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Breaking News 24/24 7/7 Nachrichten Mitteilungen Risikopatientin: “Habe Panik davor, wann die Schule wieder losgeht”

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Soll ich Abstand zu meinem Kind halten?: Risikopatientin: “Seit ich weiß, wann die Schule wieder losgeht, habe ich Panik”

Viele Eltern sehnen die Öffnung der Schulen herbei. Andere, wie Hanna Offner*, haben schlaflose Nächte. Die 49-Jährige leidet an einer Autoimmunerkrankung und fürchtet, das Virus könnte über ihren 14-jährigen Sohn vom Klassenzimmer zu ihnen nach Hause geschleppt werden.

Eigentlich wollten wir im März noch zum Skifahren, aber dann rief mein Bruder an, der mit seiner Familie vorgefahren war: „Ganz in der Nähe, in Ischgl, haben sie alles dicht gemacht. Ich glaube nicht, dass ihr noch zu kommen braucht.“Wie so viele begann ich mir Gedanken zu machen: Wie würde das wohl alles weitergehen? Insgesamt? An mich speziell oder an meinen 14-jährigen Sohn Tim habe ich weniger gedacht. Dass ich wegen meiner Autoimmunerkrankung, eine Auto-Immun-Hepatitis Risikopatienten bin, war mir zunächst nicht klar.Die Diagnose habe ich vor zehn Jahren bekommen, Tim war viereinhalb damals. Schon länger hatte ich gesundheitliche Beschwerden gehabt: Die Schilddrüse spielte verrückt, die Gelenke taten weh und meine Hände wurden manchmal plötzlich so kalt. Meinen Arzt, die das Ganze jahrelang abgetan und behauptet hatte, ich solle weniger Alkohol trinken, hätte ich eigentlich längst wechseln müssen.Erst eine Vertretung schöpfte schließlich Verdacht und leitete entsprechende Untersuchungen ein. Sie erklärte, was bei mir im Körper passiert und mit was für Folgeerkrankungen ich zu rechnen hätte.
Spannend, aber gerade keine Zeit?

