Welche Impfstoffkandidaten getestet werden sollen, ist noch nicht bekannt

Foto: Thomas Peter / REUTERS

Renommierte Forscher weltweit hatten es angesichts der Coronakrise schon vor Wochen gefordert – nun wagt offenbar Großbritannien den ersten Schritt: Ab Januar sollen in London die ersten sogenannten Human-Challenge-Studien anlaufen, bei denen Freiwilligen das Coronavirus injiziert wird, um die Wirksamkeit eines potenziellen Impfstoffes zu testen. Solche absichtlichen Infektionen sind höchst umstritten und nur unter bestimmten Bedingungen umsetzbar.

Was genau ist geplant?Wie die Tests genau ablaufen und welche Impfstoffkandidaten zum Einsatz kommen, ist noch nicht bekannt. Das von dem Londoner Imperial College geleitete Projekt soll erst in der kommenden Woche offiziell vorgestellt werden. Die “Financial Times” hatte jedoch vorab darüber berichtet und berief sich auf Studienbeteiligte. “Wir arbeiten gemeinsam mit Partnern daran zu verstehen, wie wir bei der Entwicklung eines möglichen Covid-19-Impfstoffs durch Human-Challenge-Studien zusammenarbeiten können”, teilte die britische Regierung daraufhin mit, nannte aber keine Details.Laut “Financial Times” bekommen die freiwilligen Probanden zunächst Dosen von vielversprechenden Impfstoffkandidaten. Einen Monat später sollen sie dann dem Coronavirus ausgesetzt werden. Bleiben die Testpersonen gesund, spricht das für die Wirksamkeit des Impfstoffes. Bei der Studie sollen offenbar mehrere potenzielle Vakzine getestet werden, die sich noch in der frühen Phase der Entwicklung befinden. Dadurch sollen die aussichtsreichsten Impfstoffkandidaten ermittelt werden, für die sich weitere Studien lohnen.

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Was ist der Vorteil von Human-Challenge-Studien?Challenge-Studien sollen die Suche nach einem Impfstoff beschleunigen. Um die Wirksamkeit eines möglichen Impfstoffes zu testen, müssten ohne Challenge-Studien Zehntausende Probanden geimpft werden – in der Hoffnung, dass zumindest einige von ihnen unter natürlichen Umständen mit dem Virus in Kontakt kommen.Da derzeit mehrere Impfstoffkandidaten getestet werden, steigt die Zahl der benötigten Probanden weiter. Hinzu kommt, dass die Fallzahlen in vielen Ländern durch die geltenden Beschränkungen zu niedrig sind. Dadurch sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sich Probanden zufällig mit dem Coronavirus infizieren. Deshalb werden Impfstoffstudien der Phase III auch in Ländern mit hohen Corona-Fallzahlen wie Brasilien oder Südafrika durchgeführt.

Sind die Challenge-Studien Erfolg versprechend?Als Probanden für solche Studien kommen nur Menschen infrage, die ein geringes Risiko haben, schwer zu erkranken. Im Fall von Covid-19 also vor allem Jüngere ohne bekannte Vorerkrankungen. Weitere Untersuchungen müssten klären, ob sich die Ergebnisse auch auf Risikogruppen übertragen lassen. Challenge-Studien sind deshalb nicht automatisch ein Ersatz für groß angelegte klinische Studien. Sie können jedoch von vornherein wenig aussichtsreiche experimentelle Impfstoffe aussieben, um unnötige Studien zu vermeiden.Mehrere Pharmakonzerne haben bereits mitgeteilt, nicht an den in Großbritannien geplanten Human-Challenge-Studien beteiligt zu sein. Darunter AstraZeneca, Sanofi, Moderna und Biontech, deren Impfstoffkandidaten bereits in klinischen Studien geprüft werden. Bewähren sich die potenziellen Vakzine in den entscheidenden Studien der Phase III, könnten Covid-19-Impfstoffe also auch ohne Challenge-Studien zugelassen werden.

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Welche Risiken bestehen für Probanden?Teilnehmer von Challenge-Studien sind einem mehrfachen Risiko ausgesetzt:Zum einen kann der Impfstoff unerwünschte Nebenwirkungen auslösen,zum anderen besteht die Gefahr für einen schweren Verlauf von Covid-19, wenn sich das Vakzin als unwirksam erweist.Zudem ist denkbar, dass die Impfung die Erkrankung sogar noch verstärken könnte. Das wurde beispielsweise bei Tierversuchen mit Impfstoffkandidaten gegen die eng verwandten Coronaviren Sars und Mers beobachtet. In diesem Fall würden die Versuche abgebrochen.Wie viele Probanden teilnehmen sollen, ist unklar. Die Bereitschaft ist jedoch offenbar da. Über die Plattform “1Day Sooner”, die sich für eine rasche Impfstoffentwicklung einsetzt, haben sich bereits 2000 Freiwillige für mögliche Human-Challenge-Studien in Großbritannien gemeldet. Für den tatsächlichen Studienaufbau wären aber wahrscheinlich deutlich weniger Probanden ausreichend. Forscher hatten schon Ende März im “The Journal of Infectious Diseases” einen möglichen Studienaufbau vorgestellt, bei dem etwa hundert Freiwillige teilnehmen würden.

