Mit dem Buch “Corona Fehlalarm?” haben die Wissenschaftler Sucharit Bhakdi und Karina Reiß viel Aufmerksamkeit erregt. Corona-Experten widersprechen einigen Thesen vehement.

Überschätzen wir die Corona-Gefahr? Waren die Maßnahmen in Deutschland richtig? Wie hoch ist die Sterblichkeitsrate tatsächlich? Diese und andere Fragen tauchen im öffentlichen Diskurs zur Corona-Pandemie immer wieder auf. Auch die beiden Professoren Sucharit Bhakdi und Karina Reiß haben sich in ihrem Buch “Corona Fehlalarm?” mit viel diskutierten Fragen zur Corona-Pandemie auseinandergesetzt.

Die im Juni 2020 erschienene Abhandlung landete schon kurz nach der Veröffentlichung auf Platz eins der Bestsellerlisten. Doch die Thesen der Wissenschaftler sind heiß umstritten – t-online hat deshalb mit führenden Corona-Experten über die wichtigsten Aussagen des Buchs gesprochen.

“Corona Fehlalarm?”: Das sind die Autoren

Beide Autoren sind renommierte Wissenschaftler. Prof. Dr. Sucharit Bhakdi ist Mikrobiologe, Infektionsepidemiologe und mittlerweile emeritierter Universitätsprofessor. Er leitete mehr als 20 Jahre lang das Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Prof. Dr. Sucharit Bhakdi und Prof. Dr. Karina Reiß: Die Wissenschaftler haben das Buch “Corona Fehlalarm?” verfasst. (Quelle: t-online/Goldegg Verlag)

Seine Ehefrau Prof. Dr. Karina Reiß forscht und lehrt aktuell an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel auf dem Gebiet der Biochemie, Zellbiologie und Infektiologie. Die Universität hat sich mittlerweile von den Behauptungen des Ehepaars distanziert.

Distanzierung der Universität

Die Universität Kiel hat im August eine Stellungnahme zu dem Buch abgegeben. Die “überwältigende Mehrheit” der Hochschullehrer der Universität widersprächen den “unbelegten und im Gegensatz zu seriösen internationalen wissenschaftlichen Erkenntnissen stehenden Behauptungen” von Reiß und Bhakdi zur Corona-Pandemie. Das Buch sei wissenschaftlich nicht haltbar.

Worum geht es in dem Buch?

Auf knapp 160 Seiten erläutern Bhakdi und Reiß, warum sie viele Maßnahmen zum Schutz vor der Corona-Pandemie für nicht sinnvoll erachten. Sie gehen sowohl auf die generelle Corona-Situation ein als auch auf die Sinnhaftigkeit von Masken und Lockdown, hinterfragen, ob das Gesundheitssystem tatsächlich durch die Pandemie gefährdet war und welche Konsequenzen die Corona-Maßnahmen für alte Menschen, Kinder und chronisch Kranke hatten. Zudem thematisieren sie die Situation in anderen Ländern und stellen die Impfstoffforschung und die Berichterstattung zur Corona-Krise in Frage.

Das Buch ist Ende Juni 2020 erschienen und folgt somit einem mittlerweile veralteten wissenschaftlichen Stand vom Mai. Täglich entwickelt sich die Wissenschaft weiter, besonders schnell in der Corona-Pandemie.

Was sagen Corona-Experten zu den wichtigsten Thesen?

t-online hat verschiedene Corona-Experten zu den wichtigsten Thesen des umstrittenen Bestsellers befragt. Hier setzen sich der Epidemiologe Prof. Dr. Markus Scholz, der Hygieniker Dr. Peter Walger sowie der Immunologe Prof. Dr. Andreas Radbruch mit Aussagen zu den Corona-Maßnahmen, der Impfstoffforschung sowie der Maskenpflicht auseinander.

1. Symptomfreie Menschen sind nicht ansteckend

“Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass symptomfreie Menschen ohne Husten und Fieber die Erkrankung verbreiten.” (Seite 64/65)

Dieser Aussage widerspricht Dr. Peter Walger: “Es gibt Beispiele für eine prä-symptomatische Übertragung.” Die Übertragung habe dann bei fehlenden Symptomen stattgefunden, die Symptome traten erst etwa ein bis drei Tage nach der Übertragung auf. Mehr noch: “Mathematische Modellierungen ergaben, dass die Rate derartiger Übertragungen in Singapur und China für 48 bzw. 62 Prozent der Infektionen verantwortlich sein sollen.”

