Villach Europas modernstes Chipwerk nimmt Gestalt an: Das Gebäude am Stadtrand von Villach steht, der Reinraum ist fertig. Und in diesen Tagen beginnt Infineon damit, die ersten Geräte einzubauen. Wenn alles klappt wie geplant, wird der Dax-Konzern seine Kunden vom Herbst 2021 an aus der neuen Fabrik in Kärnten beliefern.Infineon treibt den Ausbau seiner Werke weltweit trotz Coronakrise unbeirrt voran. „Wir ziehen alle strategisch wichtigen Bauprojekte durch. Das wird sich nächstes und übernächstes Jahr auszahlen“, sagt Produktionsvorstand Jochen Hanebeck dem Handelsblatt.Das mit Abstand teuerste und wichtigste Vorhaben ist das in Österreich. 1,6 Milliarden Euro steckt Deutschlands größter Halbleiterhersteller in die neue Fabrik, die auf einem bereits bestehenden Infineon-Standort entsteht. Damit will das Unternehmen eines Tages 1,8 Milliarden Euro zusätzlichen Umsatz erzielen – pro Jahr. Das entspricht rund einem Fünftel der derzeitigen Erlöse.Darüber hinaus erweitert Infineon Werke in Ungarn und Malaysia. „Der Halbleitermarkt ist gesund. Wir sind darüber hinaus in Bereichen aktiv, die besonders hohes Wachstum versprechen“, begründete Hanebeck die Investitionen mitten in der Corona-Pandemie.Die rege Bautätigkeit ist eine Wette auf eine bessere Zukunft, die offenbar bereits begonnen hat. Denn das Technologie-Unternehmen spürt den Aufschwung nach zuletzt eher schwierigen Monaten. „Die Lage hat sich merklich verbessert im vierten Quartal“, erklärt Hanebeck. Das Geschäftsjahr von Infineon ist am 30. September zu Ende gegangen. „Die Autoindustrie kommt besser durch die Krise als erwartet, China ist stark unterwegs, und auch in Europa und den USA geht es aufwärts.“Infineon profitiert vor allem vom Boom der Elektroautos und liefert unter anderem Chips für Volkswagen und dessen Hoffnungsträger ID.3 und ID.4. Mit der ID-Modellfamilie will VW die Konsumenten endlich zum Umstieg auf Elektroautos bewegen und gleichzeitig dem Strom-Pionier Tesla Paroli bieten. Der Branchenverband ZVEI erwartet, dass der Chipverbrauch pro Auto von derzeit 560 Dollar auf 710 Dollar in vier Jahren steigt. Das liegt nicht zuletzt am Elektroantrieb. Damit steht Infineon in einem auffälligen Gegensatz zu zahlreichen anderen Automobilzulieferern, für die der Niedergang des Verbrennungsmotors vor allem eine Bedrohung darstellt.

Chipfertigung von Infineon in Villach
Infineon-Werk in Villach: Der Chipkonzern steckt 1,6 Milliarden Euro in ein neues Werk in Kärnten. Die Produktion soll nächsten Herbst beginnen.

(Foto: Bloomberg)

Die gute Geschäftslage wirkt sich auf die bestehenden Infineon-Fabriken aus: Die seit Frühjahr geltende Kurzarbeit an den wichtigen Standorten in Villach und Dresden hat Infineon bereits im Sommer beendet; auch in Warstein sind die Beschäftigten inzwischen wieder zur Regelarbeitszeit zurückgekehrt. In Regensburg soll es Ende Oktober so weit sein. Der Konzern stellt sogar ein: Rund die Hälfte der in Villach geplanten 400 neuen Fabrikjobs hat Infineon schon besetzt.Vorstandschef Reinhard Ploss braucht die neuen Kapazitäten, wenn er seine Versprechen an die Investoren einhalten will: Langfristig soll Infineon im Schnitt neun Prozent Umsatzplus pro Jahr erzielen, deutlich mehr, als Experten für die gesamte Branche erwarten. Das geht nur, wenn er massiv investiert. Zudem verspricht er künftig eine operative Marge von 19 Prozent. Das ist mehr, als der Konzern in den vergangenen Jahren erzielt hatte.

