo bekomme ich denn Bienen her?[00:15:45] Janine Ramcke Wenn du Glück hast, bekommst du sie vom nächsten Baum. Also, es gibt eben diese Schwarmzeit, wo die Bienenvölker dann ja von sich aus sich gerne teilen möchten. Wenn man da sehr aufmerksam ist und einen ganz doll brummenden Baum bemerkt, sollte man mal seinen Blick schweifen lassen. Häufiger im April, Mai, Juni hängt dann auch ein Bienenschwarm drin, den kann man dann einfach runterpflücken, denn der gehört niemandem. Und in dem Moment, wo ich ihn gepflückt habe, ist es meiner.[00:16:09] Lenne Kaffka Also, gleich mit einer Mutprobe einsteigen… [lacht][00:16:10] Janine Ramcke Gleich mit einer Mutprobe rein! Die sind auch echt lieb [lacht]. Das Problem ist nur, dass die häufiger sehr hoch im Baum hängen. Das ist mehr was für Mutige. Letztes Jahr musste ich dann auch vier Meter in die Höhe, da schlotterten ganz schön die Beine, muss ich sagen. Am besten ist es natürlich, man geht zum Imker, den man kennt. Denn genau in dieser Zeit April, Mai, Juni, wenn die Völker sowieso sich teilen möchten, ist auch die beste Zeit, um anzufangen. Weil wir dann als Imker auch so etwas machen wie Ablegerbildung, Jungvolkbildung und Ähnliches. Dann gibt’s dann ganz viele Fachbegriffe, was man alles tun kann, um diesen Schwarmvorgang – weil wir eben keine Lust haben, vier Meter in die Höhe zu klettern – ein bisschen menschlich zu beeinflussen und trotzdem die Völker zu vermehren dadurch. Und dann geht man einfach zum Imker, und der kann einem das verkaufen. Nicht im Internet bestellen! Weil, zum einen ist das immer so eine Sache, Globalisierung ist nicht gut. Es ist immer besser, mit Tieren zu arbeiten, die angepasst sind an die eigene Witterung. Und wenn ich etwas im Internet bestelle, woher kann ich denn nachvollziehen, wo das herkommt? Das beste Beispiel ist, es gibt eine deutsche Seite, die mit einem französischen Gesundheitszeugnis italienische Bienen verkauft. Da merkt man einfach gleich, das ist doch Quatsch! Abgesehen davon, dass wir von Krankheiten reden, die natürlich über die Landesgrenzen hinweg verbracht werden können, von Viren, die man nicht sehen kann. Die Varroamilbe ist genauso weltweit verbreitet worden, in denen Dinge einfach verschickt werden, quer durch die ganze Welt. Das sind so Dinge, das muss man nicht tun. Und wir haben so viele Bienen hier direkt vor Ort. Es gibt die Möglichkeit, einfach zum befreundeten, zum benachbarten Imker zu gehen und das hier von nebenan zu holen.[00:17:43] Lenne Kaffka Du hast das Gesundheitszeugnis angesprochen, das ist ein ganz schönes Stichwort. Gibt’s dann auch irgendwelche rechtlichen Dinge zu beachten beim Kauf?[00:17:48] Janine Ramcke Ja, es gibt rechtliche Dinge zu beachten bei der Bienenhaltung. Die Honigbiene ist ein Nutztier, die muss angemeldet werden – das ist ganz wichtig. Daher muss man rechtlich sich auf jeden Fall absichern, indem man beim Veterinäramt eine Halternummer beantragt und man sollte regelmäßig ein Gesundheitszeugnis machen. Da wird hauptsächlich geguckt, ob da Sporen der amerikanischen Faulbrut – wieder so ein Fachbegriff, so heißt diese Krankheit – vorhanden sind, denn die ist hochgradig ansteckend. Und wenn die einmal vorhanden ist, braucht man sehr, sehr lange, um diese Krankheit wieder aus den Örtlichkeiten herauszubekommen. Im Moment haben wir hier in der Hamburger Umgebung drei Sperrgebiete diesbezüglich. Aber keine Sorge, das Honigbrot ist davon nicht