Gründer „Und wer schreibt Ihnen den Business-Plan?“

Bei Unternehmensgründungen haben Wirtschaftswissenschaftler die Nase vorn. Mediziner oder Geisteswissenschaftler sind dagegen selten. Woran liegt das? Und welche Auswirkungen hat es?

Anfangs glaubte Alice Martin noch an einen Zufall, doch als bei der zehnten Ablehnung wieder einmal die gleiche Begründung fiel, konnten sie und ihre drei Mitgründer sich nichts mehr schönreden: „Wir wussten, dass genau das, was wir stets als Vorteil gesehen hatten, in Wahrheit das Problem war.“

Alice Martin ist Gründerin von Dermanostic, einem Start-up, das telemedizinische Behandlungen für Patienten mit Hauterkrankungen anbietet. Ein Gebiet, auf dem sie sich ebenso wie ihre Co-Gründer genau auskennt, denn alle vier sind ausgebildete Ärzte.

„Wenn wir unsere Idee bei potentiellen Investoren präsentierten, bekamen wir stets Beifall“, erinnert sich Martin, „doch die Stimmung kippte immer an einem bestimmten Punkt: Nämlich dann, wenn wir berichteten, welche Fächer wir studiert haben.“

Plötzlich schlug ihnen Skepsis entgegen. Es fielen Fragen wie: „Und wer kümmert sich um die betriebswirtschaftlichen Fragen? Wer schreibt die Verträge? Wer beschäftigt sich mit der Steuer?“

Investoren forderten andere Köpfe

Alice Martin und ihre drei Mitgründer konnten all diese Fragen beantworten, schließlich hatten sie bereits zuvor Online-Weiterbildungskurse für Ärzte entwickelt und dabei nicht nur Kapital, sondern auch jede Menge unternehmerische Erfahrung sammeln können. „Dennoch bestanden die Investoren darauf, dass wir unser Gründungsteam umstrukturieren sollten, um für eine Finanzierung in Frage zu kommen.“ Eine Forderung, auf die sich die Düsseldorfer nicht einlassen wollten. Stattdessen verschickten sie weiter ihre Factsheets und pitchten ihre Geschäftsidee immer und immer wieder.

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Uwe Horstmann, Partner beim Berliner Wagniskapitalgeber Project A, sieht in der Vorbildung der Dermanostic-Gründer sowohl einen Vor- als auch einen Nachteil: Natürlich investierten Risikokapitalgeber nicht nur in eine gute Geschäftsidee, sagt er, sondern vor allem ins Team. Dabei gehe es aber in erster Linie nicht darum, ob der Gründer oder die Gründerin BWL studiert habe, auch wenn das meist ein fundiertes Wissen um den organisatorischen Aufbau einer Firma oder bestimmte Marktmechanismen mit sich bringe. Aber: „Geisteswissenschaftler haben oftmals eine erfrischende Perspektive auf eine Idee oder ein Produkt. Und Mediziner wissen am besten, was die Bedürfnisse und notwendigen Lösungen im Gesundheitswesen sind.“

Das betätigt auch Jan-Hendrik Bürk vom VC btov: „Eine Unternehmensgründung erfordert  natürlich ein gewisses unternehmerisches Wissen, aber die betriebswirtschaftlichen Anforderungen steigen meist erst mit zunehmender Größe des Start-ups. Das erlaubt den Gründern, sich diese Eigenschaften erst mit der Zeit anzueignen.“ Er rät Gründerinnen und Gründern, sich in möglichst gemischten Teams zu präsentieren: „Wir als Frühphaseninvestor schauen vor allem auf Komplementarität und Fachwissen.“

Fest steht, dass Start-ups, deren Köpfe kein BWL-Studium vorweisen können, in der Vergangenheit nicht allzu häufig ihren Weg in die Portfolios von Geldgebern geschafft haben. Das liegt allerdings auch daran, dass sie in der Gründerszene prinzipiell sehr selten anzutreffen sind. Laut Deutschem Start-up Monitor haben nur 1,2 Prozent der Gründer Medizin studiert. Fast ebenso selten entscheiden sich ehemalige Jura-Studenten und Leute mit einem künstlerischen Abschluss für ein eigenes Unternehmen. Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaftler sind mit 7,4 Prozent ebenfalls eher Exoten. Klar dominiert wird die Szene von den Wirtschaftswissenschaften: Rund 39 Prozent der 1.410 Befragten kamen aus der Betriebs- und Volkswirtschaft oder ähnlichen Studiengängen. Am zweithäufigsten verbreitet ist mit 18,5 Prozent ein Studienabschluss in den Ingenieurwissenschaften.

Alice Martin vermutet, dass diese Zahlen mit ein Grund dafür waren, dass die Geldgeber so skeptisch auf das Gründer-Quartett reagiert haben. „Es gibt einfach wenig Erfolgsgeschichten, auf die man verweisen kann.“

Mission: Exoten alltäglich machen

Mehr Vorbilder wünscht sich auch Annette Schöneck von der Universität Köln. Ihr Job ist es dafür zu sorgen, dass es in Zukunft mehr von den Gründern gibt, die derzeit noch als Exoten gelten. Als Transferscout des Gateway Exzellenz Start-up Centers (ESC) der Universität zu Köln besucht sie zusammen mit einem Kollegen und einer Kollegin Fachbereiche der Philosophischen, Humanwissenschaftlichen und Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, um die Studenten durch Planspiele, Ideenwettbewerbe und Design-Thinking-Workshops auf die Möglichkeit einer Gründung aufmerksam zu machen. Aktuell seien unter denjenigen, die sich für den Weg in die Start-up-Szene interessieren, Studierende der Politikwissenschaft, Germanistik und Philosophie ebenso unterrepräsentiert wie etwa aus der Medizin. „Tatsächlich waren unter den rund 40 Start-ups, die wir seit dem Start vor fünf Jahren begleitet haben, nur wenige Vertreter dieser Fächer“, bestätigt Marc Kley, geschäftsführender Direktor des Gateway ESC.

Annette Schöneck findet das überraschend, schließlich glänzten gerade Geisteswissenschaftler oft mit ihren analytischen Kenntnissen und mit ihrer Fähigkeit, Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln zu hinterfragen. Eigenschaften, die in jedem Gründungsteam wichtig seien. Schöneck sieht die Zukunft derer, die eben weder Ingenieur noch BWLer sind, vor allem in Impact-Start-ups: „Ich bin überzeugt davon, dass Geisteswissenschaftler und Geisteswissenschaftlerinnen stark darin sind, gesellschaftliche Probleme zu erkennen und ihnen mit innovativen Lösungen zu begegnen.“

Alice Martin und ihre Co-Gründer konnten am Ende doch einen Geldgeber von sich überzeugen. Nach rund 30 Pitches trafen sie einen Business Angel, der ihre medizinische Ausbildung nicht als Hindernis, sondern als Stärke sah. „Ab diesem Moment lief es gut für uns. Nachdem wir den ersten Investor für uns gewinnen konnten, ging es Schlag auf Schlag.“ Heute hat Dermanostic vier Business Angels an Bord. Der Firmenwert liegt bei zwei Millionen Euro.

Vergessen aber hat Alice Martin ihre Odyssee nicht: „Ich kann es immer noch nicht verstehen, dass wir anhand eines formalen Kriteriums, wie unserem Studienabschluss, angelehnt wurden. Es heißt ja immer, dass es das Wichtigste sei, ob man für seine Geschäftsidee brennt, aber das ist gerade in der Anfangsphase eines Start-ups bei vielen Investoren eher ein Lippenbekenntnis.“

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