Ein Ebenbild der Fabrik in DresdenDazu muss Ploss die Maschinen wirtschaftlicher als bisher betreiben. Das neue Werk in Villach wird daher ein Ebenbild der bestehenden Fabrik in Dresden. „Das erlaubt uns, flexibel Volumina hin- und herzuschieben“, sagt Produktionsvorstand Hanebeck. Etwa 400 Anwendungen müssen dazu synchronisiert werden.Natürlich ist auch Infineon nicht ungeschoren durch die Coronakrise gekommen. Im Frühjahr musste Ploss zweimal die Prognose zurücknehmen. Bereits im August hob der Konzernchef die Vorhersage aber wieder leicht an. Ploss rechnet für das gerade beendete Geschäftsjahr mit einem Umsatz von 8,5 Milliarden Euro und einer operativen Marge von 13 Prozent.Die Zahlen sind allerdings schwer zu vergleichen mit dem Vorjahr. Zuletzt kam der Konzern auf rund acht Milliarden an Erlösen und eine Marge von gut 16 Prozent. Doch im Frühjahr übernahmen die Münchener den US-Konkurrenten Cypress, seit 16. April fließen die Ergebnisse der Amerikaner ins Zahlenwerk von Infineon mit ein. Mit neun Milliarden Euro war es die größte Übernahme der Firmengeschichte.Infineon schmerzte im soeben zu Ende gegangenen Geschäftsjahr vor allem, dass viele Maschinen nur mit halber Kraft liefen. So müsse der Konzern sogenannte Leerstandskosten von 600 Millionen Euro schultern, warnte Ploss im Sommer, etwa viermal so viel wie in einem normalen Geschäftsjahr.Die Börse störte das zuletzt nicht, die Anleger betrachten Infineon schon länger positiv. Im vergangenen halben Jahr ist der Kurs der Aktie um fast 80 Prozent in die Höhe geschossen. Auch die Analysten sehen den Konzern wohlwollend. Infineon und auch der Konkurrent ST Microelectronics würden weiterhin vom beschleunigten Trend hin zu Elektrofahrzeugen profitieren, urteilte jüngst UBS-Analyst Patrick Hummel.Die aktuellen Marktbedingungen erschienen insgesamt solide, so Analyst Alexander Duval von Goldman Sachs. Es laufe aber nicht überall rund: Das Geschäft mit der Autobranche werde stärker, mit der Industrie sei es durchwachsener.Infineon geht mit dem Neubau in Villach trotzdem ein Wagnis ein. Einerseits wetten die Münchener darauf, dass der Umsatz kräftig steigt. Nur dann können sie die teuren Maschinen an dem teuren Standort auslasten. Andererseits müssen sie ohne staatliche Subventionen auskommen – im Gegensatz zu Wettbewerbern in vielen anderen Regionen der Erde. Daher ist es zwingend geboten, den technischen Vorsprung zu halten, um die Chips überhaupt profitabel verkaufen zu können.Villach als neutraler StandortInfineon hat Jahre vor der Konkurrenz damit begonnen, seine sogenannten Leistungshalbleiter auf 300 Millimeter großen Scheiben zu produzieren. Standard waren zuvor 200 Millimeter. Das hat den Konzern Milliarden gekostet, nun zahlt sich das nach Ansicht von Produktionsvorstand Hanebeck aber aus: „Wir haben Größenvorteile, und die sind das A&O in der Halbleiterindustrie.“ Wettbewerber wie ST und ON Semiconductor würden jetzt gerade erst nachziehen.Villach hat Charme für Infineon, liegt es doch quasi auf neutralem Grund: China und die USA kämpfen um die technologische Vorherrschaft, mit einer Fabrik in Österreich muss sich der Halbleiterhersteller auf keine Seite schlagen.Noch etwas spricht für den Alpenstandort: Der Bau schreitet genau wie geplant voran, trotz Corona. Selbstverständlich ist das nicht. Immerhin mussten die Arbeiter in den vergangenen Wochen 1500 Kilometer Kabel und Rohre verlegen.Mehr: Nvidia wird zur neuen Macht in der Chipindustrie.
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