betroffen, denn für den Menschen komplett ungefährlich – ich kann den Honig trotzdem ernten und essen. Aber für die Bienen ist es eine sehr gefährliche Situation. [00:18:33] Lenne Kaffka Für dich sind Bienen lieb, aber es gibt doch schon einen Unterschied zwischen den Völkern, oder? Ich habe zumindest mehrere Imker gehört, die gesagt haben, ja, es gibt durchaus aggressivere Völker. Wie finde ich das denn heraus? Also gehe ich einfach rein und schaue, ob ich gleich zerstochen werde? Oder kann man das irgendwie anders erkennen?[00:18:48] Janine Ramcke Nee, das kann man nicht anders erkennen. Es ist auch so, dass es durchaus sein kann, dass eine Tochter von einem lieben Volk eher biestig wird. Die Bienen selber verteidigen sich ja nur. Und diese Sanftmut, die haben wir ja angezüchtet, wir Imker. Das ist kein natürliches Verhalten von den Bienen. Eigentlich sind die Bienen relativ verteidigungswillig. Aber inzwischen, durch gute Zuchtergebnisse und ähnliches, hat man es also geschafft, dass die ganz, ganz lieb sind. Das kann man im Vorfeld nicht unbedingt erkennen. Aber der Trick ist ja immer: Es liegt an der Königin, weil nur die sorgt ja für Nachkommen. Und wenn die von den Genen her sehr sanftmütig ist, ist die Wahrscheinlichkeit, dass man ein ganz entspanntes Bienenvolk hat, relativ hoch. Und solche Völker stehen bei mir natürlich an den Schulen, mit denen ich arbeite oder nehme sie mit zu den Kindergärten. Aber ich habe auch Völker, die sind so, dass ich da ohne Schutz nicht ran gehe.[00:19:38] Lenne Kaffka Ich gehört zu den Menschen, die Angst haben, gestochen zu werden, seit ich mal als Kind im Garten barfuß auf eine Biene gesprungen bin, laufe ich nur noch so ganz konzentriert nach unten guckend über Wiesen, wenn ich durch den Klee laufe. Wenn ich jetzt Imkern würde, würde ich mir sofort alles an Schutzkleidung kaufen, was es gibt. Was braucht man denn wirklich? Wie schützt du dich?[00:19:57] Janine Ramcke Also, wer imkert, wird gestochen – Punkt. Das ist so. Man kann nicht imkern, ohne gestochen zu werden. Ich kriege ungefähr 200 Bienen Stiche im Jahr, würde ich denken. Das klingt jetzt total viel. Aber ich habe ja auch 20 Völker.[00:20:07] Lenne Kaffka Aber es ist trotzdem häufiger als jeden zweiten Tag ein Stich![00:20:10] Janine Ramcke Nee, das ist halt so, wenn man sich überlegt, wie oft gehe ich denn in einem Jahr an jedes einzelne Bienenvolk ran und wie viele Bienenvölker sehe ich im Laufe eines Jahres? Ich bin ja dann auch bei meinen Schülern, ich unterstützte dann teilweise noch. Ich sehe dann wirklich sehr, sehr viele Bienenvölker, und so ein Stich finde ich nicht sonderlich schlimm.[00:20:29] Lenne Kaffka Aber wenn du 200 Stiche im Jahr hast und es auf ein paar Tage verteilst, dann kriegst du ja nicht nur einen Stich – dann hast du ja 20 auf einmal![00:20:35] Janine Ramcke Nee, bei so einer Durchsicht kann man halt ein bis zweimal gestochen werden. Das kann halt schon mal passieren. Und jede Woche bin ich bei den Bienen und mache eine Durchsicht. Also ungefähr einmal die Woche oder alle zwei Wochen werde ich dann mal gestochen. Das ist nicht schlimm.[00:20:47] Lenne Kaffka Härtet der Körper ab, also gewöhnt man sich daran?