In ihrem ersten Job nach dem Studium, sagt Mandy Hecht, habe sie im Meeting den Kaffee und die belegten Brötchen serviert für die Herren. Da war sie bereits diplomierte Chemikerin auf dem Weg zur Promotion.Mandy Hecht, 37, heute Mitglied der Geschäftsführung bei Codecheck – eine App mit der man Inhaltsstoffe in Kosmetik angezeigt bekommt – sagt, dass es in ihrem damaligen Unternehmen nur wenige Frauen gab. Und die seien im Labor tätig gewesen und hätten bei Konferenzen solche Servieraufgaben übernehmen müssen. Mandy Hecht habe darüber hinweggesehen. Das mittelständische Unternehmen, für das sie damals arbeitete, entwickelt Beschichtungen für Oberflächen, speziell für Haarfarben. Und es arbeitete damals mit einem US-Großkunden zusammen, den sie betreuen durfte. Das war wohl der Anreiz, den Job erst einmal weiter zu machen. „Ich habe dort viel gelernt über Mitarbeiterförderung, Diversity und Unternehmenskultur“. Doch klar war auch, dass sie in dem Männer dominierten Mittelstandsunternehmen auf lange Sicht nicht bleiben würde.Hecht erzählt, das sie aus einer Arbeiterfamilie aus Sachsen-Anhalt kommt. Ihre Eltern hatten für sie, wie es für Arbeiterkinder in der DDR vorgesehen war, eigentlich eine Ausbildung im Sinn. Doch schon als Mädchen habe sie sich für naturwissenschaftliche Themen interessiert. Als Kind sammelte Mandy Hecht Käfer und legte alles mögliche unter das Mikroskop.[Wenn Sie alle aktuellen Nachrichten live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]Nach dem Abitur zog sie nach Berlin, um an der Humboldt-Universität Chemie zu studieren. „Ich habe mich gegen meine Eltern durchgesetzt“, sagt Mandy Hecht. Eine gute Entscheidung, wie sich schon bald herausstellen sollte. Denn Chemie ist genau ihr Element. Neben dem Studium jobbt sie in einer Tierarztpraxis, lernt viel und schreibt ihre Diplomarbeit über potenzielle Malaria-Wirkstoffe.Illustration: Pedro Santos/Thenounproject; TSPEin männlicher Kollege sagte ihr, für Frauen sei die Chemikerlaufbahn nichtsSchon während des Studiums warnten sie männliche Assistenten im Labor: Für Frauen sei die Chemikerlaufbahn nicht das Richtige: Das Studium dauere viel zu lange, das passe doch gar nicht für Frauen in die Familienplanung.

Mandy Hecht blieb hartnäckig. Nach rund sechs Jahren machte sie ihr Diplom und startete ihren ersten Job in dem besagten mittelständischen Unternehmen. Das, was sie aus dem Projekt mit dem US-Großkunden aus der „corporate Unternehmenswelt“ lernte, half ihr noch Jahre später. Sie schaffte es sogar, als Miterfinderin fünf Patente anzumelden. Dabei geht es um Beschichtungen für schonende Haarfärbemittel. Sie arbeitete 40 bis 50 Stunden und schrieb am Wochenende die DoktorarbeitDoch die Applikationen setzten sich nicht durch auf dem Markt. 40 bis 50 Stunden pro Woche zu arbeiten, war normal für sie. „An den Wochenenden habe ich meine Doktorarbeit geschrieben.“ Dann kam das Angebot von Codecheck. Das als Start-up in der Schweiz gegründete Unternehmen untersucht per App – ähnlich wie die Mitbewerber ToxFox oder der NABU-Siegel-Check – Shampoos und Kosmetika auf ihre Inhaltsstoffe. Hecht stieg ein als wissenschaftliche Mitarbeiterin, binnen drei Monaten war sie Abteilungsleiterin. Das Arbeitsklima, die Unternehmenskultur, die Wertschätzung seien ganz anders gewesen als bei dem vorherigen Unternehmen.Das Unternehmen hat eine App entwickelt, mit der die Inhaltsstoffe in Kosmetikprodukten gecheckt werden können.Foto: Promo

In Fernsehbeiträgen tritt sie als wissenschaftliche Expertin auf, um über die Gefahren der Inhaltsstoffe in den Produkten wie Aluminiumsalze in Deos oder über die langwierigen Folgen von Parabenen in Shampoos aufzuklären. „Durch meine Arbeit hat sich auch privat meine Sichtweise verändert“, sagt Mandy Hecht. Es sei „erschreckend“ zu sehen, was Hersteller in die Produkte tun, nur weil es erlaubt ist. Schnell stieg sie auf zum „Head of Science“ im Unternehmen und entwickelt den „Mikroplastik-Filter“, mit dessen Hilfe schädliches Mikroplastik in Peelings oder Schminkprodukten wie Lidschatten nachgewiesen werden kann.[In unseren Leute-Newslettern berichten wir wöchentlich aus den zwölf Berliner Bezirken. Die Newsletter können Sie hier kostenlos bestellen: leute.tagesspiegel.de]Als „Head of Product“ baute sie eine komplett neue Abteilung auf. Danach sei ihr klar geworden: Ich möchte COO werden – also Chief Operating Officer – und somit in die Geschäftsführung, die auch bei Codecheck bislang nur aus Männern bestand, aufsteigen. Doch die Chefs lehnen ihre Ambition zunächst ab. Sie denke zu wenig unternehmerisch. Während andere sich nach so einer Breitseite erst einmal lange ihre Wunden lecken oder gleich einen neuen Job aus Enttäuschung und Wut suchen würden, machte Mandy Hecht einfach weiter. „Ich wollte die erste Frau im C-Level werden“, sagt sie. Die Ablehnung habe sie noch mehr angespornt. Sie engagierte einen privaten Coach und arbeitet an ihrem Auftreten. „Ich lernte zu kanalisieren und verbalisieren, was ich überhaupt wollte“, beschreibt Mandy Hecht.Außerdem lernte sie das, was Männer häufig machen: „Sicher Auftreten bei vollkommener Ahnungslosigkeit“, beschreibt Hecht das, was sie erst noch verinnerlichen musste, um oben mitzuspielen. Sechs Monate später war sie COO.

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