Grundsätzlich bestehe die Möglichkeit einer Übertragung durch asymptomatische Personen, weil bei ihnen das Virus ebenso wie bei Infizierten mit Symptomen nachgewiesen werden könne. Das unterstütze eine starke Vermutung über die Rolle asymptomatischer Personen als potentielle Überträger, so Walger.

Corona-Pandemie: Auch von asymptomatischen Corona-Infizierten kann eine Gefahr ausgehen. (Quelle: Sven Simon/Getty Images)

2. Die Corona-Maßnahmen waren sinnlos 

“Es ist klar, dass die Epidemie Anfang/Mitte März ihren Höhepunkt hatte und am 23. März, als der Lockdown kam, der Peak schon überschritten war. Der R-Wert war bereits seit dem 21. März unter 1.” (Seite 61)

Prof. Dr. Markus Scholz meint zu dieser Behauptung: “Es ist richtig, dass der Höchstwert von R Mitte März erreicht wurde. Das Maximum an Infektionen wurde aber erst Anfang April erreicht. Ab Mitte März sank der R-Wert kontinuierlich. Ein Wert unter 1 wurde nach unserer Schätzung etwa Anfang April erreicht, nicht bereits am 21. März. Der Wert sank danach weiter auf Werte deutlich unter 1 bis etwa Ende April.”

Prof. Markus Scholz (Quelle: Universität Leipzig)Prof. Dr. Markus Scholz leitet am Institut für Medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie (IMISE) der Universität Leipzig eine Arbeitsgruppe zur Genetischen Statistik und Systembiologie. Seine Arbeitsgruppe untersucht aktuell auch die Corona-Pandemie.

Der Epidemiologe betont auch, dass der Lockdown nicht an “einem bestimmten Tag erfolgte”. Vielmehr seien die Maßnahmen schrittweise hochgefahren und zurückgenommen worden.  “Bereits im Januar/Februar gab es Maßnahmen wie Warnungen an die Bevölkerung, Kontaktverfolgung und Quarantänisierung von Reisenden und Infizierten. Ab dem 11. März wurden Großveranstaltungen abgesagt, in den Tagen danach wurden in den Bundesländern zeitlich versetzt die Schulen geschlossen. 

“Wir sehen, dass der Lockdown nichts gebracht hat, da die Zahl ab dem 23. März schwankt, aber in der Zeit danach (Inkubationszeit) nicht signifikant sinkt.” (Seite 61)

Dem widerspricht Scholz vehement: “Nach unserer Schätzung sank der R-Wert kontinuierlich auf Werte deutlich unter 1 bis etwa Ende April. Dies lässt sich plausibel auf die eingeleiteten Maßnahmen zurückführen. Besonders die Absage von Großveranstaltungen und die Schulschließungen hatten nach unserer Einschätzung einen deutlichen Effekt.” Es gebe inzwischen mehr als ausreichende Hinweise, dass die Maßnahmen wirken. “Hierzu sollte man nicht nur auf die Situation in Deutschland schauen.”

Scholz verweist beispielsweise auf zweite Infektionswellen in Ländern wie Israel, nachdem es zu frühe Lockerungen gab sowie auf Länder wie Südkorea, wo erneute Maßnahmen die Epidemie wieder zurückdrängen konnten. Die Effizienz von Kontaktreduktionen zur Bekämpfung einer Epidemie sei zudem nicht neu und wurde auch im Zuge der Bekämpfung der Spanischen Grippe genutzt. “SARS-CoV-2 verhält sich diesbezüglich nicht ungewöhnlich.”

“Wir sehen, dass auch die Maßnahmen zuvor nichts gebracht haben (Absage von Großveranstaltungen ab 9. März, Bund-Länder-Vereinbarungen vom 16. März), denn auch hier muss man die Inkubationszeit von 5 bis 14 Tagen bedenken. Sollte überhaupt irgendetwas den Kurvenverlauf beeinflusst haben, dann müssten es Maßnahmen Ende Februar gewesen sein.” (Seite 61)

Auch diese Aussage kann Prof. Scholz widerlegen: “Schätzungen von R berücksichtigen typischerweise bereits die Inkubationszeit. Der zeitliche Verlauf der R-Kurve mit einem kontinuierlichen Abfall über Wochen spricht für die Wirksamkeit der Maßnahmen.”

