Ab 2022 sollen in Berlin keine Dieselaggregate mehr produziert werden. 2500 Beschäftigte in Daimlers ältester Fabrik bangen um ihre Jobs. Die IG Metall ist entsetzt.

Daimler-Motorenwerk in Berlin

München Der Autobauer Daimler setzt in seinen deutschen Motorenwerken zum Kahlschlag an. Nachdem am Mittwoch bekannt wurde, dass der Mercedes-Hersteller am Stammsitz in Stuttgart Untertürkheim jede fünfte Stelle streichen will, droht in Berlin Marienfelde wohl noch Schlimmeres. Die 2500 Personen starke Mannschaft in der Hauptstadt soll mehr als halbiert werden, erfuhr das Handelsblatt aus Konzernkreisen. Geht es nach den Plänen des Managements, wird in drei bis fünf Jahren an dem Standort nur noch eine Rumpftruppe übrig bleiben.Der Grund: Wie das Handelsblatt bereits im Juli berichtete, will Daimler die Produktion des V6-Dieselmotors in der Hauptstadt Ende 2021 auslaufen lassen. Ein vergleichbares Ersatzprodukt, das die Beschäftigten vor Ort mehrheitlich mit Arbeit auslasten könnte, ist derzeit nicht vorgesehen. Die Rosskur in Berlin ist Teil eines bereits beschlossenen Sparprogramms, mit dem Daimler die Personalkosten um zwei Milliarden Euro pro Jahr senken will.Die Arbeitnehmervertreter sind entsetzt. Sie fürchten das „Ende des Verbrenners“ in Berlin und den „Ausverkauf“ des Südwerks. Die Gewerkschaft IG Metall spricht gar davon, dass das Daimler-Management den Standort Berlin „rasieren“ will.Michael Rahmel, Betriebsratsvorsitzender in Marienfeld, wettert gegen die Pläne der Geschäftsleitung: „Es macht überhaupt keinen Sinn, ein dermaßen gut etabliertes Werk mit seinem ganzen Know-how gezielt ausbluten lassen zu wollen.“ Er will sich mit allen Mitteln „zur Wehr setzen“.Investitionen auf Minimum reduziertAuch Jan Otto, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Berlin, kündigt Widerstand an. „Wir werden nicht zulassen, dass das Management klammheimlich Produktionslinien des Verbrennungsmotors nach Rumänien oder Polen verschiebt.“ In Osteuropa unterhält Daimler weitere Powertrain-Fabriken. Mit Blick auf die niedrigen Arbeitskosten plädieren viele Manager intern seit Jahren dafür, verstärkt dort Motoren und Getriebe zu fertigen. Zumal der ganze Powertrain-Verbund nicht zuletzt durch die Coronakrise mit erheblichen Überkapazitäten zu kämpfen hat.Berlin Marienfelde blickt auf eine lange Historie zurück. Seit 1902 ist Daimler hier aktiv. Auch heute noch zählt die Marke mit dem Stern zu den größten Arbeitgebern in der Region Berlin-Brandenburg. Auf 500.000 Quadratmeter Werksfläche produzieren die Beschäftigten hier Motoren, Motorenkomponenten und Getriebe. Gewerkschafter Otto sieht sich nun aber laut eigener Aussage mit der „Ankündigung der schrittweisen Produktionsstilllegung“ in Berlin konfrontiert. Das sei industriepolitisch das völlig falsche Signal.

„Es kann doch nicht angehen, dass Tesla keine 50 Kilometer vom Mercedes-Benz-Werk Berlin entfernt ein ganz neues Werk mit 10.000 Arbeitsplätzen baut, und dem Daimler-Management fällt gleichzeitig nicht mehr ein, als vor der Zukunft zu kneifen und sein ältestes produzierendes Werk hier dichtmachen zu wollen“, kritisiert Otto. Das sei „verheerend“ für Deutschlands führende Premium-Automarke.Daimler selbst äußerte sich nicht zu konkreten Personalabbauplänen. Von einem Investitionsstopp oder gar einer Schließung des Werks will der Konzern aber nichts wissen. „Es wird auch in den Standort Berlin weiter Investitionen geben“, betonte Daimler auf Anfrage. Gleichwohl werde der Anteil der Investitionen in konventionelle Antriebe dabei „auf ein Minimum reduziert,“ während jener in Elektromobilität und Digitalisierung steigen soll.Prinzipiell gilt für die Tarifbeschäftigten von Daimler deutschlandweit ein Kündigungsschutz bis Ende 2029. Der avisierte Personalabbau müsste ergo über freiwillige Vehikel wie Altersteilzeit, Frühpensionierung oder Abfindungen erfolgen.Mehr: Daimler setzt im Stammwerk zum Kahlschlag an – 4000 Jobs stehen auf dem Spiel.

Read More