„Wir lieben euch! Danke!“, schreit eine blonde Frau in Richtung der fünf Polizisten, die keine Miene verziehen. Sie hat sich eine Fahne umgebunden, trägt sie wie ein Superhelden-Cape. Darauf abgebildet: US-Präsident Donald Trump vor der amerikanischen Flagge, Feuerwerk im Hintergrund. Dann verschwindet die Frau hinter dem ersten von mehreren Sicherheits-Checks. Newport News im Osten des Bundesstaats Virginia, nahe des beliebten Urlaubsortes Virginia Beach. Es ist später Freitagnachmittag am kleinen Flughafen der Stadt. In wenigen Stunden wird Trump hier vor seinen Fans sprechen, 39 Tage vor der Präsidentschaftswahl. Trumps Fans unterwegs zum Veranstaltungsort Quelle: Carolina Drüten Trump ist auf Hochtouren an diesem Freitag: In Miami hat er am Morgen Latinos getroffen, in Atlanta hielt er eine Rede zur Wirtschaft, anschließend besuchte er eine Spendenaktion in Washington, DC. „Ich würde sagen, das ist ein ziemlich guter Tag“, sagte Trump zuvor. Die Stimmung unter den Fans ist gut. Die Ränge unter freiem Himmel sind gefüllt, ein Meer aus Blau-Rot. Viele tragen Schirmmützen mit Wahlkampf-Sprüchen: „Make America Great Again“ und „Trump 2020“. Sogar Vize Mike Pence ist zu seiner Unterstützung nach Newsport News angereist. Lesen Sie auch Szenarien für die US-Wahl Rallys sind für den Präsidenten nicht nur Teil des Wahlkampfes. Sie sind sein Wahlkampf. Während seiner Kampagne vor der vorigen Präsidentschaftswahl, als noch nicht die Corona-Pandemie die Welt beherrschte, hielt er über 300 solcher Veranstaltungen – und hörte auch nach seiner Wahl damit nicht auf. Nicht einmal Corona hält ihn nun davon ab. Wie fühlt sich ein solches Event an? Sechs Erkenntnisse aus Virginia. Eine Trump-Rally ist wie ein Popkonzert Während in Deutschland Politiker mit Sonnenschirm auf dem Marktplatz stehen und Luftballons vertreiben, ist eine Trump-Rally wie ein Popkonzert. Es spielt Musik, „We are the champions“ von Queen, später sogar die Backstreet Boys. Um die Bühne herum sind drei Tribünen aufgebaut, gut gefüllt mit Fans, die Poster in die Höhe recken. Lesen Sie auch Als „Eye of the Tiger“ von Survivor zum dritten Mal läuft, rollt die Air Force One an. Zahlreiche Smartphones richten sich auf die Maschine, filmen den Moment, wie die Treppe ans Flugzeug gerollt wird, wie Trump aus der Tür tritt. Er ist der Star des Abends, zumindest für seine Fans. Nicht alle Trump-Wähler sind alte, weiße Männer Lien ist eine von denen, die die Trump-Rally in Newport News besuchen. Ihren Nachnamen möchte sie nicht nennen, ebenso wenig ihr Gesicht zeigen. Die Informatikerin will verhindern, dass ihr Arbeitgeber sieht, dass sie eine Trump-Rally besucht. Lien, Informatikerin, 48 Jahre. Will ihr Gesicht nicht zeigen, weil ihr Arbeitgeber nicht wissen soll, dass sie auf Trump-Rally geht Quelle: Carolina Drüten Für die 48-Jährige hat Trump den amerikanischen Traum zurückgebracht: „Meine Familie und ich sind vor über 20 Jahren aus Vietnam nach Amerika gekommen. Ich weiß, wie sich der Kommunismus anfühlt. Er trägt nichts dazu bei, dass die Menschen ihre Träume erreichen. Er korrumpiert die ganze Gesellschaft“, erzählt sie. „Als wir hier ankamen, hatten wir nichts. Keinen Pfennig. Amerika hat uns die Chance gegeben zu lernen, zu studieren, zu arbeiten. Solange wir nur hart genug arbeiten, können wir uns alles erfüllen, wovon wir geträumt haben. Ein Haus, ein Auto.“ Lesen Sie auch Lien unterstützt die harsche Migrationspolitik des Präsidenten: „Meine Familie und ich sind auf legale Weise in dieses Land gekommen. Es hat Jahre gedauert, wir mussten wirklich dafür kämpfen, hier bleiben zu dürfen. Wir sind nicht einfach über irgendeinen Zaun geklettert. Wir haben uns hintenangestellt. Menschen einfach reinzulassen, ist unfair gegenüber denjenigen, die sich an die Regeln halten.“ Patriotismus pur Noch bevor der Präsident die Bühne betritt, sprechen die Besucher der Rally zusammen den „Pledge of Allegiance“, den amerikanischen Treueschwur. Auf Deutsch geht der so: „Ich schwöre Treue auf die Fahne der Vereinigten Staaten von Amerika und die Republik, für die sie steht, eine Nation unter Gott, unteilbar, mit Freiheit und Gerechtigkeit für jeden.