[00:20:50] Janine Ramcke Mal so, mal so. Also man muss sagen, nach jedem Stich kann eine allergische Reaktion folgen. Daher ist es ganz wichtig, wenn jemand einen Insektenstich bekommen hat, dass man ,mit dem eine Viertelstunde lang redet, um einfach sicherzugehen, dass da keine bösen Reaktionen im Körper passieren. Ich bin abgehärtet, ja. Ich kenne Imker, die lassen sich mit Absicht stechen, damit sie halt eben keine allergischen Reaktionen kriegen oder Ähnliches. Das gibt es auch [lacht]. Also, ganz unterschiedlich. Aber generell: Man sollte keine Angst haben vor Stichen. Aber es empfiehlt sich immer, ich habe immer einen Kopfschutz – einfach nur so ein Netz und ein Basecap, das funktioniert auch. Denn, wenn Bienen sich in Haaren verfangen, dann kriegen die Panik, weil die da nicht rauskommen, und dann stechen sie.[00:21:31] Lenne Kaffka Sie nicht die Hände auch ein großes Thema?[00:21:33] Janine Ramcke Ja, an den Händen wird man ab und an mal gestochen. Ich arbeite ohne Handschuhe zum Beispiel, denn ich werde viel weniger gestochen, wenn ich ohne Handschuhe arbeite, als wenn ich mit Handschuhen arbeite.[00:21:41] Lenne Kaffka Weil du ein besseres Gefühl hast für die Bienen? [00:21:44] Lenne Kaffka Ja, weil ich sofort merke, ist da überhaupt eine. Viele arbeiten mit Lederhandschuhen und wenn man sich die dann mal anguckt nach so einer Durchsicht, sieht man richtig, dass da ganz viele Stacheln drinnen hängen. Das heißt also auch, da sind locker 10 Bienen gestorben. Warum sind die gestorben? Weil ich sie einfach gequetscht habe![00:21:59] Lenne Kaffka Was braucht man denn noch so an Equipment? Wahrscheinlich so eine Bienenbeute, also eine Bienenbehausung.[00:22:03] Janine Ramcke Ja, du brauchst eine Kiste, wo die Bienen drin wohnen sollen oder einen ausgehöhlten Baum oder Ähnliches. Da gibt es über 200 verschiedene Systeme, weil wir – gerade wir Deutschen – sehr extrem darin sind, neue Bienenbehausungen zu erfinden. Das ist seit Jahrhunderten ein sehr großes Hobby der Deutschen – muss man leider so sagen. Inklusive der unterschiedlichen Rähmchen, die da drin sind, also da, wo die Bienen ihre Waben rein bauen, das sich dann ziehen kann. Ich brauch ein Stockmeißel, so nennt sich das. Das ist so ein Metallhaken, mit dem ich halt ein bisschen einfacher im Bienenvolk arbeiten kann, denn diese Waben werden gerne aneinandergeklebt. Einen Schleier sollte man haben, auf jeden Fall. Man sollte eine Jacke eigentlich auch haben, denn die Bienen haben die blöde Angewohnheit, dass die Baumharze sammeln und das Zeug kriegt man nicht mehr aus den T-Shirts raus. Gibt’s meistens ja in Kombination – so ein Schleier mit Jacke ist dann gleich zusammen, dann hat man alles -, ist immer weiß. Das liegt hauptsächlich daran, dass man nicht aussehen soll wie ein Bär, denn da ist es so ein Instinkt der Bienen. Je weniger du aussiehst wie ein Bär, desto weniger wirst du gestochen. Und ansonsten wäre es noch gut, ein Smoker zu haben. Das ist so ein Gerät, da zündet man Holzspäne innen drin ab und die Raucher halt ganz doll. Und damit drückt man den Rauch auf die Bienen. Man sagt immer, das beruhigt sie. Aber Bienen sind eigentlich Waldbewohner. Wenn die Rauch riechen, denken sie, es brennt irgendwo, und dann läuft bei denen ein Notfall-Programm ab. Und dann haben sie keine Zeit mehr zu stechen, weil sie erst mal was anderes tun.[00:23:29] Lenne Kaffka Dann stresst die das ja…[00:23:30] Janine Ramcke Ja.[00:23:30] Janine Ramcke Belastet das die Tiere nicht?