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Corona ǀ Risikogruppe Dienstleistungsproletariat — der Freitag


Vom Après-Ski in den Maschinenraum: Die Hotspots der Corona-Pandemie verlagern sich. Fast 1.000 Fälle in Schlachthöfen, 80 in einem Paketzentrum bei Heinsberg, knapp 70 im Amazon-Versandlager bei Hamburg. Während sich die Öffentlichkeit über ihr Freizeitverhalten die Köpfe heißredet, wird langsam klar, dass ein schnell wachsender Teil der Infektionen einen direkten Bezug zu Arbeitsplatz und Wohnsituation hat.

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Seuchenausbreitung ist vor allem eine Frage sozialer Verhältnisse, wusste schon Rudolf Virchow vor 150 Jahren: lange, erschöpfende Arbeitsschichten, beengte Wohnverhältnisse – so war das zu Zeiten der Industrialisierung. Was wir gern vergessen: All das gibt es immer noch, und zwar nicht irgendwo im globalisierten Kapitalismus, sondern mitten unter uns.

Aus dem globalen Lohngefälle Profit zu schlagen, gehört zum Businessmodell des neoliberalen Kapitalismus. Arbeitsplätze werden in Billiglohnländer verlagert, aber es läuft auch umgekehrt: Billige Arbeitskräfte werden importiert, um den einheimischen Niedriglohnsektor am Laufen zu halten – in Landwirtschaft, Logistik, Altenpflege, auf dem Bau.

Auf die Spitze getrieben wurde dieses Modell von der Fleischindustrie. Sechs große Konzerne beherrschen den deutschen Markt – zwei Drittel ihrer rund 90.000 Beschäftigten werden aus Osteuropa angeworben, oft von dubiosen Subunternehmern: Zerlegekolonnen, die im Akkord Schwerstarbeit leisten und weder in den Schlachthöfen noch in ihrer desolaten Wohnsituation grundlegende Hygieneregeln einhalten können. Ein Versäumnis? Nein: Das Geschäftsmodell der großen Fleischkonzerne ist genau darauf gegründet. Den politisch Verantwortlichen in Bund und Ländern ist die Situation seit vielen Jahren bekannt. Doch statt verbindliche Schutzstandards zu erlassen, setzte man lieber auf Selbstverpflichtungen der Industrie.

Jetzt ist die Aufregung groß – aber nur, weil plötzlich ganze Landkreise von Ausgangssperren bedroht sind. Ob es zum großen „Aufräumen“ kommt, wie SPD-Bundesarbeitsminister Hubertus Heil angekündigt hat, wird sich zeigen. Denn es geht um viel mehr als nur die besonders widerliche Fleischbranche: Auch auf Großbaustellen, in Agrarindustrie und Logistikzentren drohen weitere Ausbrüche. Deutschlands Dienstleistungsproletariat ist eine Risikogruppe. Wer sich nicht ins Homeoffice zurückziehen kann, auf den überfüllten ÖPNV angewiesen ist oder im Kleintransporter dicht an dicht gedrängt zur Arbeit fährt, steckt sich schneller an. Und natürlich sind jene migrantischen Beschäftigten am übelsten dran, die nach ihrer Zehn- bis Zwölfstundenschicht in „Arbeitsquarantäne“ ihren Feierabend zusammengepfercht in Schlafcontainern und Bruchbuden verbringen dürfen.

So macht die Pandemie ein paar hässliche Seiten des deutschen Wirtschafts- und Wohlstandsmodells sichtbar, die wir sonst lieber nicht wahrhaben wollen. Die Ausbeutung billiger Arbeitskräfte, die auf Zeit ins Land geholt und unter miesen Bedingungen kaserniert werden, hat hierzulande Tradition. An diesem Modell hat sich seit dem ersten westdeutschen „Gastarbeiter“-Anwerbeabkommen“ 1955 und der „sozialistischen Bruderhilfe“ durch vietnamesische, angolanische und kubanische Vertragsarbeiter in der DDR nichts Grundlegendes geändert. Es ist Kern des Verhältnisses zwischen Deutschland und seinen osteuropäischen EU-Partnern – und wird nun zum Brandbeschleuniger der Pandemie.



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