3. Eine Maskenpflicht ergibt keinen Sinn 

“Einfache Masken halten die Viren nicht zurück, gerade wenn man hustet. Sie schützen bekanntermaßen auch nicht vor Ansteckung.” (Seite 64/65)

Der Infektiologe und Hygieniker Dr. Peter Walger ist hier skeptisch und beruft sich auf eine Auswertung im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation, die die wissenschaftliche Literatur zu Effekten von Masken und Abstandsregelungen betrachtet. “Die Ergebnisse aus über 200 Studien belegen eindeutig, dass medizinische Masken eine Schutzfunktion von über 80 Prozent haben, wobei die Masken vom Typ ‘Mund-Nasen-Schutz’ etwas schlechter abschnitten als die Atemschutzmasken vom Typ FFP2/3.” 

“Wenn beide Personen im direkten Gegenüber eine Maske tragen, erhöht sich die Schutzrate auf mehr als 80 Prozent. Wenn zusätzlich Abstand von mindestens einem Meter eingehalten wird, können Infektionen weitgehend verhindert werden”, zitiert Walger eine Studie. Da Studien über die Effektivität der sogenannten Alltagsmasken fehlen, können aktuell nur Empfehlungen auf der Basis der Erfahrungen im Alltag gegeben werden. 

(Quelle: Peter Walger/privat)Dr. Peter Walger ist Intensivmediziner und Infektiologe in Bonn und Vorstandssprecher der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH)

Walger ist sich sicher: “Wenn die Alltagsmasken aus mehrlagigen Baumwollstoffen gearbeitet sind, regelmäßig bei mehr als 60 Grad gewaschen werden, bei Durchfeuchtung gewechselt werden und auf sorgfältige Händehygiene geachtet wird, können Fremd- und Eigenschutz in einem hohen Maße erwartet werden.”

“Größe des Coronavirus: 160 Nanometer “(0,16 Mikrometer), Größte ‘Poren’ in einfachen Baumwollmasken 0,3 Mikrometer. Sie fliegen durch herkömmliche Masken oder Mund-Nase-Bedeckung aus Stoff durch wie durch ein offenes Fenster.” (Seite 65)

Auch diese Aussage sieht Dr. Walger skeptisch: “Wenn ein infizierter Mensch hustet, niest oder intensiv spricht, singt oder heftig atmet, verbreitet er eine Wolke aus Tröpfchen unterschiedlicher Größe, deren kleinste Teile Aerosole genannt werden.” Während die Tröpfchen der Schwerkraft folgend nach kurzer Distanz zu Boden fallen, schweben Aerosole in der Luft und können weitere Distanzen von acht bis zwölf Metern überwinden.

“Masken müssen also primär vor Tröpfchen-Durchtritt und in speziellen Fällen vor Aerosolen schützen”, folgert Walger. Nach aktuellem Wissenstand werde SARS-CoV-2 vor allem über die Tröpfcheninfektion übertragen.”Masken müssen also primär vor Tröpfchen-Durchtritt und in speziellen Fällen vor Aerosolen schützen”, folgert Walger. Nach aktuellem Wissenstand werde SARS-CoV-2 vor allem über die Tröpfcheninfektion übertragen.

Es habe nur etwa drei bis zehn Prozent sekundäre Infektionen im Haushalt gegeben. Diese Rate sei so niedrig, dass sie nicht zu einer Aerosolübertragung passen würde. “Welchen Anteil die weiteren Übertragungswege von SARS-CoV-2 haben, die aerogene Übertragung durch Aerosole und die indirekte Übertragung durch kontaminierte Hände, ist nicht bekannt”, so Walger.