Habe meine Krankheit Tim gegenüber runtergespieltTim gegenüber habe ich das Ganze runter gespielt. Solange ich die Medikamente nehme ist alles gut, habe ich gesagt. Kinder aber sind wie Seismographen. Vermutlich hat Tim gemerkt, was meine größte Sorge war und ist. Nämlich: Was wäre mit ihm, wenn mir als alleinerziehender Mutter etwas zustößt?Das Verhältnis zu meinem Exmann und Tims Vater war lange ziemlich angespannt. Mit meinen Schwiegereltern hat es nie wirklich funktioniert. Meine eigenen Eltern sind schon lange tot und meine Stiefmutter ist vor allem mit sich selbst beschäftigt. Das alles erklärt vielleicht, weshalb Tim schon als kleiner Junge Verlustängste entwickelt hat: Ihm war klar, da gibt’s die Mama und wieder die Mama und niemanden sonst.Entsprechend anhänglich war er. Mal bei einem Freund übernachten? No way. Die Mama mal was für sich machen lassen? Auch nicht. Lange konnte ich nur für den Job und wenn Tim in der Betreuung war aus dem Haus.Aber dann, vor drei oder vier Jahren, spürte ich, wie sich etwas veränderte. Wie Tim Vertrauen ins Leben fasste. Hatte er das mit meiner Diagnose verarbeitet?Runterspielen ging nicht mehrEs schien so – bis Corona kam. Blitzartig scheinen nun die alten Ängste wieder da. Angespannt wirkt Tim, besorgt, das Virus scheint bei ihm was zu triggern. Vom Radiobeitrag, den ich kurz nach Beginn des Lockdowns gehört habe, habe ich ihm bis heute nichts erzählt. Von Autoimmunerkrankungen war da die Rede und zum ersten Mal habe ich in diesem Zusammenhang das Wort „Risikogruppe“ gehört.In diesem Moment ist alles, was ich bis dahin wohl wie weggedrückt habe, plötzlich in mir aufgebrochen. Dieses Virus, das zunächst weit weg in China schien, dann in die Skigebiete kam, das schließlich die Schule dicht gemacht und mich ins Homeoffice getrieben hat – alles reine Vorsichtsmaßnahmen, redet man sich ein – schien auf einmal direkt vor unserer Haustür zu stehen.Runterspielen wie bislang, nach dem Motto „Vogelgrippe, Schweinegrippe… ist ja auch alles wieder weggegangen“, ging nicht mehr.Tim wollte sichergehen, dass ihm niemand zu nah kommtZum Glück waren wir bislang so konsequent gewesen, das war mein erster Gedanke. Komplett auf Besuch hatten wir seit Beginn des Lockdowns verzichtet und niemanden, aber auch wirklich gar niemanden getroffen, nicht mal seinen Vater, mit dem es zwischenzeitlich wieder mehr Kontakt gibt.Seit acht Wochen sind wir praktisch nur für uns und praktisch nur drinnen. Nur zwei Ausnahmen gibt es: Tim, der ziemlich sportlich und im Tischtennisverein ist, braucht Bewegung. Da wir auf dem Land leben, geht er einmal am Tag joggen, an den Feldern entlang – allein. Und dann ist da noch das Einkaufen, einmal die Woche. Entweder früh am Morgen, wenn die Läden aufmachen oder abends, kurz vor der Schließung gehe ich los. Auch allein.Nur einmal war Tim mit. Es herrschte noch keine Maskenpflicht zu der Zeit, aber trotzdem waren wir entsprechend ausgestattet. Als die beiden einzigen weit und breit. Das sieht bescheuert aus, sagte Tim. Du kannst sie auch abnehmen, sagte ich.Er schüttelte heftig den Kopf: Auf keinen Fall! Als er das Leergut in den Flaschenautomaten schob, bemerkte ich seine Unsicherheit. Ständig drehte er sich um, wollte wohl sicher gehen, dass ihm niemand zu nah kommt.Es klingt, als wollte er mich entlastenNie vergesse ich das Gespräch, das wir am selben Abend geführt haben. Ich habe gehört, es gibt Risikogruppen, sagte Tim. Ich versuchte, das Gespräch in Richtung Lehrer und gefährdete Schüler zu drehen. Ja, aber du hast doch auch eine Krankheit, hörte ich auf einmal. Ja, aber keine Lungenkrankheit… druckste ich herum. Themenwechsel. Nicht aus Ignoranz, sondern weil Tim sich nicht unnötig sorgen soll.Natürlich habe ich mich oft gefragt, wie sich die Corona-Isolation für einen 14-jährigen anfühlt. So ganz ohne Freunde, ohne Geschwister, nur mit der Mama zu sein. Wir leben in einer Wohnung auf einem Bauernhof, um uns gibt es nichts als Wiese, Wald, Natur.Das geht schon klar so, sagt Tim oft. Ein bisschen klingt es, als wollte er mich entlasten. Machen wir da kein großes Thema draus, sagte ich mir, lassen wir das mal so stehen, wir können ja sowieso nichts an diesem Zustand ändern. Für den Moment.War es naiv, davon auszugehen, dass bis zu den Sommerferien alles so weiterlaufen würde? Auf Bildungsexperten und Politiker zu vertrauen, die sagten: Das Schuljahr ist gelaufen?