[00:23:32] Janine Ramcke Ja, jeder Eingriff ins Bienenvolk belastet die Tiere. Aber die Honigbiene hat ein unfassbares Talent: Die ist stressresistent. Das ist toll. Die können ganz, ganz viele Umweltfaktoren abpuffern. Jedes Mal, wenn ich in ein Bienenvolk hineingucke, zerstöre ich deren komplettes Mikroklima, was da drin ist. Denn, das kann sich jeder vorstellen, wenn bei dir einfach das Dach weggeschoben wird, dann funktioniert das mit der Heizung auch nicht mehr so richtig gut innen drin und alles, was ich mir da aufgebaut habe, ist weg. Das ist bei den Honigbienen genauso. Die haben innen drin ein perfekt ausbalanciertes Klima mit Luftfeuchtigkeit und Wärme und allem pipapo, das können sie alles selbst beeinflussen. Und wenn ich dann jedes Mal oben das Dach wegnehme, dann ist dieses Mikroklima futsch. Also, ich stresse sie sowieso bei jedem einzelnen Eingriff, den ich vornehme. Dann ist das mit dem Rauch quasi noch das geringste Übel. Und ich stresse sie weniger, als wenn sie auf einmal denken, da ist ein Angreifer, und den wollen sie jetzt alle stechen.[00:24:26] Lenne Kaffka Das sind aber schon so ein paar Sachen. Man muss ein Bienenvolk sich eventuell kaufen, man braucht eine Behausung, vielleicht doch ein bisschen Schutzkleidung, einen Smoker. Ist es ein sehr teures Hobby?[00:24:37] Janine Ramcke Am Anfang ja. Ich sage es so: Die Anfangsinvestitionen liegt so bei 1.000, 1.500 Euro ungefähr. Das geht auch immer noch deutlich teurer, aber sagen wir mal so, um und bei den ersten zwei Jahren liegt man da so ungefähr. Aber wenn man sich mal anguckt, was kostet denn ein Hund, der nicht einfach nur die Straßenmischung ist, die da zufällig mal abgefallen ist, sondern wenn ich mir Rassehunde angucke oder ähnliches – da zahle ich dann ja auch schnell tausend Euro, wo ich mich auch frag, okay, für einen Hund? Oder für ein Pferd! Also all so was, wenn man sich mit Tieren beschäftigt und dann mal die Kosten aufrechnet, stellt man relativ schnell fest, dass jedes Haustier seine gewissen Kosten hat.[00:25:14] Lenne Kaffka Und du erwähnst den Hund: Da sind ja auch so etwas wie Futter, Tierarztkosten Faktoren, hat man so etwas beim Imkern auch?[00:25:20] Janine Ramcke Nein, hat man nicht. Wenn ich den Honig wegnehme und sie dann nicht genügend Gewicht für den Winter haben, muss ich ihnen Zuckerwasser geben. Aber da reden wir dann vielleicht von 20 Euro oder sowas, wenn überhaupt. Das ist schon echt hochgerechnet. Und jetzt kommt der super Trick. Ich muss meinen Honig ja nicht verschenken, sondern ab dem zweiten Jahr hab ich ja Honig, den ich dann verkaufen kann. Und wenn ich weniger als 30 Völker habe, sagt das Finanzamt, dann brauche ich darauf keine Steuern zahlen. Weil selbst das Finanzamt geht davon aus, dass man kein Plus macht, wenn man weniger als 30 Völker hat. Man muss zwar aufschreiben natürlich, was sind meine Ausgaben dafür, was hab ich eingenommen durch den Honig, aber das braucht man nicht groß einreichen. Und dann muss ich sagen, wenn man das so pfiffig anstellt, kommt man jetzt nicht auf plus minus null. Aber wer hat schon ein Hobby, wo man sagt, am Ende des Jahres hab ich dafür vielleicht 100 Euro bezahlt? Wenn ich mir angucke, was die Leute alles im Fitnessstudio im Monat rausballern, muss ich sagen: Dann ist die Imkerei doch noch ein sehr, sehr günstiges Hobby, was aber sehr, sehr glücklich macht.[00:26:20] Lenne Kaffka Gehen wir mal jetzt davon aus, ich habe jetzt diesen Kurs gemacht, ich habe knapp 1.500 Euro für meine Bienen und das Equipment ausgegeben. Wo stelle ich die denn überhaupt auf in der Stadt?