Impfstoffforschung: Weltweit wird nach einer wirksamen Vakzine gegen Covid-19 gesucht. (Quelle: gevende/Getty Images)

4. Ein Covid-19-Impfstoff würde mehr schaden als nützen

“Unsere Immunität gegen die Coronaviren beruht auf zwei Säulen: 1) Antikörper, 2) spezialisierte Zellen unseres Immunsystems, die sogenannten Helfer-Lymphozyten und Killer-Lymphozyten. (…) alle Impfungen gegen Viren beruhen darauf, unseren Körper zur Bildung von Antikörpern anzuregen, die das Andocken der Viren verhindern. […] Die zweite Säule der Immunität gegen Coronaviren ist allgemein so gut wie unbekannt. Ganz wichtig dabei: Sie ist weit verbreitet und wirksam in der Bevölkerung und kommt durch die ständige Auseinandersetzung unseres Immunsystems mit alltäglichen Coronaviren zustande. […] Impfstoffe, die diesen zweiten Arm des Immunsystems anregen, gibt es nicht und können auch nicht entwickelt werden.” (Seite 115)

Der Immunologe Professor Dr. Andreas Radbruch hält diese Aussagen nur zum Teil für wahr. Richtig sei, dass immunologische Kreuzreaktionen – also eine gewisse Vorimmunität – nicht uns alle schützt, wenn überhaupt. “Nicht richtig ist nach den vorliegenden Daten aber, dass wir alle sowieso und gleichermaßen eine ‘kreuzreagierende’ Vorimmunität haben, bevor wir uns das erste Mal mit dem Coronavirus infizieren”. 

Laut einer Studie wurden kreuzreaktive Gedächtniszellen bei 35 Prozent der nicht-infizierten Probanden festgestellt. “Und welchen Einfluss das auf die Immunreaktion dieser Menschen gegen SARS-CoV-2 hätte, ob der Krankheitsverlauf milder wäre, bleibt unklar, es gibt sogar erste Hinweise darauf, dass solche Zellen bei Älteren den Krankheitsverlauf sogar verschlimmern”, betont Radbruch.

Ebenso unklar sei, ob es sich tatsächlich um eine Kreuzreaktion mit anderen Coronaviren handle oder mit ganz anderen, bisher unbekannten Antigenen. Radbruch sagt: “Es ist falsch zu behaupten, dass dieses immunologische Gedächtnis nachgewiesenerweise durch die Auseinandersetzung mit Coronaviren zustande kommt. Es ist auch falsch zu behaupten, dass nachgewiesen sei, dass die meisten Menschen bereits vor einer Infektion mit SARS-CoV-2  immun dagegen wären”. Nicht zuletzt der schwere Krankheitsverlauf bei einigen der Infizierten zeige ja, dass diese Patienten keine schützende Vorabimmunität hatten.

(Quelle: Gero Breloer)Prof. Dr. Andreas Radbruch ist Wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums und Präsident der European Federation of Immunological Societies.

“Schon jetzt lässt sich vorhersagen, dass der Schaden einer Corona-Impfung größer sein würde als jeder denkbare potenzielle Nutzen.” (Seite 119)

Professor Radbruch hält dies für eine “absurde Behauptung”. Der größte denkbare Nutzen einer Corona-Impfung wäre die Eliminierung von SARS-CoV-2 als Infektionserreger für den Menschen. Zur Zeit sei noch unklar, wie viele Menschen an Covid-19 sterben, doch in jedem Fall sei die Todesrate drastisch höher als für jede zugelassene Impfung akzeptabel wäre oder bekannt ist.

So sei die Todesrate bei Masern geringer als bei Covid-19 (WHO: 0.01-0.1 Prozent), ebenso wie bei Mumps und Röteln. Die Masern-Mumps-Röteln-Impfung verursache aber keine nachweisbaren Todesfälle, sie weise daher eine äußerst positive Nutzen-Schaden-Bilanz auf. Außerdem würden Impfungen nur zugelassen und empfohlen, wenn die Nebenwirkungen deutlich geringer ausfallen als die Wirkungen einer Infektion vor der sie schützen sollen.

“Ich erwarte, dass auch die Covid-19-Impfung eine vernachlässigbare Rate an nicht-tödlichen Nebenwirkungen und keine Todesfälle verursachen wird”, sagt Professor Radbruch. In jedem Fall werde sie vor einer signifikanten Mortalität der Pandemie schützen. Darüber hinaus könnte der Corona-Impfstoff die Kollateralschäden der Pandemie in Wirtschaft und Gesellschaft beenden – und das dauerhaft.

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