In Berlin gibt es mitten in der Pandemie unzählige Partys. Noch sind sie legal. Doch das Bundesland ist Spitzenreiter bei den Neuinfektionen. Haben die Partygänger kein schlechtes Gewissen?

Plötzlich ist die Musik aus. Die gerade noch zum Takt der Techno-Beats wippende Menge stoppt abrupt. “Leute! Es ist verdammt wichtig, dass ihr die Regeln einhaltet. Wir können das hier nur fortsetzen, wenn wirklich jeder eine Maske trägt! Und geht bitte alle einen Schritt auseinander”, schallt die Stimme des DJs aus dem Lautsprecher. Er wartet, bis die Menge sich zögerlich auseinanderbewegt.

Die Szene wiederholt sich noch ein paar Mal in der Nacht. Einmal wird der DJ sogar sehr ärgerlich, da immer wieder dieselbe Gruppe Menschen ihre Masken absetzt – nicht nur, um kurz frische Luft zu bekommen, sondern dauerhaft. Sollte das noch einmal vorkommen, würden sie des Platzes verwiesen, heißt es. Das wirkt. Ab jetzt geht die Musik nicht mehr aus.

Legal: Unzählige Partys in Deutschlands Hauptstadt

Berlin ist Partyhauptstadt Nummer eins. Auch während der Corona-Krise ist die Millionenmetropole der “Place to be” für Clubgänger. Während in allen anderen Städten Deutschlands Open-Air-Veranstaltungen nahezu komplett untersagt sind, können hier die Tanzwütigen von Freitag bis Sonntag auf extra bereitgestellten Flächen und in den Außenbereichen der Clubs durchmachen.

“Haselhorst13”: Bei dem Open Air in Spandau wird genau auf die Einhaltung der Corona-Regeln geachtet. (Quelle: privat)

Auch Felix steht am Samstag – einige Stunden bevor die Musik auf der Tanzfläche ausgehen wird – mit seinen Freunden in der Schlange der Open-Air-Techno-Party “Haselhorst13” in Berlin Spandau an. Eine Mitarbeiterin läuft mit Maske die lange Warteschlange entlang, ermahnt die Gäste, den Abstand zu fremden Gruppen und auch den eigenen Freunden einzuhalten und bitte immer die Masken aufzulassen. Felix findet: “Die Partys dauerhaft zu verbieten, wäre nicht richtig. Die illegalen Raves ohne Hygienekonzept oder Listen haben ja trotzdem stattgefunden. Das finde ich viel schlimmer als das, was zum Beispiel hier beim ‘Haselhorst13’ passiert. Jeder trägt eine Maske, es wird auf Abstand geachtet, es gibt genug Platz.”

Techno-Partys mit Abstand – ist das möglich?

Doch trotzdem steigen die Corona-Neuinfektionen in Berlin, besonders 20- bis 35-Jährige sind betroffen. Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci führt die vielen Neuinfektionen auch auf die Feiern in Clubs zurück. Lutz Leichsenring, Pressesprecher der Berliner Clubcommission, widerspricht. Er sagt t-online, er finde es unfair, dass die organisierten Open-Air-Veranstaltungen mit privaten und illegalen Partys vermischt werden: “Man sollte unsere durchdachten Events nicht in einen Topf werfen mit den illegalen Privatveranstaltungen ohne Konzept. Die niedrigen Zahlen der Ansteckungen in den Clubs zeigen, dass wir das sehr gut im Griff haben.”

Bereits der Einlass erfolgt nach strengen Regeln: Zuerst mussten sich Felix und die anderen Gäste online registrieren, am Eingang kommen sie nur mit Ausweis herein und danach müssen sie erneut ein Formblatt ausfüllen. 

“Einerseits ist es purer Egoismus”

Felix ist froh, hier sein zu können. Doch ihn plagt auch das schlechte Gewissen: “Man muss natürlich die Balance zwischen Solidarität mit der Gesellschaft und seinem eigenen Spaß finden. Auf der einen Seite ist das hier purer Egoismus, aber wenn man wirklich vorsichtig ist und sich an die Regeln hält, kann es funktionieren.”

Drinnen angekommen erstreckt sich ein weites Gelände auf einer Waldlichtung. An der Bar, den Toiletten und den beiden Tanzflächen sind Schilder angebracht, die freundlich daran erinnern, Abstand zu halten: “Besondere Zeiten, besondere Regeln – bitte kein Gruppenkuscheln” steht auf einem. Noch verteilen sich die Gäste auf den Tanzflächen mit genügend Abstand – und Masken.

Auch Tanja ist hier als Besucherin. Sie habe – anders als Felix – kein schlechtes Gewissen, dass sie mit bis zu 1.000 anderen Menschen zusammen feiert. “Es gibt mir ein Gefühl von Gemeinschaft und Freiheit zurück. Und da gerade die Freiheit in vielen Bereichen durch Corona deutlich eingeschränkt ist, kann ich sie hier wieder erleben. Es ist mein Ausgleich zum Alltag, der durch das Virus aus vielen Verboten besteht. Ich fühle mich deswegen nicht schuldig.”

Der Verzicht fällt vielen zu schwer

Anastasia fühle sich trotz Regeleinhaltung dagegen unwohl, da sie ihre Bedürfnisse über die der Gesellschaft stellt. “Vor allem vor Kollegen oder Mitmenschen fühle ich mich schlecht. Aber der Spaß überwiegt, sorry Leute”, gibt sie schuldbewusst lächelnd zu. Als die Sonne aufgeht und das Gelände in ein sanftes Morgenlicht taucht, wiegen nur noch wenige Menschen auf den beiden Tanzflächen hin und her.

Anastasias Kumpel Pascal findet, dass Techno-Clubbing und Tanzen nicht nur stumpfe Feierei sei, sondern viel mehr als das: “Es ist Austausch mit Gleichgesinnten, man kann frei sein und muss nicht der Norm des Alltags entsprechen. Dauerhafter Verzicht ist nicht möglich. Das mag trotz Corona verantwortungslos klingen, aber wenn man sich die inzwischen entstandenen Hygienekonzepte anschaut, kann es funktionieren. Die Kulturszene hat am meisten gelitten, sie sollte diese Chance bekommen.”

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