Mein Privileg wurde mir bewusst, als ich kürzlich von Peking aus mit einem Freund in Berlin telefonierte. Wir besprachen, was wir über den Jahreswechsel unternehmen könnten, an dem ich in Europa zu sein hoffe; ich schlug Skifahren vor. Schöne Idee, gab mein Freund zurück – er könne sich allerdings kaum vorstellen, dass die Österreicher ihre Skigebiete Corona-fest bekämen. Selbst wenn man auf Après-Ski in Ischgl verzichte – wie solle das gehen, Abstand halten in der Warteschlange an der Talstation, in den Gondeln?
Ich war baff, denn diese Überlegung war mir gar nicht erst gekommen. In diesem Moment realisierte ich, wie lang es her ist, dass ich über die Gefahr einer Ansteckung auch nur nachgedacht habe. Mein Privileg (ganz abgesehen davon, dass ich mir einen Skiurlaub leisten kann): Ich lebe in einem Land, in dem die Pandemie – bis auf Weiteres – de facto vorbei ist. Ich lebe in China.Während Europa mitten in der zweiten Welle steckt und die Regierungen die Corona-Regeln verschärfen, hat sich das Leben in der Volksrepublik weitgehend normalisiert. Es gibt zwar noch Einschränkungen, nicht zuletzt die Abschottung nach außen. Doch im Landesinneren sind die Maßnahmen inzwischen so in den Alltag integriert, dass ich sie kaum noch wahrnehme. Und eine Infektion ist in etwa so wahrscheinlich wie ein Sechser im Lotto.

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