“ Für genug Fahnen und Fanartikel ist gesorgt Quelle: Carolina Drüten Anschließend singen alle zusammen die Nationalhymne. Kaum sind die letzten Töne verklungen, skandiert die Masse: „USA! USA! USA!“ Und zwei Kräne für Schwerlasten halten eine überdimensionale amerikanische Flagge in die Höhe. Mehr Patriotismus geht kaum. Vorsicht vor Corona? Ein kleines bisschen Geschätzt trägt etwa die Hälfte der Menschen Masken. Ein Sicherheitsabstand ist völlig unmöglich, die Menschen stehen dicht an dicht. Als sich ein Sicherheitsmitarbeiter durch die Menge schiebt, kommt er kaum durch. 4000 Menschen wurden im Vorfeld erwartet – obwohl im Bundesstaat Virginia bei Versammlungen eine Obergrenze von 250 gilt. Lesen Sie auch Dr. Natasha Dwamena, eine Bezirksdirektorin des Gesundheitsministeriums Virginia, forderte zuvor in einem Brief, das Event zu verschieben, zu verkleinern oder abzusagen – andernfalls befürchte sie eine „ernsthafte Bedrohung der öffentlichen Gesundheit“. Nach einer Trump-Wahlkampfveranstaltung in Tulsa, Oklahoma, im Juni stiegen die Corona-Fallzahlen an – was die örtlichen Gesundheitsbehörden auch auf die Rally zurückführten. Es geht um Waffen. Und um Richter „Wenn der ‚verschlafene Joe’ gewinnt“, – so nennt Trump seinen Herausforderer – „dann wird das second amendment abgeschafft.“ Der zweiten Zusatzartikel zur Verfassung der USA verbietet es, das Recht auf Besitz und Tragen von Waffen einzuschränken. „Dann werden eure Schusswaffen konfisziert!“, droht Trump. Buhrufe aus dem Publikum. Und so verspricht der Präsident am Ende, er werde dafür sorgen, dass dieses Recht gewahrt wird. WELT-Reporterin Carolina Drüten war zum ersten Mal auf einer Trump-Rally (Maske nur fürs Foto abgenommen) Quelle: Carolina Drüten Sowohl Pence als auch Trump betonten in ihren Reden, sie würden „den Platz besetzen“. Gemeint ist damit die Ernennung eines Richters für den Obersten Gerichtshof der USA, bei dem nach dem Tod der Richterin Ruth Bader Ginsburg eine Stelle unbesetzt ist. „Besetzt den Platz“, rief die Menge immer wieder. Trump versprach, seine Wahl am Samstag zu verkünden. Am frühen Abend war durchgesickert, dass wohl Amy Coney Barrett nach Trumps Plänen den vakanten Sitz einnehmen soll, wie die Fernsehsender CNN und CBS, sowie „New York Times“ und „Washington Post“ berichteten. Die Ernennung von Supreme-Court-Richtern ist in den USA zum Politikum geworden, da sie die Rechtsprechung des Landes in zentralen Politikfeldern über viele Jahre prägt. Es ist egal, wie viele Menschen da sind – Hauptsache, der Platz ist gefüllt Trumps diesjährige Wahlkampfveranstaltungen sind kein Vergleich zu Rallys im letzten Wahlkampf, als bis zu 25.000 Menschen Trump zujubelten. Bei der Tulsa-Rally im Juni war Platz für bis zu 19.000 Menschen – doch es tauchten bloß 6200 auf. Trump soll sehr wütend gewesen sein angesichts der geringen Teilnehmerzahl. Dass bei der Virginia-Rally von vornherein deutlich weniger Besucher eingeplant waren, scheint den Präsidenten allerdings nicht zu stören. Lobend äußerte er sich über „so viele Menschen“ und forderte die Kameraleute der anwesenden Fernsehsender auf, auch hinter sich zu filmen, um das wahre Ausmaß der Rally aufzuzeichnen. Lesen Sie auch Der Trick: Die Fläche für die Fans war dieses Mal deutlich kleiner als sonst, und so geschickt abgesperrt, dass Trump auch bei deutlich weniger Besuchern auf gut gefüllte Ränge geblickt hätte. Scheint, als sei Trump die Außenwirkung wichtiger als der tatsächliche Andrang. Nach knapp eineinhalb Stunden Rede kommt Trump zum Ende – er stehe schließlich immer sehr früh auf, betont er. „Ich arbeite sehr hart.“ Zum Abschied verspricht er seinen Fans allerlei Dinge, die sie mit Jubel goutieren –  „Wir werden Amerika zu einer Produktions-Supermacht machen! Wir werden unsere Bande mit China ein für allemal kappen! Wir werden die radikale Indoktrinierung unserer Studenten stoppen!“ Aus den Lautsprechern ertönt „YMC“ von The Village People. Trump wippt im Takt, tanzt dann sogar ein wenig, klatscht im Takt. Dann steigt er die Treppen zur Air Force One hinauf, winkt seinen Zuschauern ein letztes Mal zu – und verschwindet im Nachthimmel. An dieser Stelle finden Sie Inhalte aus Podigee Um mit Inhalten aus Podigee und anderen sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir Ihre Zustimmung.
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