[00:26:30] Janine Ramcke Die darf ich eigentlich überall aufstellen, vorausgesetzt, ich habe den Eigentümer vorher um Erlaubnis gefragt. Theoretisch ist es möglich, auf dem Balkon selber Bienen zu halten, wenn der Vermieter damit kein Problem hat.[00:26:42] Lenne Kaffka Theoretisch klingt schon so nach, ist aber nicht die beste Idee.[00:26:46] Janine Ramcke Warum nicht? Es gibt durchaus Beuten, die darf man an die Balkonbrüstung anbringen. Davon halte ich nicht ganz so viel, weil ich gerne von allen Seiten an mein Bienenvolk herangehen möchte, einfach zum Beobachten und um möglichst die Eingriffe auch sehr, sehr gering zu halten. Wenn ich nämlich von außen gucken kann, wie bewegt sich das Volk, wie verhält es sich, dann brauche ich oben nicht aufmachen. Aber theoretisch ist das überhaupt gar kein Problem. Praktisch ist immer zu bedenken, was brauchen die Bienen, was braucht der Mensch? Die Biene hat sehr gerne eine Süd-Südwest-Ausrichtung mit dem Flugloch. Diese Bienenbehausungen sollten nicht kalt stehen, auch nicht im Schatten, sondern halt schon so, dass dort kein Kältesee ist. Also in einer Senke ist das zum Beispiel nicht ganz so gut. Da kann man immer gucken, gerade im Winter, wo bleibt der Schnee oder der Raureif lange liegen? Und wenn der Raureif da lange liegen bleibt, dann ist das kein guter Standort für die Bienen. Dann ist es da einfach zu feucht. Gerne stehen sie etwas erhöht. Deswegen ist der erste, zweite Stock eigentlich gar nicht so schlimm, weil das finden die Bienen eher ziemlich gut so weit oben zu stehen, weil da das Klima auch ein bisschen trockener ist, als wenn ich direkt unten am Boden bin. Aber der Imker brauch ja auch noch ein paar Besonderheiten. Man braucht Platz rund um die Beute, man darf nicht vergessen, dass man mit einem gewissen Gewicht auch unterwegs ist. So ein Honigraum kann auch mal, je nachdem, was man für eine Kiste hat, so um die 20, 30 Kilo wiegen und mit so einer Kiste voll mit Honig muss ich dann also sicher dahin kommen, wo ich den Honig schleudere. Wenn die Bienen also auf dem Dach stehen, wo ich nur durch eine ganz enge Dachluke kommen kann und vorher auf fünf Leitern balancieren muss, ist das vielleicht nicht ideal, um sicher als Imker zu arbeiten. Den Bienen ist das egal.[00:28:24] Lenne Kaffka Wo hast du denn dann deine aufgestellt?[00:28:26] Janine Ramcke Meine Bienen stehen im Niendorfer Gehege.[00:28:29] Lenne Kaffka Eine große Grünfläche ist es auf jeden Fall, ist so ein bisschen wäldlich dort, es gibt auch Wiesen.[00:28:33] Janine Ramcke Genau, da gibt’s Kleingärten, und Wald ist dort auch viel. Und trotzdem ist es mitten in Hamburg, ich sage mal zwischen Autobahn und Wald, mittendrin in der Stadt aber trotzdem. Wenn man fünf Minuten mit dem Fahrrad weiterfährt, ist man wieder mitten zwischen Wohnhäusern.[00:28:49] Lenne Kaffka Das klingt nach einem Traumplatz. Aber wie findet man denn dann einfach so ein Platz? Bist du denn da einfach hingefahren und hast gefragt?[00:28:53] Janine Ramcke Fast. Dieser Platz gehört meiner Familie – das ist das relativ einfach [lacht]. Man muss natürlich sich vorher Gedanken machen. In Kleingärten ist so so was eigentlich auch immer ganz gut. Wenn man im Imkerverein ist, kriegt man auch regelmäßig Angebote von Menschen, die sagen, ich traue mich das selber nicht mit der Imkerei, aber ich hab halt Lust, mir das so ein bisschen anzuschauen. Die bieten gerne ihre Gärten an, damit man dort also Kisten aufstellen kann.