Um Einwänden direkt vorzubeugen: Natürlich ist die Aussagekraft der Tabelle nach drei Bundesliga-Spieltagen überschaubar. Und doch: Die Tabelle spiegelt bereits jetzt neue Kräfteverhältnisse innerhalb der Liga wider.
Da wären die Klubs ganz oben: Neben Tabellenführer RB Leipzig findet man dort auch Vereine, die vor wenigen Monaten noch am Ende der Tabelle zu Hause waren. Der FC Augsburg etwa auf Platz zwei. Eintracht Frankfurt als Dritter ist auch so ein Beispiel.Ganz unten steht hingegen ein Team, das zum Inventar der Liga gehört. Trotz einer historisch frühen Trainerentlassung befindet sich Schalke 04 weiterhin am Ende der Tabelle – und wird dort gemeinsam mit Leidensgenosse Mainz 05 so schnell auch nicht wegkommen. Bayern, Dortmund, Leipzig als die Spitzenteams: Das bleibt unangetastet. Dahinter jedoch verschieben sich langjährige Hierarchien. Unsere vier Erkenntnisse des Spieltags:

Erste Erkenntnis: Schalke ist ein KellerkindLeipzig gegen Schalke – das war ein Klassenunterschied. 4:0, und das war aus Leipziger Sicht noch gnädig. Schalkes Verantwortliche weisen immer darauf hin, dass ein eingetragener Verein nicht mit einem Konstrukt wie RB mithalten kann. Die haben seit ihrer Gründung Transferausgaben von 370 Millionen Euro getätigt.Dass Schalke jedoch im gleichen Zeitraum ebenfalls 300 Millionen Euro investiert hat, macht die sportliche Differenz zwischen den beiden Teams eher erschreckender. Schalke hat sich in den vergangenen Jahren derart verkalkuliert, dass an Spielerkäufe in Covid-Zeiten gar nicht zu denken ist.

So muss der neue Trainer Manuel Baum mit dem Personal arbeiten, das an den ersten beiden Spieltagen bereits acht Gegentore kassiert hat. Sein Versuch, mit einem 5-4-1-System das Team defensiv zu stabilisieren, funktionierte allenfalls in den ersten Minuten.Besonders auf den Flügelpositionen kann Baum allenfalls die vorhandenen Mängel verwalten. Mit Alessandro Schöpf stellte Baum einen neuen Rechtsverteidiger auf. Er wirkte defensiv gegen Leipzigs Angelino ähnlich verloren wie Sebastian Rudy an den ersten beiden Spieltagen der Saison.Im direkten Aufeinandertreffen wurde den Schalker Fans noch einmal schmerzlich bewusst, wie weit ihr Klub mittlerweile von den Spitzenteams entfernt ist. In der Vorsaison siegte Schalke in Leipzig im Übrigen noch 3:1. Das scheint ewig her.

Zweite Erkenntnis: Augsburg ist das neue SchalkeIn der Bundesliga-Hierarchie müssen sich die Schalker mittlerweile auch hinter dem FC Augsburg einreihen. Jenem Verein also, der seit seinem Bundesliga-Aufstieg 2011 jede Saison zu den Abstiegskandidaten zählt. Der FC Augsburg, das ist der frühere Klub des jetzigen Schalke-Trainers Manuel Baum.Interessant ist, dass der FCA mittlerweile für manche Spieler attraktiver ist als der FC Schalke. Zum Beispiel für Daniel Caligiuri. In Gelsenkirchen fühlte sich der Flügelläufer stets unterbewertet. Augsburg gab ihm die gewünschte Wertschätzung – und ein Gehalt, das Schalke nicht zahlen wollte, beziehungsweise konnte.

