In der Pandemie wurden die Nachteile des Stadtlebens sichtbar. Doch die Rufe vom Ende der Großstadt werden schnell wieder verhallen, denn Urbanisierung hat klare Vorteile.

Jens Südekum
Der Autor ist Professor für Internationale Volkswirtschaftslehre an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

(Foto: imago images/Jürgen Heinrich)

Das wachsende ökonomische Gefälle zwischen Stadt und Land war schon vor Corona eine tickende Zeitbombe. Die urbanen Zentren entwickeln sich in der Wissensgesellschaft zu Magneten für die qualifiziertesten Beschäftigten und die attraktivsten Firmen. Räumliche Nähe zueinander schafft handfeste Agglomerationsvorteile: ein dichtes Netzwerk toller Jobs, hohe Produktivität und Löhne und das Ganze garniert mit pulsierender Großstadtkultur. Dafür nehmen die urbanen Eliten auch horrende Mieten in Kauf – sehr zum Leidwesen alteingesessener Stadtbewohner.Am anderen Ende des regionalen Spektrums finden sich dagegen Leerstand, Abwanderung und Perspektivlosigkeit in den „Orten, die keine Rolle spielen“ – wie der Geograf Andrés Rodríguez-Pose sie genannt hat. Seit die Bewohner dieser Orte in vielen Ländern begonnen haben, ihrem Ärger an der Wahlurne Luft zu machen und für den Brexit oder Donald Trump zu stimmen, hat sich auch die Bundesregierung des Themas Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse angenommen. Zwar ist die deutsche Wirtschaftsstruktur noch vergleichsweise dezentral aufgestellt, eine Folge des hohen Industrieanteils. Aber auch in Berlin kam man zu der Überzeugung, dass eine noch tiefere regionale Kluft den gesellschaftlichen Zusammenhalt und damit letztlich die Demokratie bedroht. Dann kam Corona. Plötzlich wurden die Nachteile von urbaner Ballung sichtbar: Man steckt sich leichter mit dem Virus an. Außerdem haben viele Branchen ohnehin auf Heimarbeit umgestellt, und das häusliche Büro kann ja überall stehen. Plötzlich machten Rufe vom Ende der Großstadt die Runde. Aber sie werden schnell wieder verhallen.Der immaterielle Wert des persönlichen Austauschs, der informelle Fluss von Informationen und Ideen, wenn kluge Köpfe physisch nah beisammen sind – all das spielt ja weiterhin eine Rolle. Und weil Metropolen genau diese Art von Interaktion befördern, werden sie vom Strukturwandel in Richtung moderner Dienstleistungsbranchen auch am stärksten profitieren. Zwar erlaubt die Digitalisierung eine gewisse Entkopplung von Wohn- und Arbeitsort. Profitieren werden davon aber hauptsächlich die Speckgürtel, denn eine schnelle Anbindung ans urbane Büro bleibt wichtig, auch wenn man nicht mehr jeden Tag dorthin pendelt.

Besondere Probleme werden peripher gelegene Industrieregionen bekommen, deren Leitbranchen durch den Wandel zu digitalen und grünen Technologien unter Druck geraten. Größtes Sorgenkind ist momentan die Automobilindustrie. Kahlschläge bei hochspezialisierten Zulieferern können auch Regionen ins Mark treffen, die heute noch bestens dastehen.Der Staat sollte trotzdem nicht auf strukturkonservierende Subventionen setzen. Besser ermöglicht er die Investitionen, die für eine grundlegende Modernisierung der Geschäftsmodelle notwendig sind. Einfach wird das nicht. Aber welches wirtschaftspolitische Problem ist seit der Pandemie schon einfacher geworden? Erledigt hat sich das Problem des wirtschaftlichen Stadt-Land-Gefälles durch Corona jedenfalls nicht.Mehr: Erfahren Sie hier, wie sich die Tech-Konzerne die Städte der Zukunft vorstellen

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