[00:29:19] Lenne Kaffka Aber man muss schon festhalten, man darf sie nicht einfach irgendwo hinstellen. Man muss fragen, den Vermieter, die Nachbarn. Ehrlich gesagt, ich weiß jetzt auch gar nicht, wie ich reagieren würde, wenn meine Nachbarn sagen würden, wir wollen hier bei uns auf dem Gelände Bienen aufstellen. Hat man denn da irgendwas zu befürchten, dass die ja immer in die Wohnung kommen?[00:29:34] Janine Ramcke Nee, also Bienen verirren sich ab und an mal in die Wohnung, aber fliegen generell nicht ins Dunkel. Das ist ja auch gar nicht ihr Instinkt, sondern die fliegen immer Richtung Licht. Das einzig Dunkle, was sie kennen, ist ihr Zuhause. Und die merken relativ schnell, wenn sie aus Versehen meine Wohnung reingeflogen sind, das ist nicht mein Zuhause und drehen dann wieder um und fliegen wieder weg. Also Bienen möchten wirklich nur Blüten haben, die sind auch reine Vegetarier. Das heißt, die ernähren sich ausschließlich von Blüten, Pollen und Nektar und finden so was auf dem Balkon, wie so ein Schnitzel im Gegensatz zu den Westen nicht ganz so cool. Da sind die auch überhaupt gar nicht zu finden. Meine Nachbarn sind auch schon Kummer gewohnt. Wenn ich Honigernte bei mir zu Hause mache, fliegen auch mal so ein paar Bienen darum – auch gerne bei uns im Hausflur und Ähnliches. Die fange ich dann aber wieder ein und setzt sie dann raus. Aber da passiert überhaupt gar nichts. Honigbienen verteidigen auch nicht, wenn sie außen unterwegs sind, außer man drückt, also man bringt sie in eine Situation, wo sie sich verteidigen möchten. Aber ansonsten, du kannst eine Biene so mit der bloßen Hand fangen, wenn sie auf einer Blüte sitzt und da passiert gar nichts.[00:30:34] Lenne Kaffka Imkern ist ja nicht nur ein Hobby, das haben wir schon angesprochen. Man geht mit lebenden Tieren um, man muss sich um sie kümmern. Wie leicht kann es mir als ungeübten Imker passieren, dass mir so ein Volk stirbt.[00:30:45] Janine Ramcke Dass ein Volk stirbt, kann leider relativ schnell passieren, gerade am Anfang. Das ist natürlich etwas, was man verhindern sollte. Deswegen ist es so wichtig, dass man sich vorher mit einem Kurs informiert. Bienenvölker können relativ schnell sterben, wenn man sie nicht richtig einschätzt. Bienen brauchen eine gewisse Anzahl an Individuen, damit sie überhaupt lebensfähig sind, das ist ein Superorganismus. Das heißt, eine einzelne Honigbiene ist nicht überlebensfähig und stirbt auch sehr, sehr schnell. Aber in der großen Masse, das heißt mindestens 5.000 Individuen im Winter, können sie unglaubliche Kräfte entwickeln und sind viel, viel mehr als das Einzelwesen. Und wenn man das als Imker falsch einschätzt und die Volksstärke ist zu klein und es sind weniger als 5.000 Individuen, dann kann dieses Volk sterben, weil sie einfach dieses Mikroklima überhaupt nicht aufrechterhalten können, was bei denen im Bienenvolk in drinnen im Stock ist. Oder sie haben gar nicht die Möglichkeit, genügend Nahrung anzuschaffen von außen. Also, so ein Bienenvolk ist relativ stressresistent, aber gleichzeitig sehr fragil. Und die höchste Wahrscheinlichkeit, dass das Bienenvolk stirbt, ist entweder, weil die Varroamilbe zu starke Krankheiten ausgelöst hat in dem Bienenvolk oder weil der Imker zu viel dran rumgepfuscht hat.[00:31:57] Lenne Kaffka Ist dir denn schon mal ein Volk gestorben?[00:31:59] Janine Ramcke Ja, leider. Und es ist schuld des Imkers, wenn das Bienenvolk stirbt.