Die fußballerische Perspektive dürfte den Deutsch-Italiener kaum in den Süden geführt haben. Der FCA tritt genauso defensiv auf, wie dies Schalke in den vergangenen Jahren tat. Kompakt stehen, dem Gegner den Ballbesitz überlassen, das Zentrum mit zwei dichten Viererketten schließen: Mit diesem Fußball will der FC Augsburg auch in diesem Jahr wieder die Klasse halten. Nach drei Spieltagen hat keine Mannschaft weniger Ballbesitz gesammelt als die Augsburger – und kein Team weniger Gegentore kassiert – nämlich lediglich eins.Beim 0:0 gegen Wolfsburg verrichtete Caligiuri wie alle seine Teamkollegen hervorragende Defensivarbeit. Nach drei Spieltagen findet sich Augsburgs Neuling unter den 30 Spielern mit der höchsten Laufdistanz – und damit vor allen Schalker Spielern. Dass sich solch ein Spieler lieber für Augsburg als für Schalke aufopfert, demonstriert ein Stück weit die neue Hierarchie der Liga.Dritte Erkenntnis: Bremen bleibt untenBetrachtet man die nackten Ergebnisse, ist man geneigt, Werder Bremen in der Bundesliga-Hierarchie wieder dort anzusiedeln, wo sie viele Jahre hingehörten: weiter oben. Der 1:0-Erfolg über Aufsteiger Arminia Bielefeld spült die Bremer auf Rang sieben. Erstmals seit über einem Jahr gelang es Werder, zwei Bundesliga-Spiele in Folge zu gewinnen.Schaut man jedoch auf das Wie des Bremer Siegs, lassen sich einige Belege finden für die These: Bremen befindet sich in der Bundesliga-Hierarchie in der unteren Hälfte. Gerade einmal 36 Prozent Ballbesitz sammelten die Bremer gegen Bielefeld – in einem Heimspiel gegen einen Aufsteiger, wohlgemerkt.Was in der ersten Halbzeit noch als clevere Defensivstrategie gegen einen offensiv harmlosen Gegner durchging, mutierte nach der Pause zur Farce. Die Arminia spielte Pass um Pass und kam dem Bremer Strafraum immer näher. Am Ende rettete Werders Torhüter Jiri Pavlenka den Sieg.Erneut stach besonders Bremens offensive Harmlosigkeit hervor. Sie spielten Konterfußball, ohne einen einzigen vernünftigen Konter zu setzen. Die Angreifer hingen in der Luft. Florian Kohfeldt bricht sein Versprechen, den typischen Bremer Offensivfußball der Ära Thomas Schaaf zurückzubringen. Derzeit spielt Werder eher wie in den dunklen Jahren nach Schaaf.Wie tief Werder in den vergangenen Jahren gesunken ist, unterstreicht ihre Aktivität auf dem Transfermarkt: Mit Kapitän Davy Klaassen (zu Ajax Amsterdam) und Stürmer Milot Rashica (wahrscheinlich zu West Ham United) muss Werder gleich zwei Hochkaräter verkaufen. Nicht etwa vorrangig, um selbst auf dem Transfermarkt tätig zu werden; laut “Weser-Kurier” sind die Verkäufe nötig, um in den kommenden Monaten liquide zu bleiben. Das ist die neue Werder-Realität.

Vierte Erkenntnis: Leipzigs neue StrukturBereits nach drei Spieltagen befindet sich RB Leipzig dort, wo sich der Verein seit seiner Gründung vor elf Jahren sieht: ganz oben. In Leipzig dürften sie mit großer Erleichterung feststellen, dass ihr Offensivspiel auch ohne Timo Werner funktioniert. Nagelsmann versucht gar nicht erst, den zu Chelsea abgewanderten Nationalstürmer eins zu eins zu ersetzen. Stattdessen spielte der Spanier Dani Olmo im Sturm; kein Strafraumwühler, sondern eher ein Angreifer der Marke falsche Neun.Die Beweglichkeit der Offensivspieler war das große Plus der Leipziger. Schalkes neu formierte Fünferkette kam gar nicht hinterher, als Olmo mit Emil Forsberg und Christopher Nkunku die Positionen tauschte. Zum 4:0-Sieg benötigte Leipzig die Dienste des neu verpflichteten Strafraum-Stürmers Alexander Sørloth gar nicht.Eine weitere Erkenntnis aus RB-Sicht: Sie können ein Spiel dominieren. Bereits beim 3:1-Sieg am ersten Spieltag gegen Mainz überzeugten sie im Ballbesitzspiel. Diese neue Facette hat Nagelsmann nach Leipzig gebracht – und könnte helfen, konstant gegen die Kellerkinder der Liga zu punkten. Wie es ein Topteam eben tun muss.
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