Anne Will mit Gästen: Wirksame Maßnahmen treffen, statt auf unwirksame zu bestehen

Foto: Wolfgang Borrs / NDR/Wolfgang Borrs

Wenn jemand in der Klasse oder im Seminar einmal zu Wort kommen möchte, aber nichts Besonderes beizutragen hat, dann schlägt die Stunde der Fensterfrage: Kann mal jemand bitte ein Fenster öffnen?Alle nicken dann, es ist ein guter Beitrag und die fensterfragestellende Person hat ihren Moment der Aufmerksamkeit. In dieser Sendung kam das Thema erst ganz am Ende. Da monierte Melanie Brinkmann, Genetikerin an der Technischen Universität Braunschweig, die schlechten Belüftungsmöglichkeiten in den deutschen Klassenzimmern und wer wollte ihr widersprechen? Die Moderatorin sicher nicht, vielmehr unterstrich sie die Brisanz dieser Beobachtung und Forderung durch ein zackiges “Und damit hören wir auf!” Klang sie erleichtert?

Eine Sendung mit Wolfgang Kubicki kündigt sich immer als Versprechen an. Seit vielen Jahren wirkt er in Runden dieser Art als Trickser, der mit unerwarteten Aperçus oder Schoten aus seinem privaten Leben den drückenden, deutschen Ernst vertreibt, ein Fensteröffner gegen die stehende Luft der Langeweile. Hier geriet auch er an seine Grenzen. Maskenpflicht bei Windstärke vierSein Highlight war die Erwähnung der “Windstärke vier” bei der die Regierung törichterweise noch auf Maskenpflicht besteht – damit beschwor er eine Szene maritimer Echtheit: ganze Kerle und gestandene Frauen an der Waterkant, denen Berliner Bürokraten mit kleinen Papier- und Stoffmasken winken, dabei kaum gegen den Wind ankommen. Windstärke vier – wer der Natur derartig trotzen kann wie die Menschen an der See, braucht keine Nachhilfe in Lebenskunst und schon gar nicht von denen in Berlin.

Als Vizepräsident des Bundestages tut sich Kubicki leider schwerer mit der Rolle des lustigen Luftikus als früher, also muss er dem Spaß noch eine gravitätische Basslinie unterlegen. Gestern war es: “Die Verfassung gilt auch während der Pandemie!” Das sagte er also. Da niemand das Gegenteil behauptet und er auch keinen Bruch der Verfassung bezeugen konnte, gegen den er ja auch in seinem Tagesjob hätte angehen müssen, verhallte der Spruch. War er für die obskuren, aber politisch heimatlosen Impf- und Coronamaßnahmengegner draußen im Lande gedacht? Dann würden die Liberalen schon ziemlich im Trüben fischen.

Die Runde beschwor dann in unterschiedlichen Wortbeiträgen wie wichtig es sei, gute Tests den schlechten vorzuziehen und wirksame Maßnahmen zu treffen, statt auf unwirksame zu bestehen. Die Gemeinsamkeit der Anstrengung wurde gelobt, dabei aber die regionalen Besonderheiten erwähnt. Eine andere Lage führt zu einer differenzierten Bewertung, also hieß es ohne falsche Rücksichtnahme, dass es in Kiel anders aussehe als in München – und auch diesen deutlichen Worten widersprach niemand.Olaf Scholz – vorbildliches Verhalten in jeder RundeOlaf Scholz variierte ein Lob auf Sorgfalt und Abwägung, auf Maß und Mitte, ganz so, als wolle er die in der deutschen Kultur – und Geistesgeschichte so starken Strömungen des Föderalismus, des Protestantismus und des Pragmatismus irgendwie in einen Satz zusammen rollen. Dabei fiel auf, dass er den anderen Gesprächsteilnehmern jederzeit die volle Aufmerksamkeit schenkte und niemanden unterbrach, ein vorbildliches Verhalten in jeder Runde, allerdings wird es auch etwas langweilig.

Die Vorsitzende des deutschen Ethikrats Alena Buyx entwickelte immerhin kurz eine praktische Theorie des politischen Nudgings, der Verhaltensänderung nicht durch Ge- und Verbote, sondern durch dezente Hinweise und diskrete Appelle.

Wenn Gesundheitsminister Spahn empfiehlt, die “Schönheit Deutschlands zu genießen”, statt in den Herbst- und Weihnachtsferien eine Fernreise zu unternehmen, dann regt das zum Selbstdenken an, lädt zu Zugeständnissen ein und die Leute blieben dann fröhlicher zu Hause, mit weniger Frust, als wenn man Grenzen schließt.Ein Seitenhieb gegen SöderInsgesamt empfahl die Runde, es pauschal anders zu machen als Markus Söder, der sich in Szene setzt. Der Chef der kassenärztlichen Vereinigung Andreas Gassen kritisierte Söder, ohne ihn zu nennen: Nur weil Maßnahmen besonders drastisch scheinen, bieten sie nicht zugleich größeren Schutz, die individuelle Verantwortung sei gefragt, auch wenn der Ministerpräsident noch so fürsorglich wirken möchte. Bei diesem Seitenhieb auf den abwesenden Bayern schien sich Kubicki, der kurz ins Bild geriet, zu freuen wie früher, als noch mehr Zoff war.

Dass der hier ausbleibt, ist eine tolle Nachricht, denn jene Länder, in denen Bürgerinnen und Bürger, Politikerinnen und Politiker, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kein Vertrauen mehr zueinander haben, tun sich in der Bekämpfung der Pandemie schwer. Ein internationales Problem auch als solches bekämpfenDie internationale Perspektive erst klärt darüber auf, womit wir es hier eigentlich zu tun haben, denn die Krankheit heißt nicht Pandemie, weil sie in Bayern und Hessen tobt, sondern weil alle Länder der Erde von ihr heimgesucht werden. Daher sind die Grenzen des Sendegebiets auch die konzeptionellen Grenzen so einer Sendung. Eine internationale, mindestens europäische Perspektive ist nötig, mit Vertreterinnen und Vertretern aus Italien, Spanien und dem Vereinigten Königreich beispielsweise, die die unterschiedlichen Erfahrungen bezeugen und die deutsche Geschichte in einen internationalen Kontext einordnen.

Corona begann nicht in Deutschland, betrifft nicht nur, nicht einmal in besonders starken Maße Deutschland und wird auch hier nicht entscheidend bekämpft werden. Man sollte nicht den Eindruck erwecken, dass es anders wäre. Bei allem Leid und Wahnsinn, den die Pandemie mit sich führt, sorgt sie doch auch für Momente der Wahrheit, zu denen gehört die Einsicht, dass ein internationales Problem auch international bekämpft werden muss. In unserer Werteordnung beinhaltet das, es zuvor auch international zu diskutieren. Sogar in Runden, in denen nicht alle Menschen deutsch sprechen.
Icon: Der Spiegel

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