[00:32:03] Janine Ramcke Wie war das für dich?[00:32:04] Janine Ramcke Mein Mann und ich, wir standen schon mal weinend bei uns am Bienenstand, weil wir schuld waren, dass mehrere Bienenvölker gestorben sind. Letztes Jahr habe ich einen großen Verlust gehabt, das lag aber daran, dass ich ein halbes Jahr vorher massive Fehler gemacht habe. Das ist so das nächste Problem, die Bienenvölker sterben meistens erst deutlich zeitverzögert. Das heißt Ursache und Wirkung zusammenzukriegen ist manchmal nicht ganz so einfach. Aber ich habe die Varroamilbe unterschätzt, und die Belastung der Bienen war zu hoch. Und dann waren nicht genügend vitale und fitte Winterbienen da, die dann den Winter überstanden haben. Und dann hab ich meine Völker leider nicht über den Winter gebracht. Es war aber komplett meine eigene Schuld.[00:32:45] Janine Ramcke Ist das ein typischer Fehler? Oder was sind sonst so typische Anfängerfehler vielleicht auch?[00:32:49] Janine Ramcke Das ist der häufigste Fehler, dass man die Varroamilbe nicht im Griff hat. Daher ist es so wichtig, sich darauf wirklich fortzubilden. Es gibt verschiedene Maßnahmen. Man muss nicht immer mit Medikamenten oder mit Säuren behandeln, man kann auch andere Methoden anwenden, damit diese Milbe möglichst im Griff gehalten wird. Aber das ist die Hauptursache.[00:33:07] Lenne Kaffka Kann es nicht auch passieren, dass deine Bienen schwärmen und sich dann einfach irgendwo anders einnisten, zum Beispiel in einem Garten oder so.[00:33:14] Janine Ramcke Ja, na klar kann das passieren. Ich sage ja, die meiste Arbeit ist im Frühjahr und Frühsommer, weil ich genau das verhindern möchte, dass irgendwelche Leute panisch werden. Weil, man muss sich vorstellen, wenn ein Bienenvolk schwärmt, dann ist dort eine riesige Wolke an Insekten, die durch die Luft wabert und sich auf einmal irgendwo sammelt. Das hat eine enorme Lautstärke, und das ist ein ganz großartiges Spektakel. Besonders, wenn sich diese Bienen dann hinten an der Heckklappe beim Auto sammeln oder, was haben wir noch, am Fahrrad habe ich auch schon rausgeholt. Da hing dann auf einmal so eine große Traube mitten am Fahrrad. Das sieht dann immer schon sehr wirr aus, muss ich sagen, und es ist sehr spektakulär. Aber eigentlich wollen wir genau diesen Zustand als Imker verhindern, insofern, weil wir uns ja auch um die Nachkommen kümmern müssen. Und ich kann leider nicht immer an meinen Bienenvölkern sein, um genau diesen Moment des Schwärmens abzupassen und dann diese Schwarmtraube aus dem Baum zu glauben, sondern die schwärmen gerne mittags zwischen zwölf und drei – da bin ich arbeiten, da ist es eher schwierig.[00:34:12] Lenne Kaffka Das heißt, du musst jedes Frühjahr irgendwo Bienen einsammeln gehen. [00:34:15] Janine Ramcke Oder ich mache gleich ein paar imkerliche Handgriffe, um zu verhindern, dass die Bienen überhaupt los schwärmen. Also vorher passiert im Bienenvolk etwas, was ich beobachten kann als Imker und wo ich rechtzeitig sagen kann, ihr wollt demnächst schwärmen, was ein sehr gutes Zeichen ist, denn nur gesunde und fitte Völker möchten sich vermehren. Dann nehme ich einfach die Königin raus und nehme einen Teil der Bienen raus und habe quasi so den Schwarm imitiert, ohne dass sie wirklich losgeflogen sind.[00:34:40] Lenne Kaffka Von Tierschützern wird ja genau das oft kritisiert, dass es eine menschliche Bienenhaltung ist, dass das nicht natürlich ist, dass das strapaziös für die Bienen ist. Wie siehst du solche Kritik?