Die Zahlen sprachen schon seit Tagen eine klare Sprache, die Politik allerdings erbat sich noch einmal eine Atempause. Als Frankreichs Gesundheitsminister Olivier Véran am vergangenen Donnerstag seine wöchentliche Pressekonferenz gab, standen alle für das Infektionsgeschehen relevanten Indikatoren auf Rot: Die Zahl der Infizierten lag für den Großraum Paris bei 263 Fällen auf 100.000 Einwohner, bei den 60- bis 69-Jährigen waren es 133 Fälle auf 100.000 Einwohner. Die Auslastung der Intensivbetten in den Krankenhäusern betrug 34 Prozent. Véran kündigte trotzdem an, die Situation in den kommenden drei Tagen noch beobachten zu wollen. Falls sich diese nicht bessere, so der Minister, würden am Montag neue Maßnahmen verkündet. 
Dabei deutete nichts darauf hin, dass sich über das Wochenende tatsächlich irgendetwas zum Besseren wenden könnte, wie auch? Wissenschaftler und Ärzte warnten nach Vérans Ansage, man würde drei wertvolle Tage verlieren. Aber den Politikern in Paris schien es schwerzufallen, das Unvermeidliche zu verkünden und einzugestehen, dass dieser Herbst weit mehr an das vergangene Frühjahr erinnern wird, als es ihnen lieb sein kann.Präsident Emmanuel Macron und sein Premierminister Jean Castex hatten gehofft, nach der Rückkehr aus den Sommerferien mit der Verkündung des 100-Milliarden-Wiederaufbauplans ein neues Kapitel aufschlagen zu können. Sie wagten es sogar, eine Neuauflage der so umstrittenen Rentenreform zu erwähnen – bis die neuen Infiziertenzahlen sie einholten.

Die Entscheidung, für die französische Hauptstadt und die angrenzenden Orte in ihrer Peripherie den maximalen Alarmzustand auszurufen, fiel dann am Sonntag. Am späten Montagvormittag verkündeten der Polizeipräfekt der Stadt, der Präfekt der Region und die sozialistische Bürgermeisterin Anne Hidalgo die damit einhergehenden Maßnahmen.Die Regierung will nicht immer allein an allem schuld seinEs gehört zur neuen Strategie von Premierminister Castex, Bürgermeister und lokale Kräfte in die Entscheidungsprozesse mit einzubinden. Die Regierung möchte nicht immer allein an allem schuld sein. Auch das erklärt wohl den Aufschub von drei Tagen – Zeit, die man für die Abstimmung zwischen Regierung und der Stadt brauchte. Der neue Maßnahmenkatalog für die Restaurants zum Beispiel soll erst in der vergangenen Nacht geschrieben worden sein.

Verkündet wurden am Montagvormittag, wie schon erwartet, die Schließung aller Bars; Restaurants dürfen unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen geöffnet bleiben. Allerdings werden sie wohl, wie in Deutschland bereits etabliert, Listen mit Namen und Telefonnummern ihrer Gäste führen müssen. Außerdem wird die Zahl der Gäste an einem Tisch auf sechs Personen begrenzt, es darf nichts mehr im Stehen konsumiert beziehungsweise getrunken werden, weder drinnen noch draußen.15 Tage strenge MaßnahmenEbenfalls untersagt wurden alle Messen und Kongresse, auch Sporthallen und Schwimmbäder werden geschlossen, Fitnessklubs waren es ohnehin schon. Der Verkauf und Konsum von Alkohol auf der Straße wird verboten ebenso wie größere Feste, ob Studenten- oder Familienfeiern. Besuche in Altenheimen dürfen nur noch nach Vereinbarung stattfinden und sind auf zwei Personen begrenzt; Versammlungen von mehr als zehn Personen werden untersagt. Auch die Anzahl von Studenten beim Präsenzunterricht an den Universitäten soll um 50 Prozent reduziert werden. Alle Maßnahmen gelten ab Dienstag dieser Woche und vorläufig nur für 15 Tage. Dann soll die Situation neu evaluiert werden.

Viele Maßnahmen zielen auf das in den vergangenen Wochen immer noch sehr lebendige Nachtleben in der Hauptstadt ab. Denn während im gesamten Stadtgebiet seit Wochen Maskenpflicht gilt, drängten sich am Abend vor allem junge Leute dicht an dicht in den Bars und auf den Caféterrassen, ohne Maske, stundenlang. Mit ein Grund: Sobald man sitzt und konsumiert, ist die Maskenpflicht außer Kraft gesetzt. Es gehörte von Anfang an zu den Widersprüchen der französischen Pandemiepolitik, dass dem sehr strengen, acht Wochen langen Shutdown im Frühjahr ein verhältnismäßig entspannter Sommer folgte. Das will man nun anscheinend korrigieren.”Das Ganze ist ein Trauerspiel”Die Gastronomen reagierten unterschiedlich auf die neuen Vorschläge: Restaurantbesitzer konnten anscheinend im letzten Moment einen Etappensieg erringen und den ursprünglich von der Regierung vorgeschlagenen Mindestabstand von 1,50 Meter zwischen den einzelnen Tischen verhindern. Er beträgt nun nach wie vor nur ein Meter. Für viele unter ihnen entscheidet das über ihre Existenz – Platz ist ein rares Gut in Paris, ob in Wohnungen, auf Bürgersteigen oder in Lokalen.Eine Mehrheit der Bar- und Cafébesitzer hingegen äußerte Unverständnis angesichts der verordneten Schließung. Warum, so fragen sie, dürfen dann Theater, Kinos und Museen geöffnet bleiben, warum stehen viele Pariser in der Metro täglich dicht aneinander gedrängt? Warum hätte man nicht einfach auch für die Cafés und Bars strengere Vorschriften erlassen können?”Das Ganze ist ein Trauerspiel”, erklärte etwa der Präsident der Bar-, Café- und Brasserievereinigung GNI am Morgen im Radiosender “France Inter”. “Die neuen Maßnahmen werden in einer wirtschaftlichen Katastrophe enden.” Schon jetzt stünden viele seiner Kollegen vor dem Aus, er kenne zahlreiche Gastronomen, die mittlerweile Beruhigungsmittel oder Antidepressiva nehmen würden. Er mache sich große Sorgen um sie.Bürgermeisterin Hidalgo hingegen dankte der Regierung für die gute Zusammenarbeit, die Stadt Paris stehe im Kampf gegen die Pandemie an ihrer Seite. Es gehe jetzt darum, die Fragilsten und Verletzlichsten der französischen Gesellschaft zu schützen, damit das Leben danach weitergehen könne.
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