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Und was ist, wenn Eltern gefährdet sind?Wir leben in Nordrhein-Westfalen, einem Bundesland, das früh In die Ferien startet. Wegen ein paar Wochen werden die ja wohl nichts riskieren, dachte ich mir.Mehr so aus Interesse habe ich mir dann im Internet eine Sitzung des Schulausschusses des Landes NRW angesehen. Schnell wurde klar, dass ich falsch gelegen hatte. Dass auch und gerade schulisch die so genannte rasche Rückkehr zur Normalität das alles bestimmende Thema ist.Als der 26. Mai als Stichtag genannt war, waren neben allgemeinen Hygienevorschriften dann auch die Risikogruppen Thema. Allerdings ausschließlich in Bezug auf Lehrer und Schüler. Auch in einer Online-Sitzung der Landeselternschaft integrierter Schulen in NRW (LEiS), war das ein Thema. Eine Politikerin aus dem Schulausschuss war zu Gast. Man konnte Fragen stellen.Und was ist, wenn Eltern gefährdet sind? meinte ich. Die Antwort einer Landtagsabgeordneten – „dann müssen Sie entweder Abstand zu ihrem Kind halten oder aber sie holen sich ein Attest beim Arzt“ – machte mich fassungslos. Ob eine Öffnung der Schulen für gerade mal vier verbleibende Wochen bis zu den Ferien überhaupt Sinn macht? Ob das Risiko hier nicht größer ist als die Chance? Das schien niemanden in der Runde zu interessieren.Möchte nicht, dass er sich Vorwürfe machtDie Panik kam gleich in der ersten Nacht danach: Um drei wurde ich wach, konnte nicht mehr einschlafen. Seit Wochen geht das nun so. Ich habe mich schlau gemacht und weiß, dass es möglich ist, beim Schulamt einen Antrag auf Schulbefreiung für Tim zu stellen.Was möchtest du denn? fragte ich ihn. Ich fühlte, wie hin- und hergerissen er war. Ich will nicht, dass du krank wirst, sagte er. Und dann, ein wenig zögerlich: Meine Freunde würde ich nach so langer Zeit schon auch ganz gerne mal wieder sehen…Kurz darauf teilte die Schule auch schon mit, wie der so genannte Präsenzunterricht aussehen würde. Erst dachte ich, die Info mit einmal wöchentlich drei Stunden sei ein Witz. War es aber nicht.Dass Kinder in diesem zeitlichen Rahmen irgendetwas mitnehmen, wage ich zu bezweifeln. Irgendetwas Schulisches. Andererseits weiß ich natürlich, dass Lernstoff nicht alles ist. Und dass das auf Dauer nicht gesund ist, wenn die Welt eines 14-jährigen nur zu Hause bei der Mama spielt.Für mich ist es okay, wenn du gehst, habe ich schließlich gesagt. Ich will, dass Tim weiß, dass die Entscheidung bei mir liegt, nicht bei ihm. Ich möchte nicht, dass er sich Vorwürfe macht, sollte nachher wirklich was sein.Das „geh weg“ hat er schon trainiert Gemeinsam haben wir durchgesprochen, wie er sich schützen kann. Er wird einen Mundschutz tragen und penibel auf Abstand achten. Das „geh weg“, wenn ihm wer zu nahe kommt, hat er schon mit mir trainiert. Zusätzlich haben wir vereinbart, dass er mich eine Zeit lang nicht küssen wird, wie sonst zur Begrüßung oder zum Abschied. Tim ist ein Teenager, aber keiner, der sowas uncool findet.Mitten auf meinem Mund landen seine Schmatzer oft. Und wenn es nur das wäre… Auch in den Arm nehmen sollten wir uns besser nicht, wenn wieder Schule ist, sagte ich. Klaro, höre ich ihn noch sagen. Aber ich weiß: Die Zeit wird hart, auch für ihn, den Kuschelbären. Jedoch: Würden wir uns anders entscheiden, wäre es auf eine andere Art ebenfalls schwer. Für Tim. Und für mich als eine Mutter, die ihr Kind nicht unglücklich sehen will.Also spiele ich das Risiko runter. Spiele runter, dass der Schulbetrieb nach den Sommerferien vielleicht, wie manche fordern, wieder ganz normal weitergeht. Blende aus, dass Tims Vater Diabetiker ist und seine neue Frau an Krebs erkrankt. „Es wird uns schon nicht alle auf einmal treffen“, tröste ich mich oder „wird schon gut gehen“. Ich versuche dabei, nicht an den „asbach uralten“, mit Kaugummi verklebten Teppich zu denken, der im gesamten Schulhaus ausliegt.Der freut sich bestimmt über die Viren, die kommen, habe ich an die Schule und auch an die Stadt geschrieben. Der Teppich birgt im Rahmen der Hygienemaßnahmen keine Einschränkungen oder Risiken, bekam ich als Antwort.Man möchte lachen über sowas, wäre es nicht so ernst. Stünden da nicht Menschenleben auf dem Spiel!*Name geändert
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