[00:34:51] Janine Ramcke Das muss man immer ein bisschen differenziert betrachten. Wir haben das Glück als Hobby-Imker, das wir die Bienen sehr naturnah halten können und sie nicht so doll stressen müssen. Das ist also immer so ein Unterschied zwischen mache ich das Ganze beruflich, oder mache ich das Ganze als Hobby privat. Habe ich vielleicht privat einen Bauernhof, wo ich mir eine Kuh halte und mich darüber freue, dass ich ein oder zwei Kühe habe – die kann ich natürlich ganz anders halten, als wenn jemand von Milchvieh leben muss und dann halt mehrere hundert Kühe hat, die er dann halt auch anders halten muss. Das kann man nicht einfach in einen Topf werfen. Es gibt ganz berechtigte Kritik daran, wie Bienen gehalten werden teilweise – gerade auch in anderen Ländern wird so was teilweise sehr extrem gehandhabt. Wer den Film “More Than Honey” mal gesehen hat, das ist ein ausgezeichneter Dokumentarfilm, der kriegt so kleine Einblicke. Auch da muss man immer mal ein bisschen hinterfragen, was da für Bilder genutzt worden sind, aber in die Richtung geht das Ganze schon. Als Hobby-Imker kann ich mich halt entscheiden, die Bienen sehr sich selbst zu überlassen und sie können selber ihr Wartenberg errichten, ohne dass ich da Vorgaben gebe. Oder ich kann sie auf ihrem eigenen Honig überwintern lassen und gebe ihnen halt kein Zuckerwasser oder ernte halt nicht oder ähnliche Sachen. Da habe ich schon gute Möglichkeiten, sie relativ naturnah leben zu lassen. Aber: Es ist eben wie eine Milchkuh ein gezüchtetes Tier. Es ist zwar ein Wildtier, aber das hat mit dem ursprünglichen, mit der ursprünglichen Art der Honigbiene, die hier in Deutschland vorkam, nichts mehr zu tun.[00:36:22] Lenne Kaffka Ich habe im Netz geschaut, die Anmeldungen für Kurse, die laufen ja teilweise schon seit Monaten, und die starten aber erst im Frühjahr 2021. Muss man sich so wahnsinnig früh anmelden? Ist der Hype immer noch so groß?[00:36:34] Janine Ramcke Der Hype ist immer noch so groß, ja, weil es auch einfach ein wundervolles Hobby ist, muss ich mal sagen. Es entschleunigt sehr, denn man nimmt sich sehr zurück. Man muss auf die Jahreszeiten achten, man muss ganz viel mit der Natur zusammenarbeiten, denn die Honigbienen kann ich nicht so doll beeinflussen. Ich muss tatsächlich den Rhythmus der Jahreszeiten beachten und nehme deswegen meine Umwelt auch ganz anders wahr. Gerade für Stadtmenschen, die wenig Kontakt mit der Natur haben, etwas, was sehr befreit und sehr entschleunigt, weil es eben das komplette Kontrastprogramm ist und was ein auch sehr erdet.[00:37:09] Lenne Kaffka Wer im Frühjahr mit dem Imkern anfangen will, sollte sich jetzt schon mit der Bienenhaltung beschäftigen und möglichst bald nach einem Imkerkurs suchen. Dazu rät auch Janine Ramcke. Mehr Infos über Janines Arbeit und ihren Verein gibt’s auf stadt-land-biene.de. Der Link steht wie immer in den Shownotes. Und das war’s mit Smarter leben für heute. Die nächste Folge erscheint am kommenden Samstag überall, wo es Podcasts gibt – zum Beispiel bei Spotify oder Apple Podcasts. Über Feedback oder Themenvorschläge freue ich mich jederzeit – einfach eine Mail schreiben an smarterleben@spiegel.de. Diesmal wurde ich unterstützt von Philipp Fackler und Sandra Sperber. Unsere Musik kommt von audioBOUTIQUE. Tschüss, bis zum nächsten Mal.

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