Der Besuch kam ungebeten und in aller Frühe. Am Dienstag vergangener Woche durchsuchten Beamte der Steuerfahndung und des Landeskriminalamtes Berlin die Villa von Arafat Abou-Chaker im brandenburgischen Kleinmachnow, unterstützt von einem Spezialeinsatzkommando. Dass die Razzia während des laufenden Prozesses gegen den Berliner Clanchef und drei seiner Brüder erfolgt ist, war möglicherweise nicht die beste Idee – das räumt vor dem Landgericht Berlin an diesem Mittwoch auch die Oberstaatsanwältin ein. Geht es nach den Verteidigern Abou-Chakers, dann kann der Prozess nicht fortgesetzt werden. Abou-Chakers Recht auf ein faires Verfahren sei irreparabel verletzt worden, monieren die Anwälte. Sie beantragen, das Verfahren nach Paragraf 260 (3) der Strafprozessordnung durch Urteil einzustellen.
Seit August muss sich Arafat Abou-Chaker, 44, wegen versuchter schwerer räuberischer Erpressung, Freiheitsberaubung, gefährlicher Körperverletzung und weiterer Vorwürfe vor Gericht verantworten. Er soll den Rapper Bushido eingesperrt, bedroht und geschlagen haben.Nach Darstellung des Verteidigers Martin Rubbert haben die Steuerfahnder aus Abou-Chakers Villa einen Aktenordner mit “Verteidigungsunterlagen” mitgenommen und handschriftliche Notizen fotografiert, die der Clanchef sich während Bushidos Zeugenaussage gemacht hat. Arafat Abou-Chaker soll die Beamten darauf aufmerksam gemacht haben, dass sie derartige Dokumente nicht beschlagnahmen dürften, da sie seiner Verteidigung dienten. Die Fahnder sollen sich davon wenig beeindruckt gezeigt haben. 

Die Oberstaatsanwältin nennt es “sehr unglücklich”, dass die Razzia nicht schon vor Beginn der Hauptverhandlung, sondern während des Prozesses erfolgt ist. Unglücklich ist auch der Vorsitzende Richter. “Ich habe hier in der Tat ein paar Bauchschmerzen”, stellt er fest. Die Razzia bringt die Pläne des Gerichts durcheinander. Anis Ferchichi alias Bushido, 42, ist Nebenkläger und wichtigster Zeuge im Prozess. Am Mittwoch sollte er eigentlich seine Aussage fortsetzen. Schon seit mehreren Verhandlungstagen berichtet er vor Gericht, wie er Arafat Abou-Chaker kennengelernt hat, welche Geschäfte sie zusammen gemacht haben und wie es letztlich zur Trennung gekommen sei. 

An diesem Tag jedoch muss Bushido nicht über die Vergangenheit, sondern über die Gegenwart sprechen. Wie war das genau am 22. September 2020, dem Tag der Razzia? Warum war sein Anwalt am Ort des Geschehens? Warum Journalisten? Und warum hatten die Steuerfahnder einen Haustürschlüssel für Bushidos Villa, die neben Abou-Chakers Villa auf demselben Grundstück steht? Gegen Bushido läuft ein Ermittlungsverfahren wegen Steuerhinterziehung. Er berichtet, dass er am 10. September eine Mail von einem Beamten der Steuerfahndung bekommen habe. Der Beamte habe gefragt, ob sie sich in seinem Haus in Kleinmachnow umsehen dürften. Am 14. September habe er den Steuerfahndern seinen Haustürschlüssel vorbeigebracht. Er habe den Beamten auch mitgeteilt, dass er nie in der Villa gewohnt habe. Die Beamten wollten sich dort trotzdem umsehen. 

Bushido sagt, er habe nicht gewusst, wann genau der Einsatz erfolgen sollte. Ihm sei auch nicht mitgeteilt worden, dass zeitgleich Abou-Chakers Villa durchsucht werden soll. Von der Razzia habe er “aus der Presse” erfahren, als sie schon begonnen habe. Er habe dann seinen Anwalt angerufen und ihn gebeten, nach Kleinmachnow zu fahren, um dabei zu sein, wenn die Steuerfahnder in seinem Haus sind. Er habe vor der Steuerfahndung nichts zu verbergen, sagt Bushido”Wenn die Steuerfahndung fragt, dann geben Sie einfach Ihren Schlüssel raus?”, fragt die Beisitzende Richterin. “Wenn die Steuerfahndung fragt? Ja, auf jeden Fall”, sagt Bushido. Er habe nichts zu verbergen. Außerdem sei es angenehmer, wenn die Beamten mit einem Schlüssel ins Haus kämen, als wenn er hinterher eine neue Tür bezahlen müsse. Die Verteidigung wittert ein Komplott und spricht von einer “Inszenierung vor den Augen von Funk und Fernsehen”. Die Steuerfahndung informiere Bushido über eine anstehende Durchsuchung, Journalisten seien zeitnah zum Beginn der Razzia in Kleinmachnow. Verteidiger Hansgeorg Birkhoff legt nahe, dass das alles kein Zufall sein könne. “Die Frage ist”, sagt er: “Was spielt sich eigentlich im Hintergrund dieses Verfahrens ab?””Dass wir das aufklären müssen, ist unstreitig”, sagt der Vorsitzende Richter. Am nächsten Verhandlungstag will das Gericht eine Beamtin der Steuerfahndung hören. Eine Entscheidung über den Antrag der Verteidigung, den Prozess zu beenden, steht noch aus.
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