Nur Fußball im Kopf? So einfach, wie es bei Fußballprofis aussieht, ist es nicht

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Der Text ist ein Auszug aus dem Buch “Wir werden ewig leben. Mein unglaubliches Jahr mit dem 1. FC Union Berlin” von Christoph Biermann.Als ich zufällig ein Gespräch mitbekam, das Unions Stürmer Sebastian Andersson und Sebastian Polter über ihre Hunde führten, fragte ich sie: “Warum habt ihr eigentlich alle Hunde?” Das war übertrieben, denn nicht alle Spieler bei Union hatten Hunde, aber bemerkenswert viele. Polter grinste mich an und sagte etwas schuldbewusst: “Weil wir so viel Zeit haben.”

Was sie jedoch mit dieser Zeit machten, außer sich mit ihren Hunden zu beschäftigen, war gar nicht so einfach herauszufinden. Meine Nachfragen wurden mal betont knapp, mal leicht ratlos beantwortet. Die Familienväter unternahmen “was mit der Familie”. Eine beliebte Antwort war, essen zu gehen, nicht selten mit den Kollegen. Es gab Spieler, die so viel Fußball schauten, dass ich mich mit ihnen über die Abwehrprobleme des VfL Bochum unterhalten konnte. Es gab NBA-Fans und American-Football-Freunde, und es gab die Power-Seriengucker, YouTube- und Instagram-Dauerabhänger. Fast schon symbolisch für die Freizeitgestaltung waren die Koffer, die Polter und Verteidiger Florian Hübner mit dabeihatten, wenn es länger auf Reisen ging. In ihrem Deckel war ein Bildschirm eingebaut, und in der anderen Hälfte des Koffers steckten Spielkonsole und Steuerungsgeräte. Die meisten Spieler zockten, erzählten mir davon aber weder mit großer Begeisterung noch Ausführlichkeit. Entweder vermuteten sie, dass ich sie dann für blöd halten würde, oder sie selbst hielten das für ein “guilty pleasure”, also etwas, das ihnen Vergnügen machte, wofür sie sich aber schämten. Computerspiele haben nun mal keinen guten Ruf, und dass sie stundenlang mit Fußballsimulationen oder Ballerspielen beschäftigt waren, konnte als unreif rüberkommen. 

Titel: Wir werden ewig leben: Mein unglaubliches Jahr mit dem 1. FC Union Berlin

Herausgeber: KiWi-Paperback

Seitenzahl: 416

Autor: Biermann, Christoph

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06.10.2020 15.15 Uhr
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Dazu kam die ausgeprägte Fähigkeit, unheimlich viel zu schlafen. Das hatte ebenfalls etwas Unerwachsenes, weil die Zeit, die Menschen in ihrem Leben schlafend verbringen, mit zunehmendem Alter eigentlich abnimmt. Im Grunde schliefen sie also so viel wie Grundschüler, und ihr Zeitbudget an der Computerkonsole entsprach dem von Jugendlichen. Ihre Tagesabläufe waren zudem verschult, die Pläne kamen per WhatsApp und schrieben ihnen vor, wann sie zum Training da zu sein hatten, wann es Essen gab oder wann der Bus zum Stadion abfuhr.Wenn aber so viel vorgegeben war, warum machten sie nicht mehr aus ihrer freien Zeit? Es gab doch Ausnahmen in der Mannschaft, wenn auch wenige. 

Grischa Prömel vom 1. FC Union (l.): “Du führst ein Leben wie ein 65-Jähriger”

Foto: Maja Hitij / Getty Images

Offensichtlich war es aber gar nicht so einfach, mehr aus seiner Zeit zu machen. Die Freunde von Mittelfeldspieler Grischa Prömel etwa studierten fast alle, seine Freundin auch. Auch er selber hatte zu Beginn seiner Karriere mit einem Fernstudium der Volkswirtschaftslehre begonnen und es fast zu Ende geführt. Doch als es auf die Prüfungen zulief, er war damals schon Profi beim Zweitligisten Karlsruhe, unterbrach er das Studium. “Das ging nicht mehr mit dem Fußball zusammen”, erklärte er mir. Prömel kam nicht aus einer Familie, die man “bildungsfern” nennen würde, im Gegenteil: Sein Vater war Architekt, seine Mutter Bewegungstherapeutin.