Sind solche Versuche ethisch vertretbar?Angesichts der aktuellen Pandemie haben sich Forscher weltweit für Challenge-Studien ausgesprochen. Hinter der Entscheidung steht jedoch eine schwierige ethische Abwägung: Wie viel Risiko für den Einzelnen ist gerechtfertigt?”Ich würde solche Challenge Studien aus ethischer Sicht nicht grundsätzlich ausschließen”, sagt Georg Marckmann, Professor für Medizinethik an der LMU München dem SPIEGEL. Aufgrund des dringenden Bedarfs eines Corona-Impfstoffs könne der gesellschaftliche Wert der Studien die möglichen Risiken für die Probanden rechtfertigen. “Sofern die üblichen ethischen Standards eingehalten werden, wären meine Bauchschmerzen dabei nicht so gravierend, wenn ich weiß, dass dadurch potenziell viele Menschenleben gerettet und schwere Verläufe vermieden werden können”, sagt er.Aus der Sicht des Medizinethikers sei es eher vertrauenswürdig, dass das renommierte Imperial College diese Studie durchführe. “Die Institution forscht mit hohen wissenschaftlichen und ethischen Standards”, sagt er. “Das fördert das Vertrauen.”Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat bereits Anfang Mai Empfehlungen gegeben, unter welchen Voraussetzungen Challenge-Studien im Fall von Covid-19 gerechtfertigt wären. Als Bedingung gilt beispielsweise, dass die Versuche unter höchsten Sicherheitsstandards stattfinden, alle Probanden freiwillig teilnehmen und in Quarantäne bleiben, die Studie aber jederzeit beenden können.Etwa die Hälfte der WHO-Beratergruppe hatte zudem gefordert, auf wirksame Therapien gegen Covid-19 zu warten, bevor Challenge-Studien durchgeführt werden sollten. Seitdem gab es erste Erfolge bei der Behandlung von Patienten mit schwerem Verlauf, beispielsweise mit Dexamethason oder Remdesivir. Die Zulassung für Remdesivir gilt in Europa – anders als sonst üblich – allerdings erst mal nur begrenzt für ein Jahr.Längst nicht alle halten die Entwicklung für ausreichend, um Challenge-Studien zu rechtfertigen. “Bisher gibt es keine endgültige heilende Therapie gegen Covid-19”, sagte Samiran Panda vom indischen Rat für medizinische Forschung (ICMR). “Was, wenn jemand, dem das Virus absichtlich injiziert wurde, schwer erkrankt?” Indien schließt deshalb Challenge-Studien momentan aus.

Gab es bereits Challenge-Studien?Schon vor Jahrhunderten wurden Menschen absichtlich Erregern ausgesetzt, um die Wirksamkeit einer Therapie, eines Medikaments oder einer Impfung zu testen. Viele dieser historischen Versuchsreihen, vor allem in der NS-Zeit, verstoßen gegen ethische Standards, weil die Probanden keinesfalls freiwillig an den Studien teilgenommen haben.Heute müssen Ethikkommissionen die Studien genehmigen. Zudem müssen Probanden über mögliche Risiken aufgeklärt werden. Laut Schätzungen haben seit den Fünfzigerjahren etwa 3500 Probanden an Challenge-Studien nach ausreichenden wissenschaftlichen Standards teilgenommen. 2017 veröffentlichten Tübinger Forscher beispielsweise Ergebnisse zu einem Malaria-Impfstoff, der in Human-Challenge-Studien getestet wurde.Wären Covid-19-Challenge-Studien auch in Deutschland möglich?In Deutschland müssten sowohl das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) als auch eine Ethikkommission solchen Studien zustimmen. PEI-Präsident Klaus Cichutek hat bisher solche Studien ausgeschlossen. Auf die Frage, ob es denkbar wäre, einen mit Human-Challenge-Studien getesteten Impfstoff auch in Deutschland zuzulassen, sagt Marckmann: “Ich glaube kaum, dass man das verhindern könnte, wenn sich der Impfstoff in der Studie als sicher und wirksam erwiesen hat.”
Icon: Der Spiegel

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