Düsseldorf Flughafen, Anfang September: Wir sind viel zu früh dran. Die Halle ist fast menschenleer, und auch vor dem Check-in reiht sich nur eine minimale Schlange. Nach zehn Minuten ist alles erledigt, was sonst eine Stunde dauerte, und auch der Securitycheck läuft in Minuten.
“Dann lass uns noch was essen gehen”, sagt Fiona, aber das erweist sich als schwierig. Fast alle Läden sind geschlossen, nur ein vermeintlicher “Streetfood”-Stand hat im Abflugbereich geöffnet. Gegessen wird im Wartebereich, wo die Masken fallen.Die Stewardessen klingen wie Schallplatten mit SprungEs fühlt sich nicht gut an. Uns ist mulmig, und das wird nicht besser. Im Flieger ist jeder einzelne Platz besetzt. Es ist ein Covid-Albtraum, da gibt es nichts schönzureden. Das Geseier über optimale Klimaanlagen in Fliegern ist ein sedativ gemeinter Witz. Man sitzt 40 Zentimeter hinter und vor jemandem und reibt Schultern mit dem Nachbarn, so ist das und nicht anders. Wer da wirklich sicher vor Ansteckung sitzen wollte, brauchte mindestens eine Taucherausrüstung.

Stattdessen ist der Flieger voller Vollpfosten, die glauben, Gesichtsmasken gehörten unter die Nase oder das Kinn. Die Stewardessen klingen wie Schallplatten mit Sprung: “Würden Sie bitte die Maske aufsetzen?” Es hilft nichts, die Dummen-Quote liegt bei 10-15 Prozent.Ein Jahr zuvor gehörte Fliegen zu meinen Routinen. Es gab Jahre, da kam ich auf fast 100 Starts und Landungen, irgendwann schickte mir Miles & More eine Vielfliegerkarte. Es war wie Busfahren. Mit sieben flog ich ans Schwarze Meer
Dabei war ich Babyboomer in eine völlig andere Welt hineingeboren worden. Meine Großeltern hatten erst gegen 1975 das Konzept Urlaub für sich entdeckt. In den nächsten 25 Jahren fuhren sie vielleicht zehnmal vom Ruhrgebiet ins Sauerland, das war’s. Meine Eltern machten Urlaub mit uns, aber nur ein paarmal: Mit vier saß ich im Sand von Zaandvoort, wir zelteten an der niederländischen Nordsee. Mit zehn ging es zum Wandern an den Neckar, mit zwölf auf einen Bauernhof im Fuldatal, mit dreizehn per Bus an die Costa Brava.
Der spektakulärste meiner fünf Kinderzeiturlaube aber war meine erste Flugreise. 1970 flog uns die rumänische Fluggesellschaft Tarom mit einer russischen Illjuschin, die wahrscheinlich noch aus Kriegsbeständen stammte, ans Schwarze Meer – ich war sieben. Wir schrien uns die ganze Zeit an, weil es so laut war, nach dem Flug war ich komplett traumatisiert. Aber: Die Welt öffnete sich, und alles war ganz anders! Die Nacht war warm, die Luft roch blumensüß und nach zuckrigem Fettgebäck, das arm aussehende Straßenhändler an kleinen mobilen Ständen feilboten. Am Strand konnte man herrlich Quallen sammeln, und manchmal jagte die wie Soldaten bewaffnete Miliz mit dem Jeep Strandhändler über den Sand, die kaum älter waren als ich: Irritierend, aber spannend war das für uns Kinder! Als mein Vater entschied, dass es eine Top-Idee sei, Devisen nachts und schwarz bei irgendeinem Dealer zu tauschen statt in einer Bank des diktatorisch regierten Staates, stand meine Mutter am Hotelfenster und kaute Nägel. Ich fand das alles toll: Es gab so viel zu entdecken, und Urlaub war Abenteuer!