Trotzdem tat selbst Prömel sich schwer, mir zu erklären, was für ein Leben er jenseits des Fußballs führte. Er war begeistert von der Stadt, in der er nun fast zwei Jahre lebte: “Berlin ist ein Geschenk.” Aber er packte das Präsent seltener aus, als er das gerne getan hätte. Wenn Freunde zu Besuch kamen und Berlin erkunden wollten, war er zu Beginn einer Woche vielleicht noch dabei, aber ab zwei Tagen vor dem Spiel nicht mehr. Dann legte er sich lieber in die Hängematte, die es auf seinem Balkon wirklich gab, und seine Freundin spottete: “Du führst ein Leben wie ein 65-Jähriger.” Der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace, der selber ein talentierter Tennisspieler war, hat einige Texte über Tennis geschrieben, die zum Besten gehören, was man über diesen Sport lesen kann und über Sport überhaupt. In “Federer aus Fleisch und nicht”, einer Verehrungsschrift über den schweizerischen Champion, schreibt er über die “Intimitätsillusion”, die entsteht, wenn man Tennis im Fernsehen anschaut. “Die Zeitlupenwiederholungen, Vergrößerungen und Grafiken privilegieren Zuschauer so sehr, dass wir uns nicht mehr bewusst machen, wie viel bei der Aufbereitung fürs Fernsehen verloren geht. Großenteils verloren geht die reine Körperlichkeit des Spitzentennis, ein Gefühl für die Geschwindigkeiten, mit denen sich die Bälle bewegen und die Spieler reagieren.”Ein Chaos mit einem sofort zusammenschrumpfenden RaumFoster Wallace erklärt diesen Verlust dadurch, dass die Kameras den Court so erfassen, dass er perspektivisch verkürzt wird, weil sie zumeist hinter der Grundlinie aufgestellt sind. Dadurch schrumpft der Platz, und der Zuschauer kann kein Gefühl dafür entwickeln, welche unglaubliche physische Energie hinter den Schlägen steckt und wie schwer es ist, die Fläche des Courts zu verteidigen. Im Fußball gibt es einen vergleichbaren Effekt, wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen. Beim Fernsehfußball sehen wir das Spiel zumeist aus der Perspektive der Führungskamera, wodurch uns das Spielfeld größer vorkommt, als es ist. Außerdem gibt dieser Blickwinkel dem Zuschauer eine Übersicht, die kein Spieler unten auf dem Platz hat. Jeder Fußballfan hat schon mal gedacht oder laut gerufen: “Warum spielt der nicht ab?” Wie konnte ein Spieler seinen Kollegen übersehen? 

“Zu Hause auf dem Sofa merkt man das nicht. Selbst die meisten Plätze im Stadion vermitteln keinen Eindruck von dieser infernalischen Intensität, mit der da gerannt, um den Ball gekämpft, geflankt und geschossen wird”

Auch im Fernsehfußball geht die Körperlichkeit des Spiels verloren. Wenn ich am Trainingsplatz stand, bekam ich vor Staunen manchmal den Mund nicht zu. Aus nächster Nähe wunderte ich mich, wie hier ein annähernd strukturiertes Spiel zustande kommen konnte. Ich war erstaunt, dass die Spieler überhaupt einen ihrer Kollegen sahen, weil sie die ganze Zeit hin und her rennen, den Ball kontrollieren oder direkt weiterspielen mussten, wobei sie sofort von einem Gegner bedrängt wurden. Es war ein Chaos mit einem sofort zusammenschrumpfenden Raum dort, wo gerade der Ball war. Zu Hause auf dem Sofa merkt man das nicht. Selbst die meisten Plätze im Stadion vermitteln keinen Eindruck von dieser infernalischen Intensität, mit der da gerannt, um den Ball gekämpft, geflankt und geschossen wird. Verstärkt wurde das an Spieltagen noch von diesem neunzigminütigen Ausnahmezustand aus Geschrei, Gesängen und Flüchen, den man sich so vorstellen muss, als würde man seine Büroarbeit bei Sirenengeheul und Blaulicht erledigen. Die rarste Ressource auf dem Platz: ZeitDieser Ausnahmezustand war quantifizierbar. Athletiktrainer Martin Krüger hatte meist schon am selben Tag eine komplette statistische Auswertung des Spiels in seinem E-Mail-Eingang. Am dritten Spieltag gegen Borussia Dortmund wies sie etwa aus, dass Mannschaftskapitän Christopher Trimmel 11,6 Kilometer gelaufen war, 24 Sprints über 477 Meter und 35 Tempoläufe über 354 Meter absolviert hatte. Er war in insgesamt 101 Spielminuten und 45 Sekunden inklusive Nachspielzeit 534 Mal zu Läufen angetreten, also fünf Mal in der Minute.Aber selbst diese Zahlen gaben kein genaues Bild davon, was auf dem Platz los war. Denn während er da herumraste (ein Fan nannte ihn mal “Rennschwein”, und ihm gefiel das sehr), war er noch damit befasst, eine ganze Menge taktischer Vorgaben zu erfüllen. Zumal Trimmel, wie alle seine Mannschaftskameraden, nie ein Spiel in der Bundesliga erlebten, in dem sie auch mal mit reduzierter Kraft über die Runden kamen. Sie mussten immer an ihre Leistungsgrenzen gehen. Solche Daten, die teilweise öffentlich zugänglich sind, tragen ebenfalls zu der Illusion bei, dass wir verstehen, was auf einem Fußballplatz passiert, wenn dort zwei Profimannschaften gegeneinander antreten. Sie sagen aber nichts über die rarste Ressource auf dem Platz: Zeit. 