Als die Kinder das Haus verließen, hielt uns nichts mehrWir Babyboomer ahnten da noch nicht, dass wir die Generation Reise sein würden. Zwei Räder, vier Räder, Bus, Bahn, Flieger: Nach und nach wurde alles immer leichter verfügbar und bezahlbar. In den Neunzigern kam Ryanair; endlich konnte Fiona zumindest einmal im Jahr ihre Familie in Irland besuchen. Zehn Jahre weiter hatten sich konkurrierende Billigflieger preislich auf ein Niveau unterboten, das es billiger machte, für das Wochenende nach Barcelona zu fliegen, als einmal mit der Bahn von Köln nach Hamburg zu fahren.

Gerade wir Boomer nutzten das mit wachsender Selbstverständlichkeit. Zwei, drei Kurztrips im Jahr begannen, den einen, großen Sommerurlaub zu ersetzen. Als die Kinder das Haus verließen, hielt uns nichts mehr, die Flüge wurden länger, die Welt immer kleiner.Und dann? Kam Covid.Mit der Entscheidung, trotzdem nach Kreta zu fliegen, haderten wir über Wochen. Ich checkte täglich die Viren-Lage dort: ruhig. Total, völlig, absolut ruhig. Viel, viel ruhiger noch als bei uns.Also packten wir die Koffer. Hinter den Kulissen unseres kleinen Paradieses kollabierte gerade allesVor Ort weitgehende Leere, Engländer mussten nun nach Rückkehr 14 Tage in Quarantäne, bald blieben den Griechen nur noch wir Teutonen. “Ihr Deutschen”, sagte mir eine Händlerin in der Altstadt von Iraklion, “habt uns seit Jahrzehnten unterstützt”. Ich war so baff, dass mir spontan keine angemessen kanzlerhafte Antwort einfiel.Alle waren unglaublich freundlich, jeder kümmerte sich. Die meisten Gäste hatten unser Alter, klar: viele wohl schon Rentner und noch mehr in einer Phase ihres Arbeitslebens, in der sie wenig Probleme haben, im Homeoffice zu arbeiten. Sollte also eine Quarantäne folgen, was soll’s?Auch wir genossen den Aufenthalt – aber hinter den Kulissen des kleinen Paradieses kollabierte gerade alles. Viele hatten schon keinen Job mehr, und viele wussten nicht, ob sie nächstes Jahr noch einen haben würden. Alle fürchteten den Winter, der ihnen nichts bringen wird als staatliche Minimal-Stütze. Frangískos, der sich Frank nennt, bot mir eines Abends an, seine schöne, leere Bar zu kaufen. Ein Scherz, klar. Aber wäre es auch noch einer gewesen, wenn ich Ja gesagt hätte? Covid macht die Dinge wieder engerTourismus und der reisende Lebensstil, an den wir uns so gewöhnt haben, entpuppen sich als potemkinsche Dörfer, das begreifen wir jetzt: Es hat keinen Bestand, keine Stabilität. Unsere mobile Freiheit war ein Glücksfall, eine Gunst der Stunde. Gut möglich, dass das gerade zu Ende geht.Keine Ahnung, ob wir nächstes Jahr wiederkommen könnten oder wollten. Reisen fühlen sich zunehmend an wie der Abschied von unserem liebgewonnenen Lebensstil. Kurz nachdem wir zurück sind, werden große Teile der niederländischen Küste zum Risikogebiet erklärt. In diesem Herbst könnte man noch nicht einmal im Sand von Zaandvoort sitzen.In Rückschau sind die Möglichkeiten in meinem Leben immer nur gewachsen. Covid macht die Dinge nun wieder enger. Reisen ist ein Luxus, das war mir immer bewusst, aber trotzdem hatte ich mich irgendwann daran gewöhnt. Ich hätte nicht gedacht, dass es mir so schwerfällt, darauf zu verzichten. 
Icon: Der Spiegel

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