Beispiel Roger Federer: Für ihn sind Tennisbälle so groß wie Basketbälle

Foto: Juergen Hasenkopf / imago images/Hasenkopf

In der Winterpause wurde Yunus Malli vom VfL Wolfsburg ausgeliehen, ein Spieler, der viel mehr als das verdiente, was Union normalerweise zahlen konnte. Aber Malli hatte bei seinem alten Klub kaum gespielt und wollte unbedingt mit der türkischen Nationalmannschaft zur Europameisterschaft fahren. Deshalb suchte er einen Klub, bei dem es wahrscheinlicher war, dass er Einsatzzeit bekam.Welche Fähigkeit Mallis so hoch bezahlt wurde, war sofort zu sehen. Das Chaos auf dem Platz war für ihn weniger chaotisch, weil er sich einen Zeitvorsprung verschaffte. Malli verfügte einerseits nämlich über eine sehr gute Ballbeherrschung, musste sich also nicht damit beschäftigen, den Ball anzunehmen. Außerdem las er das Spiel besser als die meisten seiner Kollegen, er verstand also, wohin er sich bewegen musste, damit man ihm den Ball zuspielen konnte, ohne sofort wieder unter Druck zu stehen. Dadurch hatte er mehr Zeit, wobei wir hier von Sekundenbruchteilen sprechen. 

“Wir machen uns aufgrund dessen, wie wir Fußball normalerweise sehen (vor allem im Fernsehen), keine Vorstellung von dem Irrsinn auf dem Platz”

Foster Wallace schrieb in seinem Essay über Federer, dass für diesen ein Tennisball so groß wie ein Basketball sei. Für gute Fußballspieler sind die Bälle nicht größer, aber sie leben in anderen Zeitdimensionen. Yunus Malli hatte in der gleichen Spielsituation mehr Zeit als alle anderen Unioner, und er war nicht einmal ein absoluter Spitzenspieler in der Bundesliga, geschweige denn auf internationalem Niveau. Und doch war es bezeichnend, dass Malli im fußballerischen Guerillakrieg der Unioner nicht zur entscheidenden Kraft wurde, weil ihm das andere fehlte, was dauernd gefragt war: die Fähigkeit, jeden Zweikampf zu führen, als sei es der letzte.Die hohe Kunst des LeerlaufsKurzum: Wir machen uns aufgrund dessen, wie wir Fußball normalerweise sehen (vor allem im Fernsehen), keine Vorstellung von dem Irrsinn auf dem Platz. Wir unterschätzen die Konzentrationsleistung, den Mangel an Zeit und die mentale Belastung im Spiel, aber auch im Training. Wir vergessen den Schmerz, der unvermeidlich ist, wenn die Spieler andauernd in Zweikämpfe rauschen und ihre Körper an die Grenze der Leistungsfähigkeit führen. Wir nehmen den Stress nicht ernst, den das dauernde Infragegestelltsein durch den Konkurrenzkampf um die Plätze im Team mit sich bringt, die Angst und den Selbstzweifel. Christian Arbeit, der Geschäftsführer Kommunikation beim Klub, sagte in diesem Zusammenhang zu mir: “Fußballprofis sind die letzten Menschen, die sich noch langweilen.” Das war ein gutes Bonmot, weil heutzutage die Langeweile eigentlich abgeschafft ist. Man hätte sogar sagen können, dass die Fußballprofis, die ich erlebte, die hohe Kunst des Leerlaufs und der Langeweile pflegten. In den vielen Stunden in irgendwelchen Hotels mussten sie diese sowieso beherrschen, um die Zeit totzuschlagen.Aber bei diesem generellen Nichts aus Essengehen, Zocken, Serien- oder Fußballspiele-Anschauen, Am-Handy-Herumhängen oder In-der-Hängematte-Liegen, in das sie sich begaben, ging es noch um etwas anderes. Es war eine Überlebensstrategie angesichts des Wahnsinns, dem sie ihre Körper und ihren Geist ständig aussetzten.